enkeltauglich leben

Suppe mit Tiefgang

Filiz Nadine Müller besuchte die Initiative
»Kultur und Suppe«, die Räume schaffen will, in denen sich Menschen ohne Angst vor Recht­haberei mit wichtigen Zeitthemen befassen.
von Filiz Nadine Müller, erschienen in Ausgabe #27/2014
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»Nach einem gemeinsamen Essen studiert und reflektiert es sich besonders gut«, erklärt Felicia. Deshalb gibt es eine Suppe, für die wir am Nachmittag zwölfeinhalb Kilo Kartoffeln geschält haben. Die Suppe ist ein integraler Bestandteil der »geistigen Choreographie« dieser Veranstaltungsreihe, die schon seit 2010 existiert. Über ein Jahr hinweg bearbeitet sie an vier verschiedenen Stationen ein Thema, das gerade im Zeitgeist präsent ist. Auf eine Vortragsrunde folgt jeweils ein paar Monate später ein thematischer Filmabend. Als dritte Station bilden sich in einer »Werkstatt« Arbeitsgruppen, und als krönender Abschluss darf das Ganze so kreativ wie möglich gefeiert werden. Ein selbstgebautes Umsonst-Kaufhaus stand beispielsweise am Ende einer Reihe zum Thema Geld.
Der dramaturgische Bogen intensiviert die Auseinandersetzung mit komplexen Themen wie Grundeinkommen, Arbeit oder Bildung und Gemeinschaft – letzterem ist das Suppenjahr 2014 gewidmet. »Ich hatte es satt, dass sich so selten Themen vertiefen lassen«, sagt Felicia, »weil es den Leuten zu anstrengend ist. Es war mein großer Wunsch, einen Rahmen zu schaffen, in dem wir gesellig und gemeinschaftlich sein, aber einem Gedanken auch wirklich in alle Richtungen nachgehen können.«
Auf den Fensterbänken der Schulküche tummeln sich Setzlinge und Selbstgemachtes. Ich darf heute fleißig bei der Zubereitung der Kartoffelsuppe helfen, die später den Gästen serviert wird. Durch die Fenster blicke ich auf den Garten, den Schüler und Lehrer bewirtschaften, und auf die kuppelförmigen, einzeln stehenden Klassenräume, die an Iglus erinnern. Jeder findet seinen Platz in der kleinen Kochecke, die an den Klassenraum anschließt, und während noch heiter über die Haltbarkeit der Ehe philosophiert wird, fragt Thomas: »Wo ist eigentlich der große Topf?«
Die Initiatoren Thomas, Felicia, Jaime de Sandoval, Reinhardt und Reinhard begreifen sich als »experimentellen Übkreis«. Sie sind Eltern, Tischler, Webdesigner, Musiker oder Lehrer und träumen von einer Welt, in der sich alle Menschen mit ihrem inneren Reichtum in die Gestaltung der Gesellschaft einbringen können.
Immer wieder kommen Menschen zu den Gesprächsrunden, die vorher überzeugt waren: »Aber ich sage nichts!« Später sagen sie eben doch etwas. Die Initiatoren freuen sich besonders, wenn die unterschiedlichsten Leute an ihrem Kreis teilnehmen. Das Thema »Grundeinkommen« lockte auch arbeitslose Menschen aus sozialen Brennpunkten in Flensburg an.
Wenn der selbstgeschnitzte Redestab reihum wandert, schenken sich alle Anwesenden ihre Aufmerksamkeit. Alle sagen, was sie im Hier und Jetzt bewegt: Dankbarkeit empfinden für diesen Moment, zuversichtlich sein, sich Mut zusprechen, Taten umsetzen – darum geht es. Ein Professor berichtet über seine verängstigten Studenten, die nur noch an Credit Points denken können. Gibt es Auswege aus diesem Leistungsdruck?
Mich beeindruckt, dass es in der heutigen Diskussion über Bildung und Gemeinschaft nicht ums Rechthaben oder um Konsensfindung geht. Vielmehr scheint es Ziel des Spiels zu sein, ein möglichst farbenfrohes Bild über die Fülle der Betrachtungsweisen und des Empfindens zu gestalten. »Wenn wir das Hinhören kultivieren, entsteht Begegnung«, sagt Thomas.
Erziehung ist nur eine Herausforderung von vielen, die zeigt, wie wichtig es ist, sich zusammenzutun – das ist ein Fazit dieses Abends. »›Man braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen‹, heißt es bei uns immer wieder. Als Vater von vier Jungs brauche ich Hilfe, sonst brenne ich aus. Wir müssen aufhören, die Fassaden aufrecht zu erhalten, und uns trauen, zu sagen: »Ich zeige mich – mit meinen Bedürfnissen, mit meinen Schwächen, mit meiner Angst.«
Jede Veranstaltung ist ein Prozess, an dessen Ende Thomas einen »Freiheitsmoment« erlebt. Das beflügelt ihn und seine Mitstreiter, weiter in die Stadt hineinzuwirken, zum Beispiel mit ­Plakaten auf Marktständen, die fragen: »Was ist Ihnen eine Geste wert? Was ist Ihnen ein Mensch wert?« Eine Kerngruppe trifft sich inzwischen jeden Mittwochmorgen in den Räumen des »Ladenhof e. V.«, in einem von Eltern selbstgebauten und -finanzierten Bau neben der Schule, zum Kaffee und fühlt sich in den Zeitgeist ein. Die Zutaten für die nächste geistige Suppe liegen schon bereit. ­Womöglich wird das Thema »Fremdheit« heißen. • 

http://kulturundsuppe.wordpress.com

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