enkeltauglich leben
Titelthema

Ich komme aus dem ­Zirkus

Julian Schubert ist Aktivist und ­Tänzer. Beim Zirkuscamp in Klein Jasedow erzählte er Lara ­Mallien von seinem Werdegang, in dem Allmende, Widerstän­digkeit und ­Zirkus ein Ganzes bilden.von Lara Mallien, Julian Schubert, erschienen in Ausgabe #66/2021
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© Isabell Bungart

Lara Mallien: Julian, als Feuerspieler und Tänzer kenne ich dich seit 2006, als du als Siebenjähriger erstmals unser Klein Jasedower Zirkuscamp besucht hast. Dieses Jahr erlebe ich dich erstmals auch in deiner Rolle als Klimaaktivist. Beim diesjährigen Zirkussommer, wo du Tanz unterrichtest, hängst du immer wieder am Telefon und scheinst mit Hochdruck etwas zu organisieren. Darüber möchte ich mehr erfahren. Wie bis du zum Aktivismus gekommen?  Julian Schubert: Eigentlich hat mich der Tanz dazu gebracht. Nach dem Abitur gab es eine Phase, in der ich schauen wollte, was passiert, wenn ich mir nichts vornehme. Es war eine Zeit, in der ich gar nichts wusste und gar nichts wissen wollte, und so fing ich an herumzuträumen. Als ich einmal auf einem Plumpsklo saß, fragte ich mich: »Was wäre eigentlich, wenn ich Tänzer werden würde?« Für die Tanzausbildung ging ich nach Berlin, wo ich intensiv in Kontakt mit der Klimabewegung kam. 

Tänzer zu werden, ist kein besonders gewöhnlicher Berufswunsch. Wie ist der in dir entstanden?  

Julian: Ich tanze schon lange sehr gerne. Ein zündender Funke dafür waren die Partys nach unseren Zirkusaufführungen. Wir legten dort unsere selbstausgesuchte Musik auf und haben schon als Kleine bis zum Morgengrauen durchgetanzt. Später habe ich von meiner Waldorfschule aus das Jugendsymposium in Kassel und dort einen Tanzworkshop besucht. Nach drei Tagen war ich überrascht davon, dass ich, obwohl wir kaum ein Wort gewechselt hatten, das Gefühl hatte, die Menschen dort zu kennen und ihnen zu vertrauen. Durch den Tanz teilten wir eine intime Zeit miteinander. Da wurde mir bewusst, was für eine Qualität in dieser Art von Kontakt liegt und dass mir genau das im alltäglichen Miteinander fehlt.

All das ging dir auf dem Plumpsklo dann durch den Kopf?  

Naja, nicht alles. Tänzer zu werden, schien mir eine schöne Vorstellung, aber gleichzeitig dachte ich: »Das kannst du doch nicht machen!« Und dann wieder: »Warum eigentlich nicht?« Später hatte ich dann in einem besonderen Moment die Erkenntnis, dass ich selbst so frei bin, dass ich tun kann, was ich will, und dass ich dieses Privileg auch nutzen möchte. Außerdem wollte ich nach der Schule wenigstens einmal etwas tun, das mir wirklich Spaß macht. Kurz darauf habe ich mich beim »DanceIntensive«, einem Intensivjahr an der Tanzfabrik Berlin, beworben und wurde angenommen. Während meiner Tanzzeit bin ich zum ersten Mal intensiver mit der Klimabewegung und vor allem mit »Extinction Rebellion« (XR) in Kontakt gekommen. 


Was hat dich an dieser Bewegung so stark angezogen?  

2019 habe ich an der ersten »Rebellion Wave« von Extinction Rebellion teilgenommen. Dafür kamen Ortsgruppen aus ganz Deutschland nach Berlin, um gemeinsam kreativ Straßen zu blockieren. So etwas mitzuerleben war, was ich mir immer gewünscht hatte: zu demonstrieren, aber mit Tanz und Gesang – friedlicher Widerstand, bei dem protestiert, gefeiert, gesungen, getrauert und über Gefühle gesprochen wird.

Während meines Jahrs in Berlin geriet ich immer mehr in einen inneren Konflikt. Mir wurde langsam klar, dass die Klimakrise etwas ganz Reales ist. Obwohl ich das nie angezweifelt hatte, dachte ich lange noch unbewusst so etwas wie: »So schlimm kann es doch nicht sein, sonst würde doch viel mehr weltweit dagegen unternommen werden …« Jetzt begriff ich die gesamte Tragweite und wollte viel mehr tun als bisher, mich am liebsten jeden Tag von morgens bis abends in den Aktivismus stürzen. Nach einigen verpassten Tanzstunden entschloss ich mich dann, bis zum Ende des Dance Intensive zu warten und mein nächstes Jahr komplett dem Aktivismus zu widmen. 


War es schwierig, dabei deinen Lebensunterhalt zu finanzieren?  

Ja, aber es ging auch immer irgendwie. Im November war ich gerade auf Wohnungssuche in Berlin, als mich immer mehr Nachrichten aus der Waldbesetzung im Dannenröder Forst erreichten, der damals gerade geräumt wurde. Nach einem längeren Entscheidungsprozess entschloss ich mich, meinen Job zu kündigen, meine Zelte in Berlin fürs erste abzubrechen und in den Danni zu fahren. Es war ein Sprung ins kalte Wasser, ohne jegliches Einkommen loszugehen und zu schauen, was passiert.

Magst du von deinen Erfahrungen im Wald erzählen?  

Ich war dort nur drei, vier Wochen, aber die haben mich sehr geprägt. Zuerst fühlte ich mich etwas alleine. Ich geriet mitten in die letzte Räumungsphase und landete schneller auf Baumhäusern und in Gefangenensammelstellen, als ich gedacht hätte. Die Erfahrungen auf den Bäumen waren sehr vielfältig. Die Polizeigewalt so nah mitzuerleben, war erschreckend, die Bäume fallen zu sehen, war furchtbar und traurig, das Leben in den Bäumen war wunderschön und aufregend.

Nach der Räumung fielen alle in ein tiefes Loch. Es herrschte größtes Chaos, die meisten wirkten irgendwie gebrochen. Sie hatten so viel aufgebaut, im Wald gelebt, dort gegärtnert – all das war nun zerstört, die Bäume waren abgeholzt. Da ich noch nicht lange dagewesen war, hatte ich noch viel Energie und traute mich, nach und nach, nicht nur teilzunehmen, sondern immer mehr auch aktiv mitzugestalten. 


Was war es denn, das du mit deiner frischen Energie dort einbringen konntest? 

 Bei einem der Zukunftsplena hatte ich das Gefühl, dass hier etwas fehlt. Wir trafen uns gefühlt zehn Mal am Tag, um irgendwie das Chaos aufzuräumen, warme Orte zu schaffen usw., aber nicht einmal, um darüber zu sprechen, wie es uns eigentlich geht. Mit einem anderen Menschen zusammen habe ich dann regelmäßige Redekreise ins Leben gerufen, in denen Raum für Begegnung war. Dort konnten Menschen über das sprechen, was sie bewegt, und das tat vielen sehr gut, da so mehr Verbindung und Gemeinschaftsgefühl entstanden. Diese Erfahrung zeigte mir, was ich bewirken kann, wenn ich mich traue, mich einzubringen. 

In einer dieser Runden erzählten wir uns gegenseitig davon, wo wir so herkommen, und da wurde mir klar, dass ich ja gar nicht aus dem Aktivismus, sondern aus dem Zirkus komme. Und so, denke ich, war es auch diese Zirkusenergie, der Zirkuscamp-Spirit, den ich in den Danni mitbringen konnte. Zum Beispiel begann ich beim morgendlichen Plenum, manchmal mit allen, die Lust hatten, zur Aufwärmung ein Zirkusspiel zu spielen. 

Ich weiß, was du meinst. Beim Zirkuscamp kommen wir aus verschiedenen Himmelsrichtungen zusammen und bringen unsere Geschichten in eine Zirkus-Allmende ein. Wir können uns in der gemeinsamen Arbeit, im Lernen, im Spiel und in Rederunden in einem angstfreien Raum gegenseitig fühlen, und daraus entstehen zauberhafte Dinge – so viel Neues – ganz von alleine. Ein solcher Lebensfluss hat für mich mit »gutem Leben« zu tun und bildet so eine Basis, die auch Aktivismus möglich macht, ohne dass dabei viel Energie verlorengeht.

In den Zirkus-Theaterstücken, die sich die Kinder deiner Generation ausgedacht haben – und das setzt sich bis heute fort –, waren viele aktivistische Themen präsent. Ich erinnere mich an das Stück, das in der Türkei mit einer Parkbesetzung und dem Tod einer Aktivistin begann, oder das über den verschmutzten Ozean, als 2010 die Ölplattform »Deepwater Horizon« havariert war. Das war so ein poetisches Stück! Da war diese Figur des Fischers, der gab am Schluss allen im Publikum einen Stein aus dem Meer in die Hand. Für diese Szene hatten zwei Kinder ein Lied gedichtet, das alle dabei sangen. Wie solche Szenen durch unser gemeinschaffendes Miteinander entstanden sind, sehe ich vor mir, wenn du sagst: »Ich komme aus dem Zirkus.«

 Kurz vor Weihnachten verließ ich dann den Dannenröder Wald, verbrachte den Winter in meinem Heimatdorf Wangelkow und zog dann nach Greifswald zu meiner Freundin. Unter anderem ging ich zurück nach Greifswald, um dort dabei zu helfen, die eingeschlafene Extinction-Rebellion-Ortsgruppe wiederzubeleben.

Hier in Ostvorpommern gehen so viele kreative junge Menschen aus unseren Dörfern nach Greifswald, erst wegen der Schule, und danach verschwinden sie meist in alle Welt. Ich verstehe das, aber es macht mich auch traurig. Die urbane, junge aktivistische Welt und die Dörfer können sich auch befruchten und künftig vielleicht mehr durchdringen. Ich erinnere mich an die besonders von jungen Leuten aus Greifswald getragene Widerstandsgruppe gegen den Castor-Transport nach Lubmin, in die sich mein Bruder Tilmann stark einbrachte. Eine Szene steht mir immer wieder vor Augen: Im Winter 2011 sitzen Menschen aus unserer Gemeinschaft auf den Schienen im Schnee, und ich sitze zwischen Tilmann und unserer Mutter Christine. Wir singen spontan mehrstimmg: »Wie nun ihr Herren, seid ihr stumm, dass ihr kein Recht könnt sprechen?«, während die Polizei uns von den Gleisen tragen wollte. Das ist ein im 16. Jahrhundert vertonter Psalm, also aus einer Zeit, zu der in Europa der Absolutismus erstarkte, Allmenden eingehegt wurden und kolonialistische Gewalt massiv zunahm. Das hatte für mich eine unglaubliche Kraft und verband mich mit unserem Dorf, wo wir solche Liedtraditionen pflegen, genauso wie die selbstgebackenen Lebkuchen in unseren Taschen, die wir beutelweise von einer zu Hause Gebliebenen mitbekommen hatten. Die bunten Menschen auf den Schienen nannten sie bald »Lembas«, nach dem nährenden Brot der Elben im »Herrn der Ringe«.

Das war nur ein kurzes Aufflackern des Potenzials, das ich in der Verbindung von Dörfern wie unseren und öffentlichkeitswirksamem Aktivismus sehe.  Wie lange es unsere Dörfer wohl so noch geben wird?

Ich glaube, wir sind gerade wirklich an einem Kipppunkt in der Geschichte von Erde und Menschheit und es wird verdammt knapp! Wenn sich die Erde weiter erhitzt, wird alles Leben vertrocknen. Wir werden Bürger- und Weltkriege um die letzten Ressourcen führen. Wahrscheinlich wird diese Wiese dann nicht mehr existieren, weil sie unter Wasser liegt. Aber diese alles entscheidende Zeit, in der wir leben, können wir auch als große Chance betrachten.

Denn durch all die Veränderungen, die im Großen nötig sind, könnte sich das Leben aller Menschen auf der Erde zum Schöneren verändern. Das lässt sich etwa am Beispiel der Landwirtschaft zeigen – dieser Gedanke ist erst vor kurzem für mich greifbar geworden, obwohl mein Vater seit Jahrzehnten Biolandwirt ist. Eine radikal veränderte regenerative Landwirtschaft kann unglaubliche Mengen CO2 binden und zugleich ganze Ökosysteme wiederbeleben. Außerdem gäbe es mehr gesunde Lebensmittel aus der Region und mehr Menschen, die wieder mit dem Land und der Erde in Kontakt kommen. Zur Zeit sehe ich keine größere Hoffnung als in diesem Bereich. Die Klimakatastrophe könnte die Erdengemeinschaft dazu bringen, endlich gemeinsam an einer Sache zu arbeiten: nämlich an unserem Weiterleben, am guten Leben unserer Kinder.

Langsam fällt es mir auch leichter, zu verstehen, dass in allen Bereichen Menschen tätig sein müssen. Es gibt Menschen wie meine Eltern, die einfach das Land hüten, es gibt solche, die Oya schreiben und dann etwa auch noch solche, die erschütternde, weithin sichtbare Aktionen durchführen. All das sollte sich noch mehr verbinden.


In diesen extremen Zeiten erlebe ich, dass sich gerade junge Leute immer mehr um sich selbst drehen. Ich höre von ihnen oft Sätze wie: »Ich muss zu mir kommen, ich muss mich aufladen, ich brauche Zeit für mich selbst, ich muss meine Bedürfnisse verstehen.« Dann denke ich mir: »Klar ist das wichtig, aber wie steht das in Beziehung zum gegenwärtigen Kollaps, zur rasend schnellen Annäherung an katastrophale Kipppunkte in Ökosystemen, zu ertrinkenden Flüchtlingen und Kriegen? Hat das denn nichts mit den eigenen Bedürfnissen und mit Sinnfindung zu tun?« Bei dir habe ich das Gefühl, dass du beide Pole verbinden kannst.

Was plant denn eure XR-Gruppe derzeit?

 Vor Kurzem habe ich mich dazu entschieden, zwei Freunde bei einem Hungerstreik zu begleiten. Dieser wird als Aktion für sich stehen und hat nichts mit XR zu tun. Dieser Streik ist eine Idee, die etwa zeitgleich bei mehreren Menschen unabhängig voeinander gelandet ist, so auch bei mir. Ich habe die letzten Tage über sehr daran gezweifelt, ob ich diese Hungerstreik-Begleitung tatsächlich umsetzen will, ob wir das alles gut genug vorbereiten können, so dass kein Mensch ernsthaft Schaden nimmt, ob wir das auch politisch so gut eingliedern können, dass es Wirkung zeigt, ob wir das Camp aufbauen können, obwohl wir nur so wenige sind …

Gerade bin ich an einem Punkt, an dem ich wirklich für etwas einstehe, weil ich mir sicher bin, dass ein sinnvoller Wandel schnell passieren muss – natürlich auch wohlüberlegt, aber dann eben schnell. Wir haben nur noch wenige Jahre für den lebenswichtigen Wandel auf der Erde – für viele Menschen, Tier- und Pflanzenarten ist es bereits jetzt zu spät! Deshalb werden wir wohl trotz aller Bedenken den Hungerstreik machen. 


Welche Unterstützung wünschst du dir für die Aktion? 

 Das Sonnensegel und andere Camp-Infrastruktur könnten wir gut gebrauchen, da wir unser Hungerstreik-Camp, wenn alles klappt, direkt vor dem Reichstag aufbauen werden. Auch Kontakte helfen uns weiter, vor allem zu guten Ärztinnen in Berlin, die den Streik begleiten könnten. Eine unserer Forderungen wird sein, dass die neue Regierung einen verbindlichen Bürgerinnenrat zum Thema »Klima« einsetzen soll. Um die Forderung sinnvoll zu gestalten, möchten wir gerne mit Menschen sprechen, die damit schon Erfahrungen haben. Eine weitere Forderung, die ich gerne mit hineinnehmen würde, ist, die gesamte Landwirtschaft in Deutschland auf regenerative Anbauweisen umzustellen. Darüber habt ihr in Oya ja schon oft geschrieben. 


Ja, da kann ich tatsächlich viele Kontakte vermitteln. Wir können gleich nach Adressen, Büchern und den entsprechenden Oya-Ausgaben schauen. Julian, ich danke dir sehr für das intensive Gespräch!


[Dieses Gespräch vom August wurde Ende September kurz zwischen Tür und Angel fortgesetzt. Julian brachtre die für das Hungerstreik-Camp genutzten Hockerkocher und das Sonnensegel zu Lara Mallien zurück. Letzteres gehört zwar seiner Familie, die den »Brennesselhof« und den Verein »Wald und Wiese« im vorpommerschen Weiler Wangelkow betreibt, lagert aber die meiste Zeit im Jahr in einem Stall in Klein Jasedow oder ist auf der dortigen Campwiese im Einsatz. Da nur wenig Zeit zur Verfügung stand, beschlossen beide, das Interview schriftlich fortzusetzen.]


Wie ist es dir während der Zeit des Hungerstreiks ergangen, Julian?  

Der Hungerstreik war eine sehr grenzwertige Erfahrung. Dass wir das Ganze unter Zeitdruck geplant hatten, ist uns meiner Meinung nach ganz schön auf die Füße gefallen. So waren viele Tage von kleineren oder größeren Krisensitzungen geprägt. Wir sind leider auch über unsere Belastungsgrenzen gegangen, da wir nur ein sehr kleines Unterstützungsteam waren. Es wurde auch mit der Zeit zunehmend schwieriger, mit anzusehen und auszuhalten, dass es den Hungerstreikenden immer schlechter ging. Selbstverständlich gab es auch sehr schöne Momente, und diese extreme Situation hat uns teilweise tief verbunden.

Welche Aufgaben hattest du bei der Aktion?

 In der Vorbereitung habe ich mich mit einem Anderen aus unserem Team um die Behördenkommunikation, die Anmeldung, die Planung und den Aufbau des Camps gekümmert. Nach ein paar Tagen habe ich dann zusammen mit zwei Weiteren die Koordination und Kommunikation mit dem medizinischen und emotionalen Unterstützungsteam übernommen. Mir war wichtig, den emotionalen Austausch und Zusammenhalt untereinander zu stärken und dafür immer wieder Räume zu gestalten. Dafür hatte ich zum Beispiel ein besonderes Auge auf die Tagesstruktur und habe hin und wieder abends zu einem Redekreis eingeladen.


Wie denkst du heute über die Aktion? Hat sie etwas bewirken können? Hat sie dich und die Gruppe, die das gemeinsam durchgestanden hat, innerlich verändert? 

 Ich denke, der Hungerstreik war auf jeden Fall sinnvoll. Das Thema Klima war dadurch während des Wahlkampfs präsenter, und der Streik hat auch eine gewisse Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit in die Debatte gebracht, die bei anderen Aktionen oft nicht so spürbar ist.

Auch wenn unsere Forderungen nur zum kleinsten Teil erfüllt wurden, ist doch für die Öffentlichkeit sehr sichtbar geworden, wie ignorant, unempathisch und unfähig sich die Politik gegenüber uns jungen Menschen, den kommenden Generationen und dem Leben selbst, verhält. Das politische System, wie wir es gerade leben, wird den lebenswichtigen Wandel nicht herbeiführen! Es lässt uns sterben, unser aller Zukunft – und schon heute massenweise Menschen im globalen Süden, die unter den Folgen der Erdüberhitzung leiden und zur Flucht gezwungen sind.

Klimaaktivismus will die Herzen der Menschen berühren; er ist kein Hobby, sondern tiefster Ernst und Ausdruck der jungen Generation. Uns hat die Aktion auf jeden Fall verändert. Mir wurde noch einmal mehr bewusst, wie es jetzt auf jeden einzelnen Menschen ankommt, alle können ganz konkret Widerstand leisten. Es reicht nicht mehr aus, nur im eigenen Umfeld zu wirken – auch wenn das elementar wichtig ist. Stattdessen müssen wir gesellschaftlichen Druck aufbauen.


Wollt ihr als Gruppe weitermachen? Und, wenn ja, was könnten sinnvolle Folgeaktionen sein?  

Nein, das damalige Team wird so nicht noch einmal zusammenarbeiten. Es gab einen Konflikt darüber, wie weit der Hungerstreik gehen darf, ob ein »Trockener Hungerstreik« zu weit geht. Im Zug dieses Konflikts haben sich zwei Gruppen gebildet, die sich »Der Aufbruch« und »Der Aufstand der letzten Generation« nennen. Sie verfolgen jetzt unterschiedliche Ideen und Taktiken und wollen die Aufmerksamkeit und Energie nutzen, die wir generiert haben. Alle sind sich einig, dass es wichtig ist, weiterzu-gehen und so viele Menschen wie möglich dazu zu inspirieren, zivilen Widerstand zu leisten.


Was möchtest du im nächsten Jahr gerne tun?

 Ich würde gerne eine Ausbildung oder ein Studium beginnen – weiter forschen und lernen in den Bereichen Tanz, Bildung oder Sozialpädagogik. Aber ich werde wohl noch für mindestens ein Jahr weiter aktiv in den Klimaaktivismus gehen. Dem aktuellen Bericht des Weltklimarats zufolge haben wir nur noch drei Jahre Zeit, um eine Erd-erwärmung von 2 °C zu verhindern. Bis dahin muss die große Wende passieren, so dass die Emissionen danach kontinuierlich sinken. In dieser entscheidenden Zeit will ich mein Bestes geben!

Letztlich habe ich nicht das Gefühl, bei dem, was ich tue, eine Wahl zu haben, denn ich betrachte es als meine moralische Pflicht, in den zivilen Widerstand zu gehen, aktiv zu einem Systemwandel beizutragen, wenn unsere Regierung es nicht schafft, unser Grundrecht auf eine Lebensgrundlage zu schützen. Gleichzeitig sehe ich eben in dem Wandel so eine wunderbare Chance für ein besseres Leben für alle Menschen, Tiere und Pflanzen auf dem Planeten, auch für den internationalen Frieden. Deshalb ist es nicht nur eine Pflicht, sondern auch ein Geschenk, sich dafür einzusetzen. Es ist auch schön, für das Leben zu streiten.

Persönlich möchte ich die nächste Zeit weiter zur Frage forschen, wie Aktivismus nachhaltiger werden kann und wie sich links-ökologischer (Klima-)Aktivismus mit dem Leben in Gemeinschaften auf dem Land, dem Arbeiten in der regenerativen Landwirtschaft und dem Wandel unserer Herzen verbinden lässt.


Hab herzlichen Dank, dass du dir Zeit für ein weiteres Gespräch genommen hast, Julian – ich bin schon gespannt auf die Ergebnisse deines Forschens! //


Julian Schubert (23) wuchs in einem abgelegenen Dorf gegenüber der Insel Usedom auf, machte in Berlin eine Tanzausbildung und ist Teil die Greifswalder Ortsgruppe von »ExtinctionRebellion«. Seit er sieben ist, nimmt er am Klein Jasedower Zirkuscamp teil.


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