enkeltauglich leben

Im Waldgarten

von Stefan Schwarzer, erschienen in Ausgabe #46/2017
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© Sebastian Rost

Gerne halte ich Vorträge über die für mich sehr faszinierende Geschichte des kulturellen Übergangs vom Jagen und Sammeln zum Ackerbau. Der Evolutionsbiologe Jared Diamond bezeichnet diesen Schritt als größten Fehler der Geschichte: Die Menschen wurden kleiner und kränker, die Stellung der Frau verschlechterte sich, es entstanden Eigentum, Hierarchien, Herrscher und Heere. Mit dem Pflügen begann die menschengemachte Erosion. Fast jede Zivilisation ist durch schlechten Umgang mit dem Boden irgendwann zusammengebrochen.
Vor zwei Jahren hatte ich auf dem Gelände der Gemeinschaft Schloss Tempelhof die Gelegenheit, auf 700 Quadratmetern ein Waldgarten-Terrain anzulegen. Hätten wir einen Stall mit 40 000 Hühnern gebaut, hätten wir reichlich EU-Subventionen beantragen können – nicht aber für einen Waldgarten, einen möglichen Baustein einer zukunftsfähigen Landwirtschaft. Also organisierten wir Waldgarten-Seminare und begannen mit den Teilnehmenden sowie mit Menschen aus unserer Gemeinschaft, das vorgesehene Gelände Stück für Stück zu bepflanzen.
Unser Fokus lag zuerst auf der Bodenbedeckung, dem essbaren Unterbewuchs zwischen den Bäumen und Sträuchern in Form von mehrjährigen Wildpflanzen, wie Taubnessel, Staudenkresse oder Gemüse-Ampfer. Gundermann zum Beispiel ist ein hervorragender Bodenbedecker; wir haben ihn mit der hochwachsenden Süßdolde kombiniert. Beinwell und Wiesenknöterich unterdrücken den Grasbewuchs ebenfalls sehr gut. Unsere Kriterien für die Pflanzenauswahl waren vor allem, dass sie lecker schmecken, möglichst gut zum Standort passen und vielfältig verwendbar sein sollten – das Grün, die Blüten, die Samen oder auch die Wurzeln.
Der letzte Waldgarten-Kurs fand im September statt. Wir wollten nicht nur jäten und pflanzen, sondern zum ersten Mal auch richtig ernten. An einem sonnigen Nachmittag sammelten wir Blätter, Blüten und Samen. Zwei Jahre lang hatte ich immer gesagt: »Später wird es hier auch etwas zu essen geben« – jetzt war es endlich soweit. Überall blühte es, auf Schritt und Tritt begegneten uns Käfer, Schmetterlinge und Spinnen, und wir schwelgten in den intensiven Geschmacksnoten unserer pflanzlichen Waldgarten­bewohner. Viele Aromen sind eher ungewöhnlich, aber manchmal ging es uns wie der koch­begeisterten Ratte im Film »Ratatouille«: In einer Szene beißt sie in ein Stück Käse, worauf über ihrem Kopf sofort Blasen voller Ideen, was sie damit alles kochen und womit sie es kombinieren könnte, auftauchen. Die Blüten vom Teefenchel – köstlich! Die Zipfel der Taubnessel – unbeschreiblich lecker! Am Abend gab es von uns selbst gesammelten und zubereiteten Wildpflanzensalat, als Hauptgericht wurde von den Tempelhof-Köchen vorbereitetes Wildpflanzenpesto serviert und zum Frühstück Wildpflanzen-Smoothie – für alle ein Fest.
Das Sammeln im Waldgarten fühlte sich anders an, als ein Gemüsebeet abzuernten. Vielleicht waren wir damit nah am Lebensgefühl prähistorischer Sammlerinnen und Sammler, die wussten: Überall wächst Essbares von ganz allein – geschenkt.
Ich glaube nicht, dass Waldgärten nur Spielerei sind. Wenn auf unserem Gelände einst auch Obst, Beeren und Nüsse zu ernten sein werden, wird das reichlich Ertrag bringen und Acker wie Gemüsebeet sinnvoll ergänzen.

Der Geograf und Permakultur-Designer Stefan Schwarzer organisiert das Symposium »Aufbauende Landwirtschaft« und ist Co-Autor des Buchs »Die Humusrevolution«. www.lebensraum-permakultur.de

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