enkeltauglich leben
Buchtipps

Eine andere Welt ist möglich

von Hanne Tuegel, erschienen in Ausgabe #55/2019
Photo

Was für eine Frau! Als vierjähriges Mädchen erlebt Vandana Shiva, wie ihr Großvater in Hungerstreik für eine Mädchenschule tritt; er stirbt, ehe die Genehmigung eintrifft. Der Werdegang der Enkelin hätte ihm gefallen. Sie studiert zunächst Physik und promoviert in Kanada zu Fragen der Quantenmechanik. Doch 1981 wechselt sie das Feld. Seitdem kämpft sie für die lebendige Natur, für die Rechte der Kleinbauern, für Artenvielfalt auf den Äckern in Indien und überall.
Dabei legt sich die Rebellin aus dem Land zwischen Gandhi und Großmachtstreben oft und gern mit Weltfirmen wie Cargill und Monsanto an. Heute, mit Mitte 60, gilt sie als »Feindin Nummer 1 der Agrarkonzerne«, als »Rockstar« der Anti-Gentech-Bewegung, und sie ist Trägerin des Alternativen Nobelpreises.
Das Saatkorn ist Symbol und Schlüssel für Vandana Shivas Programm. Ob Reis, Weizen, Mais, Gemüse oder Obst – jahrtausendelang haben unsere Vorfahren essbare Pflanzen veredelt und aus den besten Samen ungezählte Sorten gezüchtet, um den Nährstoffgehalt zu verbessern oder den Geschmack zu verfeinern. Jeder Boden, jedes Klima hat Eigenheiten. Die Land-Wirte und -Wirtinnen lernten, sie zu verstehen. Sie experimentierten, tauschten ihr Saatgut aus, um besonders geeignete Sorten zu vermehren. Welch riesige Chancen böten diese Traditionen heute für eine weltweite, gesunde Ernährung für alle! Und wie brutal werden sie missachtet und torpediert!
Vandana Shivas Buch ist aus Interviews mit dem französischen Autor Lionel Astruc entstanden. Es zeichnet nach, wie dreist und zugleich raffiniert die Agrarkonzerne sich die Kontrolle über das Saatgut und damit über die Lebensgrundlagen aneignen. Sie degradieren Bauern weltweit zu Bediensteten, die fremde Saat säen und Einheitsprodukte ernten: mit Universalsorten, die überall Ertrag bringen, aber Gifte brauchen und Umwelt, Gesundheit und Böden ruinieren; mit teurem Hybridsaatgut, das jedes Jahr neu gekauft werden muss und überschuldete Bauern in Indien zu Tausenden in den Selbstmord getrieben hat. Mit den neuen Waffen von Gentechnik und Patentierung wollen Saatgut-Multis nun endgültig bestimmen, was auf Feldern wachsen und auf die Teller kommen darf.
Ist dieser Irrsinn zu stoppen? Vandana Shiva ist eine Mutmacherin. Das Buch der Rebellin im Sari erzählt von der unbändigen Kraft des zivilen Ungehorsams. Mit ihrer NGO »Navdanya« hat sie Kartellprozesse gewonnen, Patentierungen verhindert, ein beeindruckendes Netzwerk unabhängiger Saatgutbanken aufgebaut und Widerstand von unten organisiert. Ein Höhepunkt war 2013 der »March against Monsanto« mit zwei Millionen Teilnehmenden in 52 Ländern. Für die bekennende Ökofeministin ist das Streben nach der totalen Herrschaft des Menschen über die Natur ein »sehr beschränktes patriarchalisches Projekt«. Was sie dagegensetzt, hat ältere und tiefere Wurzeln. Es ist »das lebensnotwendige Wissen, über das Frauen, Bauern und indigene Völker verfügen: Schützen, bewahren, ­erneuern!«

Eine andere Welt ist möglich
Aufforderung zum zivilen Ungehorsam.
Vandana Shiva, Lionel Astruc
oekom, 2019, 192 Seiten
ISBN 9783962386078
 20,00 Euro

weitere Artikel aus Ausgabe #55

Photo
von Silke Helfrich

Von der Kartoffel in der ­Kartoffelsuppe

Alle wissen, was gerade zu tun ist, individuelle Entscheidungen fügen sich wie von selbst ins große Ganze ein, die Prozesse greifen ineinander wie – nein, eben nicht wie Zahnräder; dieses Bild vermittelt keine Lebendigkeit! Da ist sie schon, die Sprachlosigkeit. Sie stellt

Photo
von Anja Marwege

An kargen Hängen aus ­Traditionen schöpfen

Niemand weiß genau, wie lange schon Schafe durch die Fells im Lake District im Nordwesten Englands getrieben werden – vermutlich seit mehreren tausend Jahren. Die Bergrassen gehören zu den widerstandsfähigsten ihrer Art. Jetzt im Oktober findet der Abtrieb von den

Photo
Permakulturvon Judit Bartel

Eicheln essen und Eichenwälder erhalten

Vor meiner Reise nach Griechenland erzählte ich einigen Menschen, ich wolle dort eine Frau besuchen, die Eicheln sammelt und verarbeitet. Diese Auskunft verursachte meist die Nachfrage: »Und was macht sie mit den Eicheln?« Ich antwortete: Sie trocknet sie, schält und

Ausgabe #55
Gemeinschaffen - wie geht das?

Cover OYA-Ausgabe 55
ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion