enkeltauglich leben
Commonie

Eine Botschaft der Erde

Der Mohawk-Älteste Tom Porter erzählt, wie die Stimme der Erde unverhofft zu ihm sprach.von Matthias Fersterer, erschienen in Ausgabe #58/2020
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© Nomi Baumgartl

Vor einem Jahr bekam die Oya-Redaktion Besuch von Abgesandten der Haudenosaunee (Irokesen): Tom Porter, Ältester der »Akwesasne Mohawk Nation«, sein Sohn Aroniennens sowie der Autor und Aktivist Claus Biegert, seit Jahrzehnten ein enger Vertrauter der Haudenosaunee. Zum Auftakt kamen wir am Abend des 1. Mai zu einer Runde Storytelling um den großen Tisch der Klein Jasedower Gemeinschaft zusammen. »Tom, do you wanna tell the story with the car radio?« – »Tom, magst du die Geschichte mit dem Autoradio erzählen?«, fragte Claus. Nach kurzer Stille hob Tom zu einem Erzählbogen an: 

Er berichtete, dass er zur siebten Auflage des »Parliament of the World’s Religions« im November 2018 nach Toronto eingeladen worden sei. Zunächst habe er nicht gewusst, was er dort eigentlich beitragen solle. Doch dann hätten ihn zwei Menschen eindringlich gebeten, an der Konferenz teilzunehmen, und in seinem Briefkasten habe er einen Umschlag mit Benzingeld und dem erneuten Wunsch, er möge nach Toronto fahren, vorgefunden. Also habe er kurzentschlossen die Reise von Akwesasne im Norden des US-Bundesstaats New York ins 500 Kilometer entfernte Toronto in der kanadischen Provinz Ontario angetreten.

Während der Autofahrt habe er, wie er es gerne tue, Country Music aus dem Autoradio gehört. Als er den Großteil der fünfstündigen Fahrt hinter sich gebracht hatte, wurde die Musik durch einen gesprochenen Beitrag überlagert. Zunächst dachte Tom, er verlasse gerade das Empfangsgebiet des einen Senders und nähere sich dem eines anderen. Allerdings staunte er nicht schlecht, als er bemerkte, dass der Redebeitrag nach Mohawk-Sprache klang, obwohl sich doch die einzigen beiden Stationen, die Programme in seiner Muttersprache ausstrahlten, 300 Kilometer von seinem gegenwärtigen Aufenthaltsort entfernt befänden. Da er weder Musik noch Wortbeitrag richtig verstehen habe können, schaltete er das Radio ab.

Zu seiner großen Verwunderung sei die Stimme jedoch nicht verstummt, sondern habe ihn sogar direkt angesprochen: Die Frauenstimme stellte sich als seine »Mutter«, als »Mutter Erde« vor. Sie sei nicht nur seine Mutter und die der Mohawks, sondern die Mutter aller Menschen, aller Pflanzen, aller Tiere, ja, aller Lebewesen. Es mache sie traurig, dass viele Menschen vergessen hätten, dass sie ihre, Mutter Erdes, Kinder seien. Es sei ihr Wunsch, dass die Menschen sich dessen wieder erinnerten. Die Stimme trug Tom auf, eine Botschaft weiterzutragen: Sie wünsche sich, dass die Menschen jeweils zur längsten Nacht und zum längsten Tag des Jahres zusammenkämen und bei einem Essen im Kreis ihrer Familien und nahen Menschen ein Fest feierten, um sich daran zu erinnern, dass die lebendige Erde unser aller Mutter sei. An jenen Tagen, dem 21. Dezember und dem 21. Juni, sollten sie keine Maschinen und keine kraftstoffbetriebenen Fahrzeuge nutzen. Auch der Traktor, auf dem Tom als Landwirt so oft sitzt, solle an diesen Tagen ruhen. Diese Botschaft solle er mit den Menschen teilen, jedoch ohne sie zu ermahnen, zu belehren oder ihnen Vorwürfe zu machen. Das Wiedererinnern an unser aller Verwandtschaft mit der lebendigen Erde müsse in kleinen Schritten erfolgen.

Tom erzählte, dass er diese Botschaft bei der Konferenz in Toronto zwar weitergegeben habe, sich jedoch nicht sicher gewesen sei, von wie vielen Menschen sie tatsächlich gehört worden war, weil dort jeweils Dutzende von Parallelveranstaltungen stattgefunden hätten. Am Ende der Veranstaltung habe ihm jedoch ein Unbekannter seine Visitenkarte zugesteckt, auf deren Rückseite handschriftlich geschrieben stand: »Wir haben deine Botschaft gehört und werden sie beherzigen.«

Im Anschluss erzählte ich, dass unsere Freundin und Nachbarin Christiane Wilkening die Menschen des Lassaner Winkels alljährlich zu einer über dem Feuer gekochten Fischsuppe einlade, um gemeinsam die Wintersonnenwende zu begehen – ganz schlicht, ohne rituellen Überbau. Und ich erzählte, dass Hildegard Kurt und Andreas Weber 2018 die Erdfest-Initiative ins Leben gerufen hätten. Wir teilten unsere Freude über diese so verwandten Impulse – und gingen zur nächsten Geschichte über.

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