enkeltauglich leben

Poesie und Wissenschaft

von Stefan Sylla, erschienen in Ausgabe #46/2017
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© Panicha Kongkrapan

Bei der Unterstützung eines Land-Management-Projekts in Laos hatte ich über vier Jahre hinweg fast meine ganze Zeit am Schreibtisch verbracht: Wie sollte ich mit einem ­Computer und einer Kaffeetasse auf dem Tisch dazu beitragen, dass meine Umgebung ein lebendigerer Ort werde? Im Jahr 2014 zog ich auf der Suche nach mehr Lebendigkeit nach Thailand. Ich fand sie in einem Gartenprojekt. Ein älteres Ehepaar, Herr und Frau Khem-nguad, hatten mir dafür ein Grundstück etwas außerhalb von Chiang Mai zur Verfügung gestellt. Seit meiner Kindheit hatte ich zum ersten Mal wieder das Wunder eines keimenden Samens beobachten können. Leider musste ich das Vollzeitgärtnern wegen einer Dozentenstelle an der Universität in Chiang Mai wieder aufgeben, aber ich zog mit meiner Freundin in ein kleines Haus auf dem Gelände der Khem-nguads. Diese beiden großherzigen Menschen vermittelten, dass Besitz erst dann an Wert gewinnt, wenn er geteilt wird – und das in einer Zeit, in der in Thailand gerade in vielen Dörfern, in denen die Bewohner ihr Land bisher gemeinschaftlich bewirtschaftet hatten, alles zerteilt, verkauft, umzäunt oder ummauert wird.
Die Gewalt des westlichen Imperialismus ist bis heute hier zu spüren – die fortschreitende Privatisierung ist ein Teil davon. Seit bald 150 Jahren hat westliches Gedankengut hier Einzug gehalten und ist zum Maßstab für viele Dinge geworden, auch an meiner Universität. Bin ich durch meine Arbeit selbst Teil der Erzählung von der Überlegenheit des Westens? Vielleicht suche ich deshalb so intensiv in meiner eigenen Kultur nach Sichtweisen, die nicht dazu taugen, sie einer anderen überzustülpen, sondern die bei der eigenen Erfahrung ansetzen.
Über Johann Wolfgang von Goethe ist bekannt, dass er viel in der Natur unterwegs war, ständig wandernd gelernt und geforscht hat. In seinen naturwissenschaftlichen Schriften, vor allem der »Farbenlehre«, übte er scharfe Kritik an Sir Isaac Newton, dem Begründer der klassischen Mechanik. Für ­Goethe gehörten Wissenschaft, Erfahrung und Poesie zusammen. Seine Arbeiten fielen aber in einer Zeit, in der das newtonsche Denken des Auseinandernehmens und des Abstrahierens auf dem Vormarsch war, auf unfruchtbaren Boden. Das hat sich bis heute nicht geändert. Wenn ich im Studium meinem Geografie-Professor erzählt hätte, dass Poe­sie ein Weg der wissenschaftlichen Betrachtung einer Landschaft sein könne, hätte ich wohl nur Kopfschütteln geerntet. Ich wünsche mir, dass Wissenschaft aus echtem, innigem Zuhören entsteht – dann wäre eine Kultur weniger geneigt, zu kolonisieren, sondern brennend daran interessiert, was Menschen anderer Kulturen »hören«, wie auch an der mehr-als-menschlichen Umgebung.
Warum meinen wir, mit der Natur wie in einem Verhör kommunizieren und ihr vorgefertigte Hypothesen und Theorien überstülpen zu müssen? In einer Gruppe von Studierenden im Kurs »Kartographisches Design« stellten wir uns die Frage, warum Flüsse oder Seen auf Karten immer blau sind. In der Natur erscheint Wasser schließlich nur sehr selten so, sondern ist eher bräunlich-grün. Wir unternahmen einen Spaziergang auf dem Uni-Gelände, und es wurde ziemlich schnell klar: Blau ist auf der Erde eine sehr seltene Farbe. Nur wenn wir hochblicken, sehen wir überall Blau am wolkenlosen Himmel. Warum ist der Himmel blau? Gibt es noch andere Blau-Erscheinungen, die wir mit dem Himmelsblau vergleichen könnten? Der Ozean im Süden Thailands hat manchmal etwas davon. Haben die Phänomene etwas gemeinsam? Eine Studentin meinte, beide seien »tief und klar«: das Wasser im Ozean und der Himmel über uns. In beiden Fällen befindet sich eine erleuchtete Sphäre vor Dunkelheit: das Oberflächenwasser über der tiefen See, die Atmosphäre vor dem Weltraum. So ­kamen wir zu dem Schluss: Blau hat eine wesenhafte Beziehung zum Dunkeln, zur Tiefe. In der Karte entdeckten wir, dass Wasser in einer Landschaft immer an tiefen Stellen erscheint: Ein Fluss verläuft entlang der Tiefenlinie eines Tals, ein Sumpf, ein Teich oder ein See befinden sich in einer lokalen Vertiefung. Wasser sucht Tiefe. Was sagt mir das über die Welt? Ich lasse es in mir wirken.

Als Geograf, Geologe und Kulturanthropologe ist Stefan Sylla seit vielen Jahren und in vielen Kulturen auf der ­Suche nach einem tieferen Naturverständnis.

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