enkeltauglich leben

Widerstand und breite Bündnisse

von Nina Treu, erschienen in Ausgabe #47/2018
Photo
© Ines Lindenau

Die Frage nach dem Wesentlichen erreichte mich kurz vor dem ersten Plenum zur Vorbereitung eines Leipziger Klimacamps mit einer Degrowth-Sommerschule. Ich habe mich über die Anfrage gefreut, aber auch ein bisschen Sorge gehabt, dass mir so ein zusätzlicher Artikel zu viel wird. Denn kurz darauf hielt ich auf einer Tagung zu verbindender Bildung in Berlin einen Workshop, fuhr mit einer Kollegin auf eine kleine Veranstaltungstour nach Österreich, war auf einem Zweitagestreffen der internationalen Degrowth-Support-Group bei Turin und richte bald mit zwei Kolleginnen ein Wochenend-Seminar zu transformativem Lernen aus. Nicht zu vergessen: das normale Alltagsgeschäft im »Konzeptwerk Neue Ökonomie« für die laufenden Projekte und die Arbeit, die durch die Vorbereitung der Sommerschule entsteht. Was für eine Aufzählung! Doch darin steckt auch, was wesentlich ist: die Verbindung zwischen Freude und Politik, zwischen Arbeit und Muße, zwischen verschiedenen Akteuren und Themen. Daher habe ich mich entschieden, doch etwas Kurzes zu schreiben.
Für mich ist wesentlich, politisch aktiv zu sein, aber mich nicht zu übernehmen – wirksam zu sein, aber nicht zu denken, dass die Transformation nur von der eigenen Kraft abhinge. Nicht zu vergessen, dass das Leben auch Freude machen darf und wir Zeit brauchen, uns um uns selbst und um andere zu kümmern. Sachen auch mal nicht zu erledigen und darauf zu vertrauen, dass sie jemand anders übernimmt, wenn sie getan werden müssen.
Wirklich wichtig ist, Politik mit Menschen zu machen, mit denen wir uns gut verstehen, damit wir die Freude beibehalten – aber nicht nur mit diesen zusammenzuarbeiten, sondern auch mit Menschen aus anderen Kontexten. Das weitgefasste plurale linke Spektrum, in dem ich mich verorten möchte, braucht breite Bündnisse und muss Leute an verschiedenen Orten ansprechen, nicht nur in der eigenen Blase. Es ist wichtig, unsere Themen so zu vermitteln, dass sie in anderen greifbar, verständlich, authentisch und inspirierend wirken.
Das Klimacamp mit der Degrowth-Sommerschule ist für mich ein gutes Beispiel: Wir organisieren das Camp basisdemokratisch, und alle Arbeit muss vor Ort von allen erledigt werden. So wird deutlich, dass eine soziale, umweltgerechte Gesellschaft viel Arbeit ist, aber auch viel Spaß macht. Alle am Camp Teilnehmenden können sich in die Gestaltung einbringen und in den Veranstaltungen viel lernen, sollten sich aber auch an den täglichen Aufgaben – wie kochen, moderieren, Kinder betreuen, Schilder aufstellen, Klos putzen etc. – beteiligen. Das Miteinander im Orgakreis und auf den Camps ist besonders: Wir begegnen uns auf Augenhöhe, gehen achtsam miteinander um und bringen die Vorbereitung durch Arbeitsteilung in Untergruppen dennoch effektiv voran. Diese Grundhaltung überträgt sich jedes Jahr aufs Camp und lässt dadurch eine sehr spezielle Atmosphäre entstehen. Es gibt einen Zusammenhalt und eine Solidarität, die direkt spür- und erfahrbar sind. Das motiviert die Teilnehmenden, solche Räume auch im Alltag zu suchen oder zu schaffen.
Auf den Camps wird anhand von Diskussionen, Workshops und praktischer Arbeit greifbar, was eine Transformation bedeu­ten könnte. Wir leben das, wofür wir stehen, und ziehen uns dabei nicht zurück, sondern gehen an Orte, wo der Konflikt um die Energieversorgung der Zukunft deutlich wird. Wir versuchen, unsere Vorstellungen von einer besseren Gesellschaft nicht nur theoretisch auszubuchstabieren, sondern sie auch miteinander und mit weiteren Betroffenen zu verhandeln und mit unserem Protest und Widerstand zu verbinden. Das Wesentliche ist für mich, die zentralen gesellschaftlichen Konflikte und mögliche Lösungsvorschläge zusammenzudenken. Es geht also nicht nur darum, dafür oder dagegen zu sein, nicht nur um mehr Demokratie oder ­soziale Gerechtigkeit oder echte Nachhaltigkeit, sondern um alles gemeinsam – und darum, diese Verbindung in unseren Alltag und in unsere politischen Aktivitäten zu tragen.


Nina Treu
stellten wir im Porträt »Gemeinsam wirksam werden« in Ausgabe 28 über die Abkehr vom Wachstumsdiktat als Mit-Koordinatorin der 4. Degrowth-Konferenz 2014 in Leipzig vor.

weitere Artikel aus Ausgabe #47

Photo
von Declan Kennedy

Verrücktheit in der richtigen Richtung

Stefan Schwidder: Declan, du schreibst auf deiner Website, dass du inspirieren und ein Vorbild sein möchtest, um ein neues Bewusstsein für uns selbst und für die Erde zu entwickeln. Wie kann das gelingen? Declan Kennedy: Über die Intuition. Ich sehe eine meiner

Photo
von Geseko von Lüpke

Die verbundene Wahrheit der Herzen

Wie geht das nur – eine andere Welt zu bauen? Charles Eisenstein hat das fix mal in einen Buchtitel gegossen und gesagt »Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich!«. Stimmt ja. Und die Wünsche und entsprechenden Forderungen, die ich an die Politik stellen

von Ute Scheub

Chaos (Buchbesprechung)

»Chaos – das neue Zeitalter der Revolutionen« heißt das neue Buch von Fabian Scheidler, das in Fortsetzung seines historisch orientierten Mammutwerks »Das Ende der Megamaschine« die globale Gegenwart und Zukunft analysiert. Der Titel machte mich skeptisch. Wird

Ausgabe #47
Was ist wesentlich?

Cover OYA-Ausgabe 47
ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion