enkeltauglich leben
Bildung

Wie wird man zu dem Wandel, den man in der Welt sehen möchte?

Eindrücke von einem Kurs in »Ecovillage Design Education«.
von Selina Fehr, erschienen in Ausgabe #51/2018
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© Sonja-Vera Schmitt

Aus einer Sofaecke klingen Gitarre, Cajon und spanische Liedzeilen. Im Speisesaal sitzen Menschen in Gespräche vertieft, am Nebentisch malt eine Gruppe einen Budgetplan auf Plakate, während das Team in der Küche gerettetes Gemüse fürs Mittagessen sortiert. Es ist Januar in Schloss Glarisegg am Bodensee. Seit vier Jahren beherbergt die hier lebende Gemeinschaft im Winter für fünf Wochen eine bunte, internationale Gruppe, die an der Ecovillage Design Education (EDE), einem Kurs für das Gestalten nachhaltiger Projekte, teilnimmt. Der Kurs wird jährlich in verschiedenen Gemeinschaften weltweit durchgeführt und basiert auf einem Lehrplan, der von »Gaia Education« erstellt wird. Diese Organisation arbeitet seit vielen Jahren daran, Menschen mit dem nötigen Wissen auszustatten, um eine nachhaltige, gerechte und lebenswerte Gesellschaft zu gestalten. Über die genormten Lerninhalte hinaus entwickelt jeder Ort, an dem eine EDE durchgeführt wird, seinen ganz eigenen Stil, der die lokale Expertise berücksichtigt: Bei einigen Kursen steht etwa Bauen mit Lehm im Vordergrund, andere haben ihre Stärken im sozialen Bereich. Zu letzteren gehört der Kurs in Glarisegg.
Die Teilnehmenden setzen sich mit Permakultur auseinander, arbeiten mit Methoden der Prozessgestaltung wie »Dragon Dreaming« und versuchen mit Hilfe von »Empowered Fundraising«, die eigene Haltung zum Thema Geld zu verändern. Sie diskutieren über globale Themen wie Lebensmittelverschwendung und das Potenzial der Degrowth-Bewegung – oder üben sich in gruppendynamischen Entscheidungsmethoden wie Soziokratie. ­Neben dem Organisationsteam geben erfahrene Menschen aus der Wandelszene ihr Wissen aus den Bereichen Ökologie, Soziales, Ökonomie und Weltanschauungen weiter. Auch der Erfahrungsschatz der Teilnehmenden wird eingebunden. Neben alledem meditieren, kochen und putzen die Teilnehmenden zusammen.
Was passiert, wenn eine so diverse Gruppe eine temporäre Gemeinschaft formt und dabei ein intensives Miteinander erlebt? Welche Prozesse werden angestoßen, welche Krisen durchlaufen? »Wir brauchen eine neue Art von Bildung, bei der jeder von jedem lernt«, meint die Teilnehmerin Katharina Wiesner. »Mir hat es geholfen, dass wir immer wieder Befindlichkeitsrunden machten und beim Tanzen die Anspannung abschütteln konnten. Unter Druck und Stress kann Lernen nur limitiert stattfinden. In liebevoller Umgebung lässt es sich hingegen kaum verhindern.«
Dass das Aufeinandertreffen vieler Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründen in einem so nahen Gemeinschaftsleben nicht nur stressfrei ist, berichtet der Seminarkoch Holger Miska, der an der EDE 2016 teilnahm: »Ich hatte ein Bild davon, wie es in der Küche laufen sollte: Konzentriertes Arbeiten, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit. Stattdessen kamen die Leute zu spät und schnippelten dann im Plaudertempo. Nach der ersten Woche war ich richtig sauer und unglücklich. Dann entwickelten wir ein neues Arbeitsmodell mit viel mehr Freiraum. Einige ­haben dann lieber eine Stunde früher angefangen und sind auf ihre ganz eigene Art zum Ziel gekommen.«
»Als ich mich für die EDE anmeldete, wollte ich Rezepte, um die Welt zu retten«, erzählt Teodora Rădulescu. Die 28-jährige Rumänin hat in Bukarest neun Permakulturgärten mitgegründet. Auf Schloss Glarisegg wurde ihr klar: »Es sind weniger die Methoden, als vielmehr die Qualitäten der Beziehungen, die über den Erfolg eines Projekts entscheiden.« Sie erlebte, wie wichtig es ist, Konflikte und Machtstrukturen genau anzuschauen: Erhält am meisten Redezeit, wer die lauteste Stimme hat? Brauchen wir mehr verbindliche Strukturen, oder gehören alle Regeln über Bord geworfen? Eine weitere Erkenntnis von Teodora: »Das alte ­Denken möchte Arbeit und Privatleben trennen. Der Mensch ist aber keine Maschine. Was immer wir tun – es geht darum, aufeinander einzugehen: Nacheinander sprechen, sich gegenseitig gut zuhören, und wenn man zu zweit nicht weiter kommt, bezeugende Personen in den Prozess einbeziehen. So kann eine neue Haltung entstehen: Ich bin anderer Meinung, und ich verstehe dich.« Ähnliche Erfahrungen machte auch Holger: »Ich lernte, wie wichtig es ist, scheinbare Kleinigkeiten früh anzusprechen. Sonst wird dir jedesmal ein Scheibchen deiner Energie abgeschnitten, und du merkst es erst, wenn deine Reserven aufgebraucht sind.«

Die Welt sehen, wie sie ist
Fünf Wochen in Glarisegg verbringen zu können, ist ein Privileg. Es gibt zwar Stipendien für Menschen aus wirtschaftsschwächeren Nationen, aber zunächst einmal müssen diese überhaupt von dem Kurs erfahren. Manchmal scheitert es dann am Visum. Für Angestellte oder für Eltern von kleinen Kindern ist es schwierig, sich so viel Zeit am Stück freizunehmen. Menschen aus bislang 14 verschiedenen Ländern fanden ihren Weg zum EDE in Glarisegg. Ein Großteil kommt aus Mitteleuropa, ist zwischen 20 und 35 Jahren alt und hat eine helle Hautfarbe. Wird so ein Kurs in einem der reichsten Länder der Welt durchgeführt, kommt man am Thema der sozialen Ungleichheit nicht vorbei.
Die Teilnehmenden versuchen wahrzunehmen, wo die Menschheit steht. Das kann wehtun. Jashana Kippert, eine der Organisatorinnen, sagt: »Entweder sind wir überwältigt und zerbrechen, oder wir lassen die Intensität dieses Schmerzes zu – und gerade das bringt uns zu unserem vollen Potenzial.« Sarah Friederich, Teilnehmerin von 2017, erzählt: »Dieser Monat hat mich komplett auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Aus Selbstschutz hatte ich mich lange  Zeit stumpf gemacht; ich wusste nicht, wie ich sonst mit dem Schmerz hätte umgehen sollen. Die Welt, wie sie heute ist, ebenso wie mich selbst anzuschauen, war hart. Aber zu sehen, dass alle durch einen ähnlichen Prozess gehen, hat unsere Herzen geöffnet.«
Während des Kurses wird auch an den Projekten gearbeitet, die die Teilnehmenden zu Hause umsetzen. Diese reichen von Dachgärten in Istanbul bis zu einer solidarischen Landwirtschaft in Norwegen und von einem Wanderzirkus bis zu einer performativen Ausstellung über faire Kleidung. Ann-Chris Abbenhaus berichtet vom Kurs 2017: »Was unsere Gruppe fast gespalten hätte, war die Frage, was die richtige Form von Aktivismus für Veränderung ist: emotionale Prozessarbeit oder auf der Straße für etwas Politisches einzustehen? Wir haben uns mit den indigenen Protesten gegen die Ölpipeline im US-Reservat ›Standing Rock‹ solidarisiert und in Zürich eine Demo organisiert. Für einige war das erst zu krass. Für sie war Heilung und Transformation ein ganz sanfter und fragiler Prozess. Dann sind wir darauf gekommen, dass gerade die Standing-Rock-Bewegung mit spirituellen und emotionalen Aspekten verbunden ist. Durch viele persönliche Gespräche ist dann eine Versöhnung in der Gruppe gelungen.«
Über Werkzeuge und Projekte hinaus ist es letztlich die Tiefe der Begegnungen, die viele aus der gemeinsamen Zeit mitnehmen – und die weiterlebt. Die EDE-Absolventinnen und -Absolventen treffen sich regelmäßig in verschiedenen Konstellationen, vertiefen das Gelernte, verdichten und erweitern das Netzwerk.
Wie sähe Politik aus, wenn die Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Lager schon einmal in Schlafanzügen zusammen selbstgemachtes Popcorn gegessen und um die abgeholzten Urwälder der Karpaten geweint hätten? Warum ist es so unvorstellbar, dass sie das je tun werden? Teodora, die seit 2017 den Kurs als Assistentin betreut, sagt: »Das Schönste für mich ist, zu sehen, wie sich die Menschen hier während des Kurses verändern.« Ein gutes Zeichen für die Veränderung der Gesellschaft, weil diese ja bei mir und dir anfängt.


Selina Fehr (26) hat 2017 an der EDE in Glarisegg teilgenommen. Sie ist als Initiationstrainerin und Coach tätig, daneben forscht und schreibt sie über Gemeinschaftsbildung, Beziehung und Berufung. Im Vorstand des Schweizerischen Global Ecovillage Network (GEN Suisse) vertritt sie die Anliegen der nächsten Generation. www.selinafehr.ch


Den Kurs selbst belegen
www.edeglarisegg.info

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