enkeltauglich leben
Bildung

Lernen, was das ­Leben bringt!

Eine freie Schule integriert Homeschooling-Ansätze.von Robert Springmann, erschienen in Ausgabe #24/2014
Photo

Zum Schuljahr 2012/13 erweiterte die kleine, aber feine, staatlich genehmigte freie Schule in Brigach im Schwarzwald ihr Konzept für selbstbestimmtes Lernen um eine ungewöhnliche Unterrichtsform: Dreizehn ihrer Schülerinnen und Schüler lernen nun überwiegend im häuslichen Umfeld und werden dabei durch Lernbegleiter aus der Schule bei ihrem Lernprozess betreut. Der »Uracher Plan« ist ein pädagogisches Konzept, das die Familie wesentlich in den Lernprozess der Schüler einbezieht.
In der Praxis ist es so, dass die Kinder sich mindestens einmal in der Woche zu gemeinsamen Lerntreffen zusammenfinden: entweder bei einer Familie, in einem Betrieb oder bei gemeinsamen Exkursionen zu Museen, Zoos oder kulturellen Sehenswürdigkeiten, wie Burgen und Schlössern. Oft finden die Treffen auch in der Freien Schule selbst statt. Diese Vielfalt von Anregungen aus der Lebenswirklichkeit ist bei den unterschiedlich alten Kindern sehr beliebt und gibt wertvolle Impulse für ihr selbstbestimmtes Lernen.
In Absprache mit den Lehrerinnen und Lehrern wird über gemeinsame Themen für die Lerntreffen, z. B. »Sport«, »Afrika« oder »Weihnachten«, entschieden. Der Uracher Plan erlaubt den Kindern, ihren eigenen Lernprozess auf kreative Weise selbst zu steuern und zu gestalten. Das Konzept will die Schüler ganz natürlich auf ein lebenslanges, motiviertes Lernen vorbereiten. Der regelmäßige persönliche Austausch fördert auch soziale und kommunikative Fähigkeiten. Die Kinder lernen, ihre kreativen Ideen sowohl individuell als auch in der Gruppe auszudrücken und ihre Ergebnisse anhand verschiedener Medien zu präsentieren. Beim gemeinsamen Tun üben Verständnis für einander aufzubringen.
Und wo bleibt der Überblick über das Gelernte? Die Schülerinnen dokumentieren ihre Lernentwicklung in Wochenplänen bzw. Lerntagebüchern. Die Koordination der Lernvereinbarungen findet im Rahmen von regelmäßigen Besuchen der Lernbegleiter in den Familien statt. Eine weitere Anbindung bietet der regelmäßige E‑Mail-Austausch mit den Lernbegleiterinnen, so dass die Schüler auf ihre Fragen zeitnah Rückmeldung und Anregungen bekommen.
 

Die Familie einbeziehen
Obwohl die Bedeutung gelingender Beziehungen zwischen Lehrern und Lernenden von der modernen Hirn- und Bindungsforschung betont und auch im staatlichen Schulwesen zunehmend erkannt wird, lässt man einen entscheidenden Akteur in Sachen Bildung noch weitgehend außer Acht: die Familie. Aktuelle erziehungswissenschaftliche Studien belegen, dass sich der Einfluss der Familie auf den Lernerfolg nahezu doppelt so stark auswirkt wie der Einfluss von Schule/Lehrkräften/Unterricht, Intelligenz und sozioökonomischen Faktoren zusammen. Die öffentlichen Schulen sind jedoch bisher nicht in der Lage, diese wertvolle Ressource bei bildungsmotivierten Familien zu berücksichtigen.
Der Uracher Plan greift dieses Defizit auf und füllt damit eine Lücke in der Schullandschaft. Das Regierungspräsidium in Baden-Württemberg reagierte zunächst anerkennend: »Der sogenannte Uracher Plan verbindet im Prinzip den sinnvollen Anspruch, das Lernen an häuslichen, schulischen und außerschulischen Lernorten zu verbinden und die dort spezifisch zu erwerbenden Erfahrungen synergistisch zu nutzen.«
Die Erfahrungen der Freien Schule Brigach mit diesem Unterrichtsmodell zeigen, dass das Lernen in der Verbindung von Schule und vertrautem Umfeld von den Schülern geschätzt wird und auch aus Sicht der begleitenden Lehrer sehr effektiv ist. Dies beweist nicht zuletzt das gute Abschneiden der ersten drei Schüler, die bereits nach einem Jahr Lernen nach dem Modell ihre Hauptschulprüfung mit einem Notendurchschnitt von 2,1 abschlossen.
Bedauerlicherweise wurden die Bedeutsamkeit des Konzepts und seine ersten sichtbaren pädagogischen Erfolge von der Schulaufsichtsbehörde bislang nicht gewürdigt. Eine Verfügung des Regierungspräsidiums Freiburg, wonach der Unterricht nach dem Uracher Plan zu unterlassen sei, wurde im November vom Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg bestätigt. Dieser wollte den Uracher Plan nicht als Erweiterung des bestehenden Konzepts der Freien Schule Brigach anerkennen. Die Schule reichte daraufhin einen Antrag auf Genehmigung des Projekts ein.
Nach einem Jahr des erfolgreichen Lernens und Lebens in der dargestellten Weise stehen die betroffenen Familien und die Freie Schule Brigach nun vor einer ungewissen Situation. Ob die baden-württembergische Schulpolitik ihren selbstgesetzten Anspruch ernstnehmen wird, die »Einmischung der Bürgerinnen und Bürger« als Bereicherung anzusehen, und einen Lehrplan genehmigt, der »alles umfasst, was das Leben mit sich bringt«? Betroffene und Beobachter sind gespannt.  

www.freie-schule-brigach.de
www.uracher-plan.de

weitere Artikel aus Ausgabe #24

Photo
von Julia Fuchte

Baustelle Zukunft

Fahrplan in die Zunkunft »Denkanstöße zur Zukunft unserer Gesellschaft« möchte die Oekom-Reihe »Politische Ökologie« geben. Deren neuer Band versammelt in diesem Sinn Aufsätze von namhaften Wissenschaftlern einschlägiger Institute

Photo
von Dorothea Baumert

Integrale Ökologie

Blick durchs Kaleidoskop Regenwald soll gefällt werden. Ein Ökologe warnt vor der Zerstörung des Ökosystems, der dort ansässige indigene Stamm klagt über den Verlust seiner Heimat, Holzfäller haben Aussicht auf Arbeit, Umweltaktivisten planen eine

Photo
Gesundheitvon Julia Vitalis

Ohne weißen Kittel

Die Folgen des Kostendrucks im Gesundheitswesen betreffen Ärzte und Patienten gleichermaßen. Eine neue Praxis für medizinische Beratung in Marburg will zwischen beiden Gruppen eine Brücke schlagen und so zum notwendigen Paradigmenwechsel beitragen.

Ausgabe #24
Zukunftsmaschine

Cover OYA-Ausgabe 24
ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion