Gemeinschaft

Gemeinschaften im Blick der Forschung

Ein neues Buch macht soziale Innovationen sichtbar.von Wolfram Nolte, erschienen in Ausgabe #3/2010
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Kann eine wissenschaftliche Arbeit praktische oder gesellschaftspolitische Ziele haben? Soll sie es, darf sie das? Iris Kunze geht diese Fragen offensiv an. Sie sieht im gesellschaftlichen Diskurs zur Nachhaltigkeit die soziale Dimension vernachlässigt und glaubt, in gemeinschaftlichen Lebensformen Organisationsstrukturen und soziale Prinzipen gefunden zu haben, die eine ökologische Lebensweise nachhaltig unterstützen. Das, was sie an Erkenntnissen gewinnen will, nennt sie »Transformationswissen« – ein Wissen, das zur Umgestaltung der eingefahrenen Lebens­verhältnisse befähigt. Iris Kunze will wünschenswerte Möglichkeiten sichtbar machen. Wenn das keine Provokation der (objektiven) Wissenschaft ist!

Der erste Teil ihrer Arbeit ist ganz der wissenschaftlichen Herleitung sozial nachhaltiger Prinzipien und der Begründung ihrer Methode gewidmet. Für wissenschaftlich Interessierte ist das ganz spannend. Diese Prinzipien werden anhand der empirisch gewonnenen Resultate aus zwei Vorstudien weiterentwickelt, die sie in den Gemeinschaften Auroville (Indien) und Findhorn (Schottland) durchgeführt hat. Das Ergebnis sind fünf Gesichtspunkte, anhand derer nun fünf deutsche Gemeinschaften untersucht werden: So fragt die Autorin nach den Nachhaltigkeitszielen, der Balance zwischen Individuum und Kollektiv, den Organisationsprinzipien, der Entwicklungsfähigkeit sowie nach der sozial-ökologischen Siedlungs- und Raumgestaltung. Diese 50 von 200 Buchseiