enkeltauglich leben

Ältersein unter anderen

Ist das Alter eine unsichtbare Grenze – auch unter Menschen, die sich der Achtsamkeit verschrieben haben? Eine Move-Utopia-Teilnehmerin schildert ihre Erfahrungen.von Beate-Maria Frege, erschienen in Ausgabe #44/2017
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»Ich bin Jahrgang 1955 und gehöre nunmehr zur ›älteren Generation‹. Sollte dies ein Grund sein, keine Vision für eine bessere Zukunft haben zu dürfen?« Mit diesem Bedenken wurde ich auf dem Move-Utopia-Treffen, zu dem vergleichsweise wenige aus meiner ­Altersgruppe gekommen waren, konfrontiert. Move Utopia war geprägt vom frischen Wind junger Initiativen und Ideen. Doch auch ein paar ältere Menschen sind auf das Zusammentreffen in Mecklenburg-Vorpommern gefahren – mit ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten im Gepäck.
Über Oya und meine Tochter Leonie, Mitglied im Oya-Redaktionskreis, bin ich auf die Veranstaltung aufmerksam geworden. Die angekündigte ­Auseinandersetzung mit den Themen »Gemeinschaft« und »Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft« haben mich neugierig gemacht und dazu bewogen, mit meinem Zelt nach Lärz zu fahren. Der Untertitel »Eine Welt nach Bedürfnissen und Fähigkeiten« ließ mich vorab über meine eigenen Bedürfnisse und auch Fähigkeiten nachdenken. Dabei wurde mir klar, dass ich ein Teil von diesem Treffen sein und mich vor Ort mitteilen wollte.
Auf dem Gelände angekommen, haben mich die Fülle der Angebote und das harmonische Miteinander auf dem Platz beeindruckt. Konzentriert, offen und mit einer klaren Bereitschaft zum Miteinander tauschten sich die Menschen in den Workshops, während der Vorträge, vor den Zelten, auf den Wiesen und in der Essensschlange aus. Es hat mir Spaß gemacht und mich tief berührt, dies zu beobachten, und ich bin sehr dankbar für die vielen spannenden ­Impulse, die ich bekommen habe.
»Wie ist es dir auf dem Move Utopia ergangen?« Als meine 25 Jahre alte Tochter mir kurz vor meiner Abfahrt diese Frage stellte, kam eine weitere Emotion zum Vorschein: das Gefühl, nicht wirklich ein Teil der Gemeinschaft gewesen zu sein. Ich spürte plötzlich die Anstrengung, die Traurigkeit, das Sich-alleine-Fühlen inmitten dieser entstehenden Camp-Gemeinschaft. Viele kleine Begebenheiten nährten dieses Gefühl. Beim Warten in der Essensschlange wurde ich nicht angesprochen, sondern musste selbst Gespräche initiieren; während des Gemüseschnippelns musste ich viel reden, bis ich spüren konnte, in dieser spontanen Runde ›dabei‹ zu sein; bei Partnerübungen blieb ich übrig …

Ungeachtetes Bedürfnis
In keinem dieser Momente hatte ich das Gefühl, die Ausgrenzung sei gewollt. Ich empfand sie eher als eine unbewusste, unachtsame Haltung. In dem Gespräch mit Leonie kam zunächst eine tiefe Traurigkeit auf, dass ich diese Erfahrung auf einem Zusammentreffen machte, bei dem es doch gerade um Achtsamkeit ging. Aus dieser Traurigkeit heraus wurde uns jedoch auch klar, dass es unsere Verantwortung ist, das Gefühl, ausgegrenzt zu sein, zu benennen und die Möglichkeit für eine gemeinsame Auflösung zu schaffen. Mein Bedürfnis war und ist es, gesehen und angenommen zu werden – auch in meinem Ältersein. Es ist immer wieder eine Herausforderung, meine tiefen Bedürfnisse zu spüren und zugleich verbalisieren zu können.
Sollte das Move Utopia ein weiteres Mal stattfinden, würde ich wieder hinfahren – dann zwar ohne die Erwartungshaltung, von jüngeren Menschen eingeladen zu werden, aber mit dem deutlich ausgesprochenen Bedürfnis, einen Platz in diesem Zusammentreffen für eine bessere Welt miteinander einnehmen zu können. \ \ \


Im Austausch sein
beate-maria.frege_ät_arcor.de

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