enkeltauglich leben

Neuland gewinnen (Buchbesprechung)

von Jochen Schilk, erschienen in Ausgabe #46/2017
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Bei der Wortkombination »ländliche Regionen in Ostdeutschland« erwartet man meist schlechte Nachrichten von Niedergang, Abwanderung, Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Aber natürlich gibt es auch viele Menschen, die unter derartigen Umständen mit Visions- und Innovationskraft sowie mit viel Improvisationstalent wirklich tolle Dinge anstoßen. Die Robert Bosch Stiftung unterstützt solche »Neulandgewinner« in den ländlichen Regionen der neuen Bundesländer im Rahmen eines Förderprogramms finanziell und ideell. Im von den drei Programm-Mentorinnen Siri Frech, Babette Scurrell und Andreas Willisch herausgegebenen Buch »Neuland gewinnen – Die Zukunft in Ostdeutschland gestalten« stellen sich zwei Dutzend Projektbetreiber mit eigenen Texten vor oder werden im Rahmen von Interviews zu ihren Erfahrungen ­befragt. Oft geht es dabei um die Nutzbarmachung leerstehender Immobilien für die Allgemeinheit (z. B. Lernorte, Ausstellungs- und Veranstaltungsräume, Cafés); unter den prämierten Initiativen finden sich aber auch eine Schülerwährung, eine Energiegenossenschaft in Bürgerhand, eine Heimatkunde-Tour, die Jugendlichen das berufliche Potenzial ihrer Region näherbringt, sowie eine Idee, wie das Auto-Trampen in Gegenden mit schlechter ÖPNV-Versorgung zu einer Selbstverständlichkeit zu machen wäre. Diese Texte fand ich – als Neubewohner des ländlichen Ostdeutschlands – überwiegend sehr interessant. Wer Oya für ihre Geschichten des Gelingens schätzt, wird im Buch reichlich fündig werden (wobei die Sache mit dem Mitfahrer-System eine – nicht weniger interessante – Geschichte des Scheiterns ist).
Neben den Projektvorstellungen bietet das Buch im »Gesellschaft und Transformation« betitelten Mittelteil eine Reihe an kurzen, auch für Nicht-Akademiker gut lesbaren Texten, in denen die Umstände und Leistungen der ländlichen Innovatorinnen in den – zumeist soziologischen – Blick genommen werden. Den zahlreichen Fotos aus den bunten Graswurzelprojekten sind zudem unkommentierte, großformatige Abbildungen von ländlichen Industrielandschaften (Land- und Forstwirtschaft, Tourismus, Solar- und Windparks) gegenübergestellt – ein Kontrast, der beim ersten Durchblättern auf eigenartige Weise zu verstören vermag.
»Neuland gewinnen« will laut Klappentext Mut machen und ansteckend wirken. Das sollte auch bei nicht in Neufünfland lebenden Lesern gut funktionieren.
 

Siri Frech, Babette Scurrell, Andreas Willisch (Hg.):
Neuland gewinnen
Die Zukunft in Ostdeutschland gestalten.
Ch. Links Verlag, 2017, 272 Seiten
ISBN 978-3861539490
25,00 Euro

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