enkeltauglich leben

Aufgewachsen unter Erzählerinnen

von Undine Stiwich, erschienen in Ausgabe #46/2017
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Ich bin in Lüchow mitten im Wendland geboren. Meine Vorfahren stammen von hier. Als Kind – ich hatte gerade erst Schreiben gelernt – habe ich mir Notizen gemacht, wenn mir die alten Leute von den Sagen und Bräuchen erzählten. Diese Geschichten, die es nur aus den Mündern der Menschen gab, die sie mir erzählten, zogen mich magisch an. Einiges davon ist zwar historisch belegt und dokumentiert, aber vieles wurde immer nur mündlich weitergegeben. Nun leben diese alten Leute schon lange nicht mehr.
Meine Großmutter war sehr abergläubisch. Ihr ganzes Leben hat sie nach den alten Bräuchen ausgerichtet. Sie verstopfte zu Weihnachten die Spalten in Türen und Fenstern als Schutz vor dem Helljäger – einem Windgeist, der meist auf einem Schimmel durch die Lüfte jagt. Als Kind kannte ich nichts anderes. Damals hieß es, dass da draußen im Wald eine alte Frau allein lebte. Man sagte mir: »Du darfst dort niemals hingehen!« Vor lauter Neugier bin ich aber doch zu ihrem Haus gelaufen. Bei ihr habe ich Wunder erlebt, die glaubt mir niemand. Sie erzählte mir von den Zwergen, die gar nicht so böse waren, wie die Menschen dachten. Sie stellte den Zwergen immer etwas vor die Tür, an ihre Eingänge an den Baumwurzeln. Am nächsten Tag lag dort ein süßes Brot – eines, das die Zwerge gebacken hatten. ­Eines, das man nicht selbst backen konnte. Als die alte Frau gestorben war, habe ich mich zu ihrem Haus geschlichen. Ich wusste noch, dass sie in einer Vase eine Apfelblüte hatte. Die war frisch, als ich sie Tage zuvor besucht hatte. Nun, als ich nach ihrem Tod ins Haus kam, war sie verwelkt. Das ist mir in Erinnerung geblieben. Ich bin mit den Geschichten groß geworden. Das Studium lehrte mich dann, zu denken: »Das kann nicht sein, das ist nur eine Sage.« Doch für mich waren die Traditionen immer lebendig. Wie meine Großmutter und meine Mutter tanze auch ich heute Pfingstbräuche in Trachten. Seit 40 Jahren leite ich die Trachten- und Volkstanzgruppe »De Öwerpetters«.
Ich lebe in einem alten Bauernhaus abseits des Dorfs Karmitz bei Lüchow. Es war das Haus der Leichenwäscherin, der letzten ihrer Art im Landkreis. Später gehörte es Berliner Eheleuten, die es als Ferienhaus nutzten. Niemand sonst wollte darin wohnen. Ich bewohne heute mit meinem Mann den ehemaligen Pferdestall. In der großen Diele steht noch immer ein alter Kaminofen, auf dem ich zu Weihnachten koche. Dann fordern mich die Kinder und die Erwachsenen auf: »Erzähl doch eine Geschichte!« Das passiert dort von allein. Das Geschichtenerzählen kommt aus meinem Inneren. Ich erzähle sie so, wie sie stimmig sind in der Situation. Wenn ich die Gefühle, die ich in eine Geschichte lege, in dem Moment des Erzählens selbst spüre, kann ich die Geschichte weitergeben. Das kann man nicht aufschreiben.
Die Geschichten spielen hier in der Umgebung, wie das Jammerholz von Grabow oder die Sage der Unnererdschen von Bösel – Zwergen, die unter dem Hollerbusch leben und des Nachts ihr Wesen in den Stuben des kleinen Dorfs treiben. Solche Gestalten leben an ganz bestimmten Orten zwischen Höhbeck, Lemgow und Drawehn. Der Amtsturm von Lüchow oder der Schäferstein bei Lübbow, der bis heute magische Kraft hat – das ist alles ganz nah und unmittelbar spürbar. Man kann hingehen und nachsehen, auch heute noch.
Ich erzähle auch, was ich selbst erfahren habe. Vor vielen Jahren war die Stadt Lüchow so knapp bei Kasse, dass sie keinen Weihnachtsbaum für den Marktplatz kaufen konnte. Also tat sich die Bevölkerung zusammen und stiftete einen Baum, schmückte ihn festlich und fand sich darunter wieder, um Musik zu machen. Das sind die Geschichten aus der heutigen Zeit, die ich erzähle. Ich nehme keinen Eintritt. Warum sollte ich? Ich will den Menschen eine Freude machen, damit muss ich kein Geld verdienen.

Undine Stiwich erzählte oft am Heiligabend im Norddeutschen Rundfunk Weihnachtsgeschichten. Sie ist Stadtarchivarin in ­Lüchow.

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