enkeltauglich leben
Titelthema

Die Macht der Straße

»Echte Demokratie Jetzt!« fordern deutsche Ableger der bemerkenswert friedlichen und selbstorganisierten spanischen Bewegung »¡Democracia Real Ya!«.von Matthias Fersterer, erschienen in Ausgabe #10/2011
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Auf dem Anfang Juli nur beinahe ins Wasser gefallenen »Friedensfestival« in Berlin fiel mein Blick zwischen Sturmböen und Dauerregen auf eine Gruppe von Frauen und Männern, die der Witterung trotzten: Einer hielt einen Regenschirm hoch, auf dem er »Demokratie« einforderte, die möglichst »echt« sein und möglichst »jetzt« stattfinden solle. Mit dem Grüppchen, das sich um ihn scharte, wirkte er fast wie ein Reiseleiter. Ich gesellte mich dazu, wir kamen ins Gespräch. Es handelte sich um eine von zwei in Anlehnung an die spanischen Proteste gebildeten Berliner Gruppen. Einer der Anwesenden ist Matthias Merkle.
Ich will mehr erfahren, eine Woche darauf verabreden wir uns. Matthias schlägt die Kneipe »Freies Neukölln« vor. Wieder treffen wir uns im Freien, diesmal jedoch bei hochsommerlichem Sonnenschein. Als Wirt ist er hier Gastgeber. Auf dem grünen Tisch klebt ein Sticker von »Democracia Real Ya Berlin« (»Echte Demokratie Jetzt«). Am Nachbartisch sitzt eine Gruppe Spanier.
Der Freiburger lebt seit zwanzig Jahren in Berlin, eigentlich kommt er vom Theater. Es gebe vieles zu beanstanden: Umweltzerstörung, Raubtierkapitalismus, soziale Ungerechtigkeit. Lange habe er nach einer geeigneten Form des Engagements gesucht. Als er im Mai von den Protesten erfuhr, setzten er und Partnerin Antje sich kurzentschlossen in einen flaschengrünen VW-Bus und brachen nach Spanien auf. Sie besuchten Camps, filmten die öffentlichen Versammlungen und hoffnungsvollen Gesichter Tausender ganz normaler junger Leute, die auf die Straße gehen, weil sie die Gesellschaft als ungerecht empfinden und sich von ihrer Regierung nicht mehr repräsentiert fühlen.
Anders als die Krawalle, die jüngst die Straßen englischer Städte in bürgerkriegsähnliches Gebiet verwandelten, sind die spanischen Proteste von einem Impuls der Friedfertigkeit motiviert. Ebenso die deutschen Ableger, auf deren Web-Plattform sich Verweise auf gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg und gewaltfreien Widerstand nach Gene Sharp finden. Auch wenn sich die Lebensrealitäten und Pro­bleme in Nordafrika, Spanien und Deutschland unterscheiden, lieferte der gewaltarme »arabische Frühling« eine wichtige Vorlage für die spanische Bewegung, nach ihrem Beginn am 15. Mai auch als »15M« bezeichnet. Ein weiterer Einfluss ist Stéphane Hessels Traktat »Empört Euch!« Darin heißt es: »Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen.«

Friedliche Selbstorganisation
Neu an der Bewegung der spanischen Empörten ist, dass sich dort Hunderte Graswurzelinitiativen ohne Anführer oder Unterstützung durch Parteien oder Gewerkschaften nach dem Prinzip der Selbstorganisation zusammenschlossen. Der Autor Isaac Rosa beschreibt die Bewegung als ansteckend wie ein Computervirus. Auch Israel, wo ebenfalls Hundertausende selbstorganisiert und friedlich gegen soziale Ungerechtigkeit protestieren, scheint infiziert.
Beeindruckt vom spanischen Vorbild, dachte Matthias: »So könnte es auch hier gehen: ohne Ideologie, Patentrezept und ideologische Grabenkämpfe.« Er schloss sich einer neuen Facebook-Gruppe an, die sich zweimal wöchentlich auf dem Alexanderplatz trifft. Manchmal seien es achtzig, meist weniger. Hierzulande wird sich noch weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit empört. Die verhaltene Beteiligung führt Matthias darauf zurück, dass der Leidensdruck hier noch geringer sei. Er hat jedoch große Pläne, möchte Theaterhäuser wie das Berliner Ensemble als Debattierforum nutzen.
Damit die Bewegung an Dynamik gewinnt, bräuchte es »einen konkreten Startpunkt für Empörung«, meinen Ulrich Riebe und Thomas Stelling, Betreiber der Plattform »Echte Demokratie Jetzt!« Vielleicht wird die Teilnahme bis 15. Oktober reger werden. Dann nämlich, sechs Monate nach Beginn der spanischen Proteste, wird weltweit zu ­Demonstrationen aufgerufen.
Während ich an diesen Zeilen schreibe, rät mir mein Nachbar, ein betagter Richter a. D. mit Sozialisation in Berlin-Kreuzberg: »Was ›die jungen Leute‹ oft nicht wissen, ist, dass nicht nur das Geld, sondern auch die Macht auf der Straße liegt – ergreift sie, sonst tut es ein anderer!« Es wäre nicht das Schlechteste, wenn jene, die Macht nicht als Gewalt über Menschen, sondern als gemeinsame Gestaltungsmöglichkeit begreifen, sich danach bückten, sie aufklaubten, wie eine gefundene Münze in die Luft schnipsten und kreiselnd von einer Hand zur nächsten wandern ließen.  Matthias Fersterer

www.echte-demokratie-jetzt.de
 www.democraciarealyaberlin.com

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