Titelthema

Für eine ontologische Wende

von Silke Helfrich, erschienen in Ausgabe #47/2018
Photo
© Boris Goldammer

»Praktiken sind ohne die darunterliegende Weltsicht leblos«, schreibt Fréderic Laloux. Und doch machen wir uns diese Weltsicht oft nicht bewusst. Wir nehmen sie hin, wie wir hinnehmen, dass die Erde uns trägt, wenn wir einen Fuß vor die Tür setzen. Nun, wahrscheinlich würden wir verrückt, wenn wir täglich den Grund hinterfragten, auf dem wir stehen: unser ganz grund-legendes Weltverständnis. Unsere Art, über das Sein, das Menschsein, das Welt-Sein zu denken. Die Philosophinnen nennen das »Ontologie«. Doch genau das ist nötig: von Grund auf ver-rückt zu werden, indem wir die Grundlagen, aus denen wir Praktiken ableiten, im Wortsinn ver-rücken. Sonst wird das nichts mit einer enkeltauglichen Politik. Denn auch diese ist nur eine Praxis und »ohne die darunterliegende Weltsicht leblos«. Die Weltsicht erst haucht ihr das Leben ein, welches wiederum Leben vertiefen oder Leiden hervorbringen kann.
Ein Beispiel: Wenn ich davon ausgehe, dass die Menschen »individuelle Nutzenmaximierer« sind, anstatt zu begreifen, dass sie das unter bestimmten Bedingungen erst werden – kann ich ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht einmal denken. Gehe ich hingegen davon aus, dass alle Menschen ein schöpferisches Potenzial und ein reales Bedürfnis haben, teilzuhaben und aktiv tätig zu sein, dann ist bedingungsloses Grundeinkommen ein Mittel der Wahl.
Peter Drucker sagte: »Die größte Gefahr in turbulenten Zeiten ist nicht die Turbulenz selbst – sie besteht vielmehr darin, nach der Logik von gestern zu handeln.« Die größte Gefahr in Zeiten gesellschaftlicher Verwerfungen besteht darin, den Dingen nicht auf den Grund zu gehen. Das heißt: Eine Politik für mehr Lebendigkeit ist mit einer statischen, individualistischen und undifferenzierten Ontologie nicht zu machen. Wir brauchen eine ontologische Wende, einen »Ontoshift«. Alles andere ist unpraktisch.


Silke Helfrich ist seit den Anfängen durch das Forschungsfeld Commons mit Oya verbunden: »Wovon wir alle leben« in Ausgabe 1, »Commons fallen nicht vom Himmel« in Ausgabe 20, ­»Kapitel 8« in Ausgabe 40.

weitere Inhalte aus #47 | Was ist wesentlich?

Photo

Für eine psychisch aktive Gesellschaft

Mitte Januar konnte eins im Radio hören, Donald Trump sei seinem Amtsarzt zufolge körperlich und geistig gesund und tauglich für das Amt des US-Präsidenten. Körperlich und geistig gesund zu sein, reicht meiner Meinung nach nicht aus. Ich höre diesen Bericht und

Die neue Muse (Buchbesprechung)

Die Kulturwissenschaftlerin Hildegard Kurt ist in ihrem Essay-Band »Die neue Muse« einer personalisierten Inspirationsquelle auf der Spur, die bislang nicht als solche beschrieben wurde: die »Muse der Zukunftsfähigkeit«. Sie bezieht sich dabei auf den Künstler

Photo

Die stillste Anlage der Welt

Der Sinn, den ich in meiner Arbeit zu spüren glaube, ist nicht für alle Zeiten vorgegeben, sondern ich muss ihn jeden Tag neu erringen. Die Weltsituation erscheint mir oft so beklemmend und düster wie lange nicht mehr, und sie provoziert die Frage: Hat meine »Kunst«

#47 | Was ist wesentlich?

Cover OYA-Ausgabe 47
Neues aus der RedaktionVerteilstationen