enkeltauglich leben
Buchtipps

Der Pilz am Ende der Welt

von Grit Fröhlich, erschienen in Ausgabe #57/2020
Photo

Was geschieht, wenn sich Pilze, Bäume und Menschen verschiedenster Kulturen begegnen? Was erzählt uns ein Pilz über die Verflechtung globaler Lieferketten und die Entstehung von Werten in einer kapitalistischen Welt? Die Sammlung und Verwertung des in Japan hochgeschätzten Speisepilzes Matsutake scheint auf den ersten Blick ein randständiges Thema zu sein. Doch gerade ausgehend von den Randgebieten des Kapitalismus entwirft die Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing in ihrem Buch »Der Pilz am Ende der Welt« ein facettenreiches Bild des heute dominierenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Den linearen Fortschrittsmythen von Ökonomie und Wissenschaft setzt sie vielschichtige Erzählungen entgegen, in denen nicht Menschen die Protagonisten sind, sondern ganze Landschaften, in denen menschliche Wesen sich nur als eine Art unter anderen Arten bewegen. Hier sind es Kiefernwälder auf der ganzen Welt, die oft durch die Holzindustrie zerstört wurden. In diesen gestörten Landschaften wächst untergründig das Myzel des Matsutake-Pilzes, setzt Nährstoffe in den kargen Böden frei und ermöglicht es Bäumen, sich dort anzusiedeln. Durchstreift werden diese Wälder von den verschiedensten Wesen: etwa von Hirschen, die die Pilze als Futter suchen und ihre Losung hinterlassen, sowie von Pilzsammlern – Liebhaber ebenso wie professionelle Pflücker –, die den Waldboden absuchen und eine feine Müllspur hinter sich herziehen. In diesem Essay gibt es kein Gegenüber von Natur und Kultur, es ist kein Plädoyer für unberührte Landschaften. In Zeiten des Artensterbens geht es hier ganz im Sinne Donna Haraways um das artenübergreifende Thema: um die Erkenntnis, dass wir in einer vom Menschen gestörten Welt nur gemeinsam mit anderen Arten überleben können.
Mit dem aufmerksamen Blick der Pilzsucherin und anthropologischen Feldforscherin untersucht Anna Lowenhaupt Tsing die untergründigen Verflechtungen im Waldboden, in zwischenmenschlichen Zusammenhängen und internationalen Handelsbeziehungen. Sie zeigt, wie die Werte der kapitalistischen Warenwirtschaft aus Beziehungsgefügen geschöpft werden, die außerhalb dieses Systems liegen, beispielsweise in verdeckten Allmenden. Immer wieder überrascht, dass selbst die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen, die sich der Kapitalismus einverleibt, nicht linear im Niedergang enden muss. Gerade gestörte Landschaften haben durch das Zusammenwirken verschiedener Arten (etwa Symbiosen von Pflanzen und Pilzmyzel) ein subversives Potenzial zur Erneue-rung. Das lehrt uns die Betrachtung der Welt aus der Perspektive eines Pilzes.
Anregend erzählt, verknüpft dieser nun in broschierter Neuauflage vorliegende Essay persönliche Erlebnisse und Biographisches mit anthropologischer Feldforschung, Ökologie, Wirtschafts- und Wissenschaftsgeschichte. Ein ungewöhnliches Buch, das den Blick auf die Beziehungsgefüge unserer Welt enorm weitet.
 

Der Pilz am Ende der Welt

Anna Lowenhaupt Tsing
Matthes & Seitz, 2019

446 Seiten
ISBN 978-3957578099
 15,00 Euro

weitere Artikel aus Ausgabe #57

Photo
von Philipp Gerhardt

Die Wiederbegrünung 
der Welt

Seit ich Heinrich Cottas vor 200 Jahren erschienene »Baumfeldwirthschaft« gelesen habe, hat mich kein Buch über Bäume, Aufforstungen, Wald und die Verknüpfung all dessen mit dem »guten Leben« mehr so wirklich von den Socken gehauen. Das mag vielleicht daran

Photo
von Lara Mallien

Das Land bespielen

Für das Projekt »Enkeltaugliches Kreischa« wollten Frieder Zimmermann und sein Freund André Spindler Menschen aus allen Bereichen der ländlichen Gemeinde südlich von Dresden an einen Tisch bekommen. »Wie wollen wir morgen leben? Zukunftskonferenz der

Photo
Permakulturvon Jochen Schilk

Bäume essen

In Oya war zuletzt viel von dem Potenzial die Rede, das Waldgartensysteme und bestimmte fruchttragende Bäume für die menschliche Ernährung bieten (Esskastanien und Haseln – Oya 51; Eichen – Oya 54/55; Walnuss – Oya 56). Einmal abgesehen davon, dass ihre Zubereitung

Ausgabe #57
Weltmittelpunkte

Cover OYA-Ausgabe 57
ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion