Buchtipps

Nähe, Mut und Vielfalt – Regionalität wirkt! (Buchbesprechung)

Laut Umfragen legen 78 Prozent der Deutschen Wert auf regionale Lebensmittel. Allerdings ist nirgendwo definiert, wie groß der Umkreis für »regional« eigentlich sein darf – weshalb einige Lebensmittelkonzerne unter diesem Label Waren anbieten, die viele hundert oder auch zehntausend Kilometer herangekarrt und dann nur irgendwo in Deutschland verpackt wurden.

Die bereits 1994 gegründete bayerische Solidargemeinschaft »Brucker Land Brot« wollte das ändern. Ihr Ziel: »Die Lebensgrundlagen für Menschen, Tiere und Pflanzen erhalten«. Denn: »Neben unserer Entfremdung von der Region hat die Globa-lisierung auch dazu geführt, dass wir das Gefühl und den Blick für die Konsequenzen unserer Handlungen verloren haben. Regio-nales Denken und Handeln […] lassen uns die Ergebnisse – die Ernte – wieder direkt wachsen sehen, fühlen, riechen und schmecken«. Inzwischen verkauft die als Verein organisierte Solidargemeinschaft 100 bis 120 Lebensmittel von 300 Erzeugerhöfen in und um München und Augsburg  – vor allem Brot. 

Isabell Maria Weiss beschreibt in ihrem reich bebilderten Buch »Nähe, Mut und Vielfalt – Regionalität wirkt!« mit viel Liebe zum Detail, wie solch ein durch und durch regionales Brot entsteht. Zu den Hauptakteuren gehören drei Landwirte sowie ein Müller, der mutig genug war, hochtechnisierte Mühlen zu meiden und eine historische, handwerklich geführte Mühle umzubauen und wieder in Betrieb zu nehmen. Dort wird das Getreide gereinigt und in 14 Stufen gemahlen und gesiebt. Nach diesem Prozess landet das Mehl bei einem Bäcker, der traditionelle Handwerkskunst und moderne Technik vereinigt und mit viel Handarbeit diverse Brotsorten erstellt. Garniert ist der im Buch beschriebene Herstellungs-Reigen mit verschiedenen Backrezepten. 

Schade nur, dass der Text manchmal allzu glatt daherkommt. In über 25 Jahren Vereinsgeschichte dürfte es doch einige Konflikte und Schwierigkeiten gegeben haben! Darüber erfährt man leider nichts. Dennoch: Menschen, die sich für Brot interessieren oder auch für den Aufbau einer regionalen Solidargemeinschaft, bietet das Büchlein viel Inspiration. 


Nähe, Mut und Vielfalt
Regionalität wirkt!
Isabella Maria Weiss
oekom, 2020
120 Seiten
ISBN 978-3962382018
14,00 Euro

weitere Inhalte aus #59 | Schöne neue Welt?

Photo

Mit und ohne Corona: Leben ist endlich

Wir sitzen an einem sonnigen Aprilnachmittag auf der Terrasse von Mia-Irene Kupfers Wohngemeinschaft im Ökodorf Sieben Linden. Überall grünt und blüht es idyllisch, um uns herum summen Insekten. SARS-CoV-2 bahnt sich nur langsam seinen Weg in die ländliche Altmark. Doch

Photo

Kulturwerkstatt »Ins Blaue« in Remscheid

Die Arbeitersiedlung aus den 1920er Jahren galt früher als Kommunistenviertel, später bekam sie die Bezeichnung »Klein-Istanbul«. Heute ist der Honsberg ein Stadtteil Remscheids mit viel Leerstand, aber auch Potenzial. Umgeben von viel Grün, gibt es keinen

Photo

Der kurze Sommer der Anarchie

Die Platzbesetzung am 3. Mai 1980 auf der Bohrstelle 1004 des geplanten Atommülllagers im Wendland war mehr als nur eine Anti-Atom-Aktion. Es war das Aufleuchten einer Vision:33 Tage lang haben wir damals quasi in der Zukunft gewohnt.Fast 700 Menschen lebten ständig auf dem Platz, dazu

#59 | Schöne neue Welt?

Cover OYA-Ausgabe 59
Neues aus der RedaktionVerteilstationen