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Das bedingungslose Grundeinkommen

von Jochen Schilk, erschienen in Ausgabe #58/2020
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Zwar habe ich mich nie wirklich eingehend damit befasst, aber die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) erschien mir immer als ein plausibler Ansatz, um zunächst einmal zumindest die Menschen eines bestimmten Staatsgebiets aus den Zwängen der oft als sinnlos empfundenen Erwerbsarbeit zu befreien. Freilich hatte ich hier und da etwas über die zugrundeliegende Theorie und über erste Praxisversuche gelesen, und so wusste ich auch, dass einige der herausragendsten Streiter für die Einführung eines BGE sich zur Anthroposophie (der Lehre Rudolf Steiners) bekennen, etwa der Gründer der dm-Drogeriemarktkette, Götz Werner. Deshalb weckte es mein Interesse, dass sich ausgerechnet eine Schrift des Instituts für soziale Dreigliederung (ein Kerngedanke des Steiner’schen Gesellschaftsentwurfs) explizit gegen die Idee des BGE wendet. »Das bedingungslose Grundeinkommen – Pathologie und Wirkung einer sozialen Bewegung« heißt Johannes Mosmanns Buch, das für nicht volkswirtschaftlich bewanderte Leserinnen und Leser wie mich mitunter einige Verständnisschwierigkeiten bereithält. Dennoch bekommt mensch mit etwas Mühe das Wichtigste mit, und die Lektüre lohnt sich in mehrerlei Hinsicht.
Mosmann argumentiert nicht etwa (nur) aus der Sicht der Dreigliederungsidee, sondern zunächst aus einem volkswirtschaftlichen Verständnis der realen global-arbeitsteiligen Ökonomie heraus. Ihm zufolge würde die staatliche oder sogar globale Einführung eines BGE letztlich das Gegenteil dessen bewirken, was sich seine Verfechterinnen erhoffen – ja, ­tatsächlich würden jene sich selbst noch tiefer in das kritisierte System verstricken und das »volkspsychologische Fundament für die endgültige Manifestation des Systems der Erwerbsarbeit« liefern. Der Autor erklärt auch, warum ausgerechnet neoliberale Thinktanks und Konzernchefs aus dem Silicon Valley sich für die Einführung eines BGE in die Bresche werfen – eine Tatsache, die stutzig machen sollte!
Der Schlüssel zu Freiheit und Gerechtigkeit liegt, so Mosmann, nicht in einem staatlich garantierten Grundeinkommen, dessen Forderung egoistische Motive zugrundeliegen und das die notwendige natürliche Preisbildung vollends verfälschen und verunmöglichen würde. Vielmehr ginge es um eine grundsätzliche Reformierung der Rahmenbedingungen des Wirtschaftslebens. So böte die Arbeit in der global arbeitsteiligen, zunehmend technisierten Gesellschaft – anders als zu Zeiten der Selbstversorgung – kein unmittelbar sinnstiftendes Tun mehr, weshalb die insgesamt zur Bedürfnisbefriedigung nötige Arbeitszeit auf die Zahl aller (!) arbeitsfähigen Menschen aufgeteilt werden sollte. Dies brächte eine Verkürzung der individuellen Arbeitszeit und somit für das Individuum die Möglichkeit, sich nach dem sinnvollen Beitragen zum großen, solidarischen Werk den eigenen Neigungen widmen zu können.
Dies ist freilich nur eine verkürzte, ausschnitthafte Zusammenfassung von Johannes Mosmanns Argumentation. Ich verdanke seiner Schrift erste erhellende Einsichten in volkswirtschaftliches Denken, eine gewisse Reinigung von eigenen naiven Annahmen und nicht zuletzt auch die Bekanntschaft mit Steiners faszinierenden Gedanken zur Dreigliederung des sozialen Organismus. Daher möchte ich das Buch allen empfehlen, die bislang mit dem BGE sympathisierten, und bin gespannt auf eine ebenso fundierte Replik aus diesem Lager.
 

Das bedingungslose Grundeinkommen
Pathologie und Wirkung einer sozialen Bewegung.
Johannes Mosmann
Inst. f. soziale Dreigliederung, 2019
144 Seiten
ISBN 978-3945523162
 12,00 Euro

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