enkeltauglich leben

Vom Protest zum sozialen Prozess (Buchbesprechung)

von Elisabeth Voß, erschienen in Ausgabe #50/2018
Photo

Dario Azzellini geht in seinem neuen Buch »Vom Protest zum sozialen Prozess – Betriebsbesetzungen und Arbeiten in Selbstverwaltung« der Frage nach, ob es möglich ist, »im Kapitalismus ›anders‹ zu arbeiten und damit die Perspektive einer demokratischen und solidarischen Gesellschaft jenseits des Kapitalismus aufzuzeigen und zu eröffnen«. Dafür untersucht er »Rückeroberte Betriebe unter Arbeiter*innenkontrolle« (RBAs) in Europa, im Nahen Osten, in Lateinamerika und den USA. Diese Betriebe unterscheiden sich von Kollektiven aus der Alternativbewegung und auch von Produktivgenossenschaften dadurch, dass sie aus Arbeitskämpfen entstanden sind, meist besetzt waren oder es bis heute sind und oft gegen Räumungsdrohungen durch die alten Eigentümer oder die Polizei verteidigt werden müssen.
Beispiele im ersten Kapitel sind die Teefabrik Fralib (heute Scop Ti) bei Marseille und – ebenfalls in Südfrankreich – die ­Speiseeis- und Joghurt-Fabrik Ex-Pilpa, in Italien die öko-soziale Fabrik Officine Zero in Rom und RiMaflow in Mailand, die beide unter anderem im Recycling tätig sind und freiberuflich Kreativen Arbeitsräume anbieten, sowie die transnational bekannte, besetzte Fabrik Vio.Me, die im griechischen Thessaloniki ökologische Reinigungsmittel produziert. In Kroatien fertigt ITAS Prvomajska Präzisionsmaschinen für die Indus­trie, und Dita in Bosnien-Herzegowina stellt Waschmittel her. Pullover und T-Shirts gibt es aus der Textilfabrik Kazova in Istanbul, und in Ägypten produzieren die besetzte Stahlfabrik Kouta sowie eine Niederlassung des großen Keramikunternehmens Kleopatra in Selbstverwaltung. Aus den USA wird New Era Windows vorgestellt, die in Chicago energieeffiziente Fenster herstellen.
Nachdem sich das zweite Kapitel mit RBAs aus Argentinien, Brasilien, Uruguay und Venezuela befasst, stellt der Autor im dritten Kapitel die These auf, dass Arbeitskraft ein Commons sei, und reflektiert dies anhand von Beispielen aus Europa und Lateinamerika. Im letzten Kapitel werden RBAs als globale urbane Proteste beschrieben, die schon heute als sozialutopische Vorwegnahme einer anderen Gesellschaft gesehen werden können.
So unterschiedlich diese Betriebe auch sind, spielen doch bei allen die sozialen Beziehungen eine wichtige Rolle – sowohl zwischen den Mitgliedern als auch zum ­solidarischen Umfeld und zu politischen sozialen Bewegungen. Auch ökologische ­Aspekte haben eine große Bedeutung.
Die dargestellten Projekte, ihre Erfahrungen und die Schlussfolgerungen des Autors, der auch einige Filme über besetzte Betriebe gedreht hat, sind interessant. In dem Buch steckt einiger Diskussionsstoff, beispielsweise zum Umgang mit Eigentum, zur Arbeitsteilung und betrieblichen Demo­kratie. Allerdings wird der Lesegenuss dadurch gemindert, dass das Buch nicht aus einem Guss ist. Nur das erste Kapitel wurde neu verfasst, die drei anderen erschienen bereits in wissenschaftlichen Zeitschriften. Sie enthalten viele Quellenhinweise im Text, und es gibt erhebliche Überschneidungen und Wiederholungen. Wer darüber hinwegsehen kann, wird mit Einblicken in die Vielfalt dieser sehr speziellen Arbeitswelt belohnt.
Elisabeth Voß

Vom Protest zum sozialen Prozess
Betriebsbesetzungen und Arbeiten in Selbstverwaltung. Eine Flugschrift.
Dario Azzellini
VSA Verlag, 2018, 152 Seiten
ISBN 978-3899658262
12,80 Euro

weitere Artikel aus Ausgabe #50

Photo
von Annalena Ehrlicher

Von der Freiheit, klein zu sein

Markus Noppenberger greift in die lockere Erde in seinem Gewächshaus: »Schau mal, in so einer Handvoll befinden sich mehr Lebewesen, als es Menschen auf dem Erdball gibt«, sagt er mit funkelnden Augen – und schüttelt den Kopf: »Warum bilden wir Menschen uns ein,

Photo
von Malte Cegiolka

So lange grün wie möglich

Ist Bodenaufbau für Betriebe mit Hunderten von Hektar möglich? Ich bin auf dem Weg in den Niederen Fläming, zu einem Familienbetrieb, der mir vielleicht Antworten geben kann. Doch ich bin skeptisch, denn es geht um einen »konventionellen« Landwirtschaftsbetrieb. Ich denke

Photo

Kapitalismus aufheben (Buchbesprechung)

Das im Juli erschienene Buch »Kapitalismus aufheben – Eine Einladung, über Utopie und Transformation neu nachzudenken« von Simon Sutterlütti und Stefan Meretz vom Commons-Institut richtet sich an all jene, die das Mantra der Alternativlosigkeit nicht akzeptieren wollen.

Ausgabe #50
Landfürsorge

Cover OYA-Ausgabe 50ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion