enkeltauglich leben
Titelthema

Sich zu trauern trauen

Die Kraft des Trauerns in Gemeinschaft und das Abschiednehmen in Ritualen können helfen, wieder ins Leben zurückzufinden.
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© Jana Pajonk

Als ich drei Jahre alt war, starb plötzlich mein Vater. Das war ein großes Traumaerlebnis für meine ganze Familie; meine Mutter war von da an mit drei kleinen Kindern alleine, und in unserem Familienkreis gab es plötzlich dieses große, unfassbare und unerklärliche Loch. Wie gehen Menschen damit um? Meine Mutter hat ihr Bestes gegeben und es auf eine Art auch geschafft, uns dennoch eine glückliche Kindheit zu ermöglichen. Uns fehlte es eigentlich an nichts. Aber das Loch hat mich dreißig Jahre lang begleitet und der Verlust hat an mir genagt, denn niemand in meinem Umfeld wusste damals, wie man auf gute Art und Weise trauert. Um uns Kinder zu schützen, wurden wir nicht mit zur Beerdigung genommen, und somit konnte ich mich nicht von meinem Vater verabschieden. Das große Nichts hatte ihn wie in der »Unendlichen Geschichte« von Michael Ende ausgelöscht. Als Dreijährige stand ich unter Schock, keiner durfte mich in den Arm nehmen, außer irgendwann meine Oma, die mir mit ihrem großen Herzen und ihrer warmen Liebe eine wahre Rettung war. Sie war mein Hafen. Schoß und Wärme und Nahrung. Halt. 

Erst neun Jahre später erfuhren wir Kinder, wie mein Vater wirklich gegangen war: Er hatte den Freitod gewählt. Wie soll man das Unerklärliche auch seinen Kindern erklären? Nachdem ich die klärende Botschaft bekam, war ich, damals zwölf Jahre alt, nur wütend; Wütend auf ihn, dass er meine Mutter und uns alle im Stich gelassen hatte. Wütend auf die ganze Welt, dass sie überhaupt so etwas Schmerzhaftes hervorbringt, wütend auf die Schulmedizin, die ihn nicht hatte retten können, und wütend auf Gott, dass er sich nicht gut genug um meinen Vater gekümmert hatte. Ich glaubte schon damals nicht an den christlichen Gott, aber ich war trotzdem wütend auf ihn. 

Ich denke heute, wir standen alle unter Schock. Und niemand vermochte über das Geschehnis zu reden, geschweige denn meines Vaters auf angemessene Art zu gedenken, ihn noch einmal und immer wieder zu würdigen. Bei Suizid ist das besonders herausfordernd – es hängen so unendlich viele Fragezeichen, Schuldgefühle, Schuldzuweisungen und Schuldselbstaufnahmen daran. Als kleines Kind habe ich auch Schuld auf mich genommen: Ich musste doch irgendwie mit daran schuld sein, dass er gegangen war. Wäre ich nur gut genug gewesen, dann wäre er doch -sicher bei mir geblieben, hätte mich nicht verlassen!

Inspiration von Sobonfu Somé

Mit Anfang dreißig und viele alternative Therapiepfade später, die mich aus der inneren Überzeugung geholt hatten, ich sei nicht gut genug für die Welt, erfuhr ich dann, dass Wut auch eine Ausdrucksform von Trauer ist. Zudem machte ich die wundersame und tief umwälzende Erfahrung, wie gut es tut, in Gemeinschaft zu trauern. Meine Freundin Elke Loepthien, die Gründerin des Weiterbildungsinstituts »Circlewise«, hatte es geschafft, Sobonfu Somé, eine Medizinfrau der Dagara aus Burkina Faso, für ein Trauerritual nach Deutschland einzuladen. Als ich davon hörte, wusste ich sofort – mit einem inneren Gefühl von »Endlich!« –, dass ich dorthin musste. Hatte ich mich doch genau danach seit dreißig Jahren gesehnt: nach einem gutgehaltenen Raum, der nur dafür da ist, Trauer und Schmerz zu bewegen. Ich schnallte mir meinen damals noch kein Jahr alten Sohn um und fuhr zum -Seminarort.

Bei dem Ritual gab es drei große Altäre: einen schlicht gehaltenen Traueraltar, zu dem man hingehen konnte, um Trauer zu bewegen, und zwei bunt geschmückte Altäre mit vielen Kerzen und kraftvollen Gegenständen, die dazu da waren, nochmals Kontakt mit Verstorbenen aufzunehmen, um zu beten oder Vergebung zu üben. Manchmal kann es fehlende Vergebung sein, die den Trauer-fluss ins Stocken geraten lässt. Nach vergebenden Worten aus dem Herzen – zuerst vergibt man sich selbst, dann kann man auch anderen vergeben – können innere Dämme brechen und die Tränen wieder fließen. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass Vergebung zu tieferer Erkenntnis darüber führen kann, warum etwas passiert ist oder vorhanden war; größere Zusammenhänge werden plötzlich sichtbar und innerer Frieden wird möglich.In der Mitte des großen Raums waren wir alle wie ein Dorf versammelt, trommelten, rasselten, tanzten und sangen uns mit einem wiederkehrenden Lied durch das Ritual. Das Lied stammte von den Dagara und heißt übersetzt so viel wie »Dieses hier schaffen wir nur gemeinsam«.

