enkeltauglich leben
Commonie

Rot on!

Ist es eine Bildungsveranstaltung? Ist es ein Festival? Es ist ein Bildungsfestival! – Im Juni fand in Münster erstmals das »Kompostfestival« statt.von Jana Gowitzke, erschienen in Ausgabe #70/2022
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© Philipp Foelting

Als die Organisatoren des Kompostfestivals, Severin Halder und Manuel Wagner vom Stadtlabor Münster, mich für einen Fermentationsworkshop anfragten, hatte ich noch keinen blassen Schimmer davon, was ein »Kompostfestival« sein sollte, was wir vom Kompost lernen können und wie das mein Leben nachhaltig beeinflussen würde. Ein einwöchiges Festival über sozio-ökologische-Transformation? »Mal abwarten«, dachte ich.

Als ich am Auftakttag ankam, wehten bunte Fähnchen rund um den Eröffnungsort, die »Trafostation« in Münster, und überall summten emsige Helferlein herum. Zur Vorbereitung hatte ich mir das gesamte Programm angeschaut, und war begeistert von der Themenvielfalt: Dieses Festival war genau das, was ich schon lange gesucht hatte – ein Permakultur-Vernetzungstreffen mit geballtem Wissen über Kreislaufwirtschaft und wie wir diese in unserem Leben umsetzen können. Angefangen bei ganz praktischen Workshops zum Bau von Hochbeeten, Wurmkisten und Bokashis mit Miren Artola von der Initiative »BodenschätzeN« über Geschichten von utopischen Gartenstädten und theoretischen Inputs – etwa von Oya-Autor Andreas -Weber zur »Kosmologie des Komposts« – bis hin zur Filmvorführung von »Kiss the Ground« gab es an den ersten beiden Tagen so viele inspirierenden An-gebote, dass ich beschloss, so viel wie möglich von diesem Festival mitzunehmen.

Nach meinen Fermentationsworkshop am nächsten Tag ging es dann ans Eingemachte: Was haben eigentlich unsere eigenen Ausscheidungen mit gutem Boden zu tun? Anschließend ging es bei einer Film-Fahrradtour zu den Brachen Münsters, bei der Ausschnitte aus dem Film »The Brachen of Berlin« gezeigt wurden. In der zweiten Festivalwoche drangen wir in tiefere Bodenschichten vor: Roland Wolf vom »Netzwerk für nachhaltige Sanitärsysteme e. V.« gab Rezepte dafür, wie unsere eigenen Ausscheidungen zu fruchtbarem Humus werden können, und mit dem »Klo:lektiv« debattierten wir über die Frage, »warum pissen politisch« ist. Tags darauf gab es einen Höhepunkt des Festivals: einen Ausflug in die Biovergärungsanlage von Münster. Viel zu schnell kam dann der Abschluss. Dieser bestand aus Vorträgen – so sprach etwa die Oya-Autorin Pauline Lürig dazu, was Feminismus mit Böden zu tun hat – sowie Ella von der Haidens und Jana Korbs akrobatischen Performances zur »Queer Love for the Micro-biom«, ergänzt durch eine Exkursion in einen naturbelassenen Schrebergarten mit Stephan Grote, Fachberater für Kleingärten. Als am Ende die »Gigi Saggi Dance Band« das Mikrobiom besang, dachte ich kurz: »Das ist alles viel zu schön, um wahr zu sein!«

Die wichtigsten Erkenntnisse, die ich während des Festivals für mich gewonnen habe, sind, dass das Thema Boden auf der Welt nicht genug beachtet wird und wir durch Bildung den »Nährboden in den Köpfen bereiten« müssen (Harald Lemke). Außerdem wurde mir bewusst, dass es bereits jede Menge Permakulturprojekte und potenziell Interessierte um uns herum gibt, die wir nur finden müssen – und dass, wenn diese unterschiedlichen »Menschen zusammenkommen, unglaublich viel Wissen in einem Raum gebündelt wird«, wie Marco Clausen, Mitbegründer der »Prinzessgärten Berlin«, es ausdrückte. Ich habe gelernt, dass Brachen gelebte städtische ökologische Vielfalt und Artenschutz sind, dass ich für eine effiziente Kompostierung nicht nur eine, sondern drei Kompostmieten brauche, und: Es gibt keinen Müll, sondern nur Wertstoffe!

Und warum hat nun das Festival, wie ich am Anfang so pathetisch schrieb, mein Leben verändert? Ich habe neue Bekannt- und Freundschaften geknüpft, mit Menschen, die für das Gleiche brennen wie ich, nämlich für eine enkeltaugliche Zukunft – das hat einen Großteil meiner Verzweiflung über die Situation unserer Erde durch gegründete Hoffnung ersetzt. Ich habe jetzt einen Bokashi-Eimer und damit endlich eine einfache Möglichkeit, meinen Boden im Garten mit den daraus anfallenden Abfällen schnell zu verbessern. Ich habe in meinem Schrebergarten eine Veränderung der Gartenordnung hin zu mehr Klimaschutz, Artenvielfalt und Permakultur angestoßen und im Rahmen meiner Bildungsarbeit in der Initiative »fairTEiLBAR« in Münster einen Grundstein für Projekte mit ansässigen Schulen zum Thema Humusaufbau gelegt. Und ich weiß jetzt ganz sicher: Früher oder später werden wir alle Kompost sein!  

kompost.zone


»Rot on!« – dazu passt auch die folgende Meldung, ebenfalls aus der »Commonie« in Oya 70:

Trauerfeier am Komposthaufen

Der menschliche Körper besteht aus einer Menge Mikroorganismen, die zusammen geschätzte anderthalb Kilo auf die Waage bringen. Ohne sie wäre an Leben nicht zu denken. Und nach dem Tod des Wirts(organismus)? Im Eichensarg zwei Meter unter der Erde herrschen denkbar schlechte Bedingungen für sie. Im Krematorium geht es ihnen noch schneller an den Kragen. Eine neue, seit Frühling 2022 in Deutschland zulässige Bestattungsform macht sich genau diese Wesen zu nutze: Der Leichnam wird in einem Kokon aus Edelstahl auf Stroh und Blumen gebettet und die Hülle verschlossen. Die Temperatur steigt darin, wie in einem Komposthaufen. Innerhalb von 40 Tagen wird der Körper so zu Humus, selbst Knochen und Zähne verrotten. Temperatur, Feuchtigkeit und Sauerstoffgehalt werden während des Prozesses kontrolliert, um für einen optimalen Zersetzungsprozess zu sorgen. Das Gesetz schreibt vor, dass der Humus anschließend auf einem Friedhof 30 Zentimeter unter der Erde vergraben wird – eine bemerkenswerte Möglichkeit, etwa einem Pfirsichbaum Leben zu spenden.

reerdigung.de


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