enkeltauglich leben
Gemeinschaft

Solidarisch für die Menschenrechte

Dreißig Jahre Sozialistische Selbsthilfe Mülheimvon Rainer Kippe, erschienen in Ausgabe #1/2010

Worauf gründet der Zusammenhalt der Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim (SSM) über so lange Zeit? In unseren Festbroschüren zum dreißigjährigen Jubiläum steht darüber nur wenig geschrieben. Für Oya will ich den Zipfel des Zaubertuchs ein wenig lüften, unter dem sich das Geheimnis der wundersamen Kontinuität der SSM verbirgt. Ich muss allerdings das Thema erweitern: Wir feierten im November nicht nur dreißig Jahre SSM, sondern auch vierzig Jahre SSK. Im November 1969 hatten wir zunächst die »Sozialpädagogischen Sondermaßnahmen Köln«, kurz SSK, gegründet, die später unter gleichem ­Signet, aber mit geändertem Namen als »Sozialistische Selbsthilfe Köln« in die Geschichte eingehen sollte. In unseren Büchern »Ausschuss« und »Aufbruch«, aber auch in der Undergroundzeitung »ANA&BELA« und in Broschüren wie »Unbequeme Nachrichten« ­haben wir in den 70er Jahren von diesen mutigen Taten berichtet.

Es geht um etwas ganz Einfaches
Das Jahr 1969 sagt bereits, wo jener Verein herkam, nämlich aus der Studentenbewegung, genauer, aus dem radikalen – manche sagen auch revolutionären – Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), der für eine andere Gesellschaftsordnung antrat. Auf der vergeblichen Suche nach dem Proletariat, wie wir es uns wünschten, war es dort Mode geworden, sich seine eigene Arbeiterklasse im Kleinformat zu schnitzen, z. B. in Form von »selbstbefreiten Lehrlingskollektiven«, die sich aus der Schar geflüchteter Heimzöglinge unter den Fittichen engagierter linker Sozialpädagogen zusammenfanden.

In dieser Situation erlebten die Menschen, die sich im SSK sammelten, einen lichten Moment: Sie wollten wie alle anderen die grundsätzliche Veränderung der Gesellschaft, aber sie wollten diese Befreiungstat nicht den schwächsten Gliedern der Gesellschaft aufbürden, den Heimzöglingen, Obdachlosen und Deklassierten. Sie befanden vielmehr, dass es bereits revolutionär sei, diesen Menschen zu helfen, indem man sie ihrem vorbestimmten Schicksal entzieht. Die beste revolutionäre Tat, die man mit und für diese Menschen vollbringen könne, sei, ihre Aussonderung zu beenden, die für immer neues Elend und für immer neue Anpassung sorge. Es wurde deutlich, dass es um etwas ganz Einfaches und allseits Anerkanntes ging, nämlich um die Menschenrechte, um die Rechte auf Freiheit, auf körperliche Unversehrtheit, auf Erziehung oder auf Arbeit. Diese einfache Einsicht hat weit getragen, tatsächlich bis heute. Sie hat uns auch mit allen zusammengeführt, die bloß gegen Unrecht waren und gegen Aussonderung, gegen Ausbeutung und Quälerei, ohne viel über Politik und deren Hintergründe nachzudenken. Der Ansatz auf der elementaren Basis der Menschenrechte hat uns mit Menschen aus den verschiedensten Lagern zusammengebracht: mit Sozialisten, Kommunisten, Sozialdemokraten, Christdemokraten, Freien Demokraten, Grünen und Linken, mit Christen, Buddhisten, Muslimen, Atheisten und mit den vielen, die sich schlicht nur als Menschen verstehen. Wir sind also »nur« für die einfachen, die bürgerlichen Rechte eingetreten. Dafür aber immer wieder ganz radikal. Dafür haben wir Häuser besetzt und Psychiatriestationen, haben demonstriert und uns verhaften lassen. Auch vor Gericht sind wir das eine oder andere Mal gelandet.

Die Zauberformel öffnet die Herzen
Das Recht der Heimzöglinge auf freie Erziehung, das Recht der Psychiatriepatienten auf freie Wahl ihres Aufenthaltsorts, ihres Arztes und ihrer Behandlungsmethode – das waren für uns Menschenrechte, die wir eingefordert haben. Die Häusersanierung produzierte Opfer, die plötzlich auf der Straße standen, weil sie die Miete nicht mehr zahlen konnten. Wir stritten für deren Recht auf Heimat und ihre angestammte Wohnung und traten für das Menschenrecht auf sinnvolle Arbeit, von der man leben kann, ein. Wir haben uns gegen die Zerstörung und Verwüstung unserer Städte stark gemacht und gegen die Zerstörung unserer Umwelt. Wir haben uns gegen Korruption und Profitgier gewandt und haben immer wieder versucht, zu zeigen und vorzuführen, dass eine menschenwürdige Existenz in selbstverwalteten Firmen auch für diejenigen möglich ist, die vom Kapital und seinem Arbeitsmarkt ausgesondert worden sind und denen Behördenleiter, Ärzte und andere gut bezahlte Experten ihre Wertlosigkeit bescheinigt haben. Wir haben uns vor drei Jahren – leider vergeblich – für den Erhalt des Barmerviertels mit genossenschaftlichen Wohnungen engagiert und setzen uns heute für die Errichtung eines Neubauviertels im Herzen unseres Kölner Stadtteils Mülheim ein, in dem auch Selbsthilfe einen Platz hat.

Was uns zusammenhält, ist also einmal die Wunderformel: »Für die Menschenrechte!«. Oder, um mit Karl Marx zu formulieren, der Kampf gegen alle Verhältnisse, in denen der Mensch ein einsames, ausgebeutetes, verachtetes Wesen ist. Es ist schön, zu kämpfen, seine Kräfte zu messen, sich anzustrengen, es ist aber auch immer wieder wunderbar und beglückend, zu erfahren, wie einfach es ist, wie diese Zauberformel die Herzen öffnet und die Menschen in Bewegung setzt, nicht zuletzt uns selbst. Letzte Woche haben wir zusammen mit anderen auf der Brachfläche, auf der ein neues Stadtviertel entstehen soll, Blumenzwiebeln gepflanzt, Tulpen und Narzissen, die im Frühjahr blühen sollen. In all der Trostlosigkeit eines kaputten, alten Industriestandorts haben wir gefordert: Mülheim soll blühen!.

Sich selbst finden im Widerstand
Den größten Dank müssen wir wie immer denen sagen, die  anders denken als wir. Sie sorgen dafür, dass uns die Arbeit nicht ausgeht, sie mühen sich von früh bis spät, um die Zahl der Wertlosen, der Ausgesonderten und Bedürftigen immer weiter zu erhöhen. Aber auch unser kleines, bescheidenes Selbsthilfemodell lässt vielen keine Ruhe. Sie behindern uns, bedrohen unsere Arbeit, indem sie dasselbe Geschäftsfeld mit Hartz-IV beackern. Sie drohen uns mit Kündigung, Geschäftsschließung und Räumung. Dank ihnen rücken wir immer wieder zusammen, raffen uns auf, verstehen den Sinn unseres Widerstands, finden uns selbst. Nicht umsonst hat Jesus gelehrt: »Liebet eure Feinde!« Was wären wir ohne sie?

Die Veränderung aber, das sind wir selbst: unsere Umgebung, unsere Mitmenschen, die »Verhältnisse«. Wir trinken nie zweimal aus demselben Fluss. Manches bewährt sich, anderes gleitet ab oder findet eine neue Form. Gleich bleibt: sich am untersten Elend zu messen, für die offen zu sein, die keiner mehr will. Gleich bleibt: zusammenstehen, die Kraft der Solidarität erfahren. Sich nicht als getrennt vom Elend zu erleben, nicht als etwas Besseres.

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