Und so fühlte es sich auch zum ersten Mal in meinem Leben an: Ich war nicht allein. Zuvor hatte ich stets Angst vor meinen Tränenströmen gehabt, dachte, sie könnten mich in die unendlichen Tiefen des Unerklärlichen ziehen und ich würde daraus nicht mehr auftauchen, ja, womöglich sogar verrückt werden können. Oder sterben. Die Unterdrückung der Trauer aus Angst, sie könne mich wegspülen, führte dann zu Ablenkungsmechanismen, die selbstzerstörerische Züge annahmen. Äußerlich wurde ich als junge Frau zum  Punk mit abrasierten Haaren, Piercings und dicken Boots, nahm alle möglichen Drogen, die mir in Berlin begegneten, und beschäftigte mich mit wichtigen systemkritischen Themen und alternativen Lebensformen. Aber eigentlich hatte ich Angst. Etwas in mir war zutiefst verun-sichert, und das konnten keine Äußerlichkeiten oder Ablenkungen ändern.

Sicher den Boden verlieren

Beim Trauerritual hatte ich zum ersten Mal keine Angst. Sobald die Trommeln einsetzten, flossen meine Tränen, wurden endlich willkommengeheißen, hatten einen Platz. Ich ging zum Traueraltar, gab mich dem Tränenstrom hin, ließ los. Endlich konnte ich all die Ungerechtigkeit hinausschreien, konnte toben, stampfen, schluchzen, weinen und wusste, hinter mir ist jemand, der den Raum für mich hält. 

Es fühlte sich an, wie auf einem wild tosenden Ozean zu sein, mit Gewittern und hohen Wellen. Und immer wieder glätteten sich meine eigenen Wellen, und ein Gefühl von Stille und Frieden stellte sich ein. Ich fühlte einen Moment, in dem ich mich an meinen Vater anlehnen und für ihn weinen konnte: ohne Wut und Toberei. Ich konnte einfach weinen und wurde von ihm gehalten. Und es gab keine Vorwürfe mehr, keine Fragezeichen, keinen Groll. Nur Annahme.

Ich merkte, wie ich es mir in diesem geschützten und gehaltenen Rahmen erlauben konnte, in Sicherheit den Boden zu verlieren, und den anderen neben und mit mir im Raum ging es genauso. Wir alle haben unsere Schmerzthemen. Indem wir diese ausdrücken konnten, breitete sich ein Gefühl der Erlösung und der Verbundenheit aus. Auch die Menschen in diesem Seminarkontext, die zuvor mitunter das eine oder andere Thema bei mir getriggert hatten, wirkten plötzlich schön – weich und ehrlich, ohne Maske.

Rituale für innere Neuorientierung

Die friedenschaffenden, stärkenden und klärenden Erfahrungen bei diesem und weiteren Trauerritualen haben dazu geführt, dass ich mehr von Sobonfu lernen wollte. In ihrer Tradition bilden gemeinschaftliche und naturverbundene Heil-rituale ein ununterbrochenes Kontinuum und kulturelles Gut, das bei uns in Europa aufgrund unserer Geschichte von Inquisition, Hexenverfolgung und Nationalsozialismus verlorengegangen ist. Selbst das Wort »Ritual« löst bei vielen hier eine gewisse Vorsicht oder Abneigung aus, da es mit Zwang, Lebensfeindlichkeit oder Sinnentleerung assoziiert wird.

Die positiven Erfahrungen selbstbestimmter Ritualgestaltung weckten in mir den Wunsch, mir diese heilsame Handlungsfähigkeit als kulturschaffendes Element zurückzuerobern. Ich nahm an einer dreijährigen Ausbildung zu naturverbundener Ritualarbeit bei Sobonfu teil. Sie lehrte uns Haltungen, Prinzipien und Abläufe, die wir hier und heute mit unseren eigenen Liedern, Worten und Gebeten füllen können – jenseits von Religionen oder Weltanschauungen. Es ist dabei unerheblich, aus welchem Land oder welcher Kultur jemand kommt. Die selbstbestimmten Rituale können gemeinsam gestaltet werden. Sie ermöglichen Heilung und innere Neuorientierung zu verschiedenen Lebens-themen, begleiten Lebensübergänge und schaffen Verbundenheit. 

Allerdings war das Trauerritual der Dagara eine Nummer zu groß für uns Lernende – wir bekamen die klare Anweisung, dass wir es in dieser Form und Intensität nicht abhalten konnten und durften. Genau das war es aber doch gewesen, was wir hier so sehr brauchten! Als Sobonfu ein paar Wochen nach unserem Ausbildungsabschluss im Januar 2017 starb, wusste ich, dass sie von einem langen Leiden erlöst worden war und wir in Gedanken und Gebeten weiter mit ihr in Kontakt sein konnten – was aber war mit dem Trauer-ritual? Wer würde mit uns etwas Vergleichbares gestalten können? Der Verzweiflung über diese brennende Frage nahe, erfuhr ich von Sal Gencarelle und lernte durch ihn die von den Lakota überlieferte und bewahrte »Sacred Fire Ceremony« (Heilige Feuerzeremonie) kennen. Ich konnte dieses Ritual hier in Deutschland mit Sal mehrmals in seiner wunderbaren Wirkung erleben.

Traditionellerweise wird dabei ein Feuer über vier Tage und Nächte gehütet. Hierdurch entsteht ein gemeinschaftlicher Raum, um frisch Verstorbener zu gedenken und sie durch Geschichten, Gebete und Lieder zu ehren – und um gemeinsam zu trauern. Das Feuer wird auf traditionelle Art und Weise mit einem Feuerbohrer entfacht und gehütet – bis die letzte Glut nach dem Sonnenaufgang der vierten Nacht verglommen ist. Der Raum um das Feuer wird gut vorbereitet und auf achtsame Art und Weise betreten, Beginn und Ende der Zeremonie sind durch einleitende Worte und Lieder klar markiert. Das Feuer wird symbolisch durch Reibung gezeugt, so wie bei der Empfängnis eines Menschenwesens. Dann wird es durchs Leben begleitet, genährt und gehütet, und zum Schluss erfährt es sanfte Sterbebegleitung, anstatt einfach gelöscht zu werden. Die Magie im Raum, wenn das Feuer ausgehütet wird, ist unbeschreiblich. Diese Zeremonie ist eine sanftere Art der Trauer-bewegung in Gemeinschaft, als ich sie bei Sobonfu kennen und schätzen gelernt hatte. Ihr großer Vorteil ist: Wir können sie selbst durchführen.

Im Widerschein des Feuers sitzen

Und diese Chance ergriff ich. Inspiriert von Sal hatte ich den Impuls, für eine Freundin, deren Mann gestorben war, ein kleines Trauerfeuer in abgewandelter Form zu halten. Wir versammelten uns im Winter bei einer befreundeten Wildnisschule und entfachten das Feuer in einem Tipi für eine ganze Nacht. Die jugendlichen Kinder waren dabei, enge Freunde und Angehörige. Wir teilten Geschichten und Erinnerungen, Lieder und gute Wünsche, es wurde geweint, gelacht, gesungen und in Stille dagesessen. Das Feuer in unserer Mitte brannte hell, erleuchtete unsere Gesichter und spendete Kraft mit seiner Wärme und seinem lebendigen Flackern. Es wirkte wie das große Herz des Lebens an sich, das unsere Tränen und unsere Trauer aufnahm und wandelte. Die Atmosphäre war warm und voller Wertschätzung, das Miteinander fühlte sich nah und friedlich an. Nach einer sternenklaren Nacht wurden wir am nächsten Morgen mit einem großen Regenbogen gesegnet. Ich erinnere mich noch an unsere Gesichter, die alle dem Regenbogen zugewandt waren: Sie waren müde, weich und strahlend.

Seitdem bieten ein guter Freund und ich jedes Jahr ein Trauerfeuer für den größeren Freundes- und Netzwerkkreis an. Weitere öffentliche Trauerfeuer gibt es in der Wildnisschule Wildeshausen und bei Circlewise – der Zulauf ist so rege, dass es hoffentlich bald in jedem Bundesland die Trauerfeuer geben wird! Ich empfinde es als großes Geschenk, dass diese alten traditionellen Zeremonien hierher gebracht wurden. Sie können uns helfen, uns wieder miteinander, mit der Kraft des Feuers und mit unseren Tränen – die nichts anderes sind, als Wertschätzung für das, was uns lieb und teuer ist – zu verbinden. Was dann wieder auftaucht ist Empathie, das Gefühl der Verbundenheit und Frieden. Und nicht zuletzt: Glück. //


Isabel Knauf (43) ist naturverbundene Lebens-, Trauer- und Prozessbegleiterin. Sie ist Heilpraktikerin mit dem Schwerpunkt Frauenheilkunde und leitet Kräuterseminare und -spaziergänge sowie Übergangsrituale und Trauerfeuerzeremonien.
www.naturheilpraxis-wildeweide.de

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