enkeltauglich leben
Die Kraft der Vision

Kompostierendes Sein

Wir sind Teil eines lebendigen Gewebes aus handelnden und fühlenden Wesen.von Báyò Akómoláfé, erschienen in Ausgabe #66/2021
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© bayoakomolafe.net

Vor langer Zeit lernte ich folgendes, auf dem Kontinent, auf dem ich aufgewachsen bin, gebräuchliche Sprichwort: »When times are urgent, let us slow down« – »Wenn die Zeit drängt, dann lasst uns langsam machen.«

Als ich diese afrikanische Weisheit zum ersten Mal hörte, wusste ich, dass ich auf etwas Wichtiges gestoßen war – etwas das es jetzt zu teilen galt, in dieser drängenden Zeit, in der die Uhr auf fünf vor zwölf steht und in der apokalyptische Szenarien (Der Dritte Weltkrieg? Die katastrophalen Folgen des Klimawandels? Ein Missgeschick mit dem Hadronen-Speicherring am Kernforschungszentrum CERN? Rechtspopulisten à la Trump?) zum Standardrepertoire unserer Gespräche über die Zukunft gehören.

Wohin ich als Redner auch eingeladen wurde, sprach ich stets auch eine Ermutigung zum Entschleunigen aus – aber ist das nicht genau das Falsche, wenn die Welt in Flammen steht?! Moment, nur nichts überstürzen: Wenn wir uns immerzu im Beschleunigungsmodus befinden, verlieren wir leicht aus dem Blick, welcher Reichtum an Ressourcen uns dabei unterstützen kann, den herausforderndsten Krisen der Gegenwart zu begegnen. Wir verfangen uns dann wieder und wieder in denselben altbekannten Mustern. Gewiss, es gibt nicht den einen richtigen Weg, auf eine Krise zu reagieren; es gibt keinen allgemeingültigen Königsweg. Die Aufforderung zum Entschleunigen hilft uns jedoch, dem Unsichtbaren, dem Verborgenen, dem Unverhofften, dem Noch-zu-Lösenden ins Auge zu sehen. Manchmal ist das, was wirklich angebracht ist, etwas anderes als das, was uns gerade effektiv erscheint.

Wie können wir unsere Fragen hinterfragen?

Entschleunigen heißt also, an unvertrauten Orten zu verweilen; neue Fragen zu finden; Verantwortung für das, was unter der Oberfläche liegt, zu übernehmen; den Wurzeln nachzuspüren. Entschleunigen heißt, uns Geistern zu stellen, Monster in den Arm zu nehmen, Stille zu teilen, das Absonderliche zu umarmen. Wenn humanistische Reaktionen auf die drohende Ausrottung der Wale oder auf Polizeigewalt uns dazu drängen, immer mehr zu tun, um diesen Phänomenen Einhalt zu gebieten, dann erinnert uns der Aufruf zum Entschleunigen daran, dass wir in der Welt nicht einfach wie auf einer Bühne handeln (als ob die Welt außerhalb unseres Handels läge oder wir uns außerhalb der Welt befänden) – vielmehr sind wir die Welt in ihrem unablässigen Handlungsstrom. In der Folge werden wir vielleicht unserer Komplizenschaft mit Klassenstrukturen ins Gesicht sehen oder erkennen, wie der Verlust der unmittelbaren Verbindung zu den wilden Wesen und Orten uns Moderne zu armseligen Anwälten für das Wohlergehen der nicht-menschlichen Welt macht.

Entschleunigen heißt nicht, Antworten zu finden, sondern unsere Fragen zu hinterfragen. Es heißt, dort auszuharren, wo es spukt. Ein solcher Spuk ist etwa die Idee des Anthropozentrismus – oder jener Spielart des Humanismus, die Menschen behandelt, als wären sie der Nabel des Universums. Was diese Philosophie ausklammert, sind das Mit-Werden, das Beitragen und die kollektive schöpferische Kraft der Welt als Ganzer. Wie ich einmal in einem Artikel geschrieben habe: »Die Welt ist nicht dazu da, um gelesen zu werden; sie hat ihr eigenes Momentum, ihren eignen ›Sinn für Humor‹.« Die Vorstellung, dass wir Menschen Veränderung unabhängig von allem anderen herbeiführen oder gewünschte Ergebnisse vorherbestimmen könnten, indem wir schlichtweg unsere kulturellen Konstrukte ändern oder uns andere Geschichten auf andere Weisen erzählen, wird durch den Umstand unterwandert, dass die Welt stets auf dem Sprung zu spontanen Selbstexperimenten ist. Atlas zuckt mit den Schultern und die Welt zuckt zurück. Was also wäre, wenn die Art und Weise, wie wir auf die Krise reagieren, Teil ebenjener Krise ist?

Die menschliche Hybris kompostieren

Wir können uns eine noch beunruhigendere Frage stellen: Was wäre, wenn »Krise« die völlig »falsche« Weise wäre, um über die Herausforderungen, vor denen wir stehen, nachzudenken? Das Bild der Krise beschwört Panik, hastige Reaktionen, aufgeregt piepsende Kurven und lautes Tick-Tack herauf. Krise bedeutet, dass der langsame Anstieg der Quecksilbersäule in dünnen Glasröhrchen einen alarmierenden Punkt erreicht hat – einen Wendepunkt. Die moderne Vorstellung von Krise hat reaktionäre Plattformen hervorgebracht, bei denen die Dringlichkeit einer Situation als einziges Argument gilt, um Komplexität abzukürzen und auf der Stelle »irgendwas zu tun«: Der Klimawandel hat uns einen Schlag versetzt, also müssen wir zurückschlagen; wir wurden vom reichen 1 Prozent der Weltbevölkerung ausgebeutet, also müssen wir dafür sorgen, dass das Blatt sich wendet; afrikanische Kinder versagen bei einfachen Rechenaufgaben und sind schlecht in der Schule, also schicken wir ihnen Laptops und Geld, um Schulpulte anzuschaffen; die Menschen im Globalen Süden leben von weniger als 1 Dollar pro Tag, also gründen wir Entwicklungshilfeprogramme, und bis diese soweit sind, bieten wir diesen Menschen Kredite an; und wenn uns Traurigkeit überkommt, müssen wir schnell »darüber hinwegkommen« …

Diese Reaktionsmuster lassen uns einen inneren Monolog aufrechterhalten, bei dem wir uns selbst immerzu von unserer eigenen Handlungsmacht erzählen. Wir behandeln die Welt, als würde sie sich um uns drehen, als wären wir dazu gemacht, sie zu reparieren, als wären wir unbeteiligte Passanten, die ein paar Handbreit über dem Schlamassel schweben, den wir in einem Akt der Anmaßung als unsere »Heimat« bezeichnen.

Diese Weise, uns zur Welt in Beziehung zu setzen, wird gegenwärtig auf den Prüfstand und zunehmend in Frage gestellt. Die Welt, die uns umgibt, ist wesentlich, ist nicht bloß schmückendes Beiwerk. Wenn wir diesem wilden Gedankenfluss konsequent bis zu seinem sturzbachartigen Finale folgen, wenn wir den Gedanken zulassen, dass wir nicht der aktive Wirkstoff in der chemischen Zusammensetzung sind, dann werden wir vielleicht bemerken, wie wir mit einladender Geste in einem vielstimmigen Raum empfangen werden, den manche als »Salon der Artenvielfalt« bezeichnen (siehe den 2014 erschienenen Sammelband »Multispecies Salon« des Anthropologen Eben -Kirksey, Anm. d. Red.) – eine Welt, in der Komplexität ansteckend ist, in der sich Veränderung durch ein Mit-Werden ereignet, in der wir keine Kontrolle über die Ergebnisse haben, sondern selbst ein flüchtig vergänglicher Teil des Prozesses sind. Eben diese Erkenntnis ließ Donna Haraway (eine Autorin, aus deren Werk ich viel lerne) darauf beharren, dass die gegenwärtig faszinierendste Denkfigur nicht etwa das »Post-Humane« als solches, sondern der »Kompost«, oder auch: »Com-Post«, ist. Die feministische Anthropologin Katie King fand sogar eine Bezeichnung für die Art von Arbeit, die ihr heute entscheidend erscheint: »die Humanismen kompostieren« (oder »Humus-ismus statt Humanismus«, wie der Wissenschaftsautor Rusten Hogness einmal bemerkte).

Die Welt ist sich entfaltende Gemeinschaft. Ein Gemeinsam-Werden. Das hat enorme Auswirkungen darauf, wie wir über uns selbst, über Andere und über die Welt denken. Vielleicht ermöglicht uns die gegenwärtige Öffnung im Denken und Handeln, heilend-heilige Schutzräume aufzubauen, Orte, an denen Leute sich sicher und gehalten fühlen können – Orte, an denen wir kompostieren, an denen wir selbst zu Kompost werden können. //


»A Slower Urgency« erschien 2017 auf www.bayoakomolafe.net;
aus dem Englischen übersetzt von Matthias Fersterer.


Báyò Akómoláfé (38) erforscht als Philosoph, Autor und Referent, wie wir unser Denken und Handeln nicht nur von (neo-)kolonialistischen Strukturen emanzipieren und dekolonisieren können, sondern auch von dem Heldenmythos befreien, dass Menschen über- und außerhalb dessen, was landläufig »Natur« genannt wird, stünden und unabhängig von allen anderen Wesen agieren könnten. Báyò Akómoláfé beschreibt die Welt als belebtes Netzwerk, in dem alle menschlichen und mehr-als-menschlichen Beteiligten eng miteinander verwoben und mit Handlungsmacht begabt sind. Am meisten lernt er dabei von seiner Tochter Alethea Aanya, seinem Sohn Kyah Jayden und seiner Frau Ijeoma, mit denen er im indischen Chennai lebt. Geboren wurde er in eine christliche Diplo-matenfamilie in Nigeria, wo er eine westlich geprägte Erziehung erhielt. Erst während eines Promotionsstudiums in klinischer Psycho-logie näherte Báyò Akómoláfé sich über die Bekanntschaft mit Yoruba-Heilern seiner eigenen kulturellen Tradition an. Seither bezeichnet er sich als recovering Yoruba, als »in Genesung und Rückverbindung befindlicher Yoruba«. 2017 erschien sein Buch »These Wilds Beyond Our Fences«, er publiziert regelmäßig auf seinem Blog sowie auf emergencenetwork.org, der Website des von ihm begründeten »Emergence Network«.

bayoakomolafe.net


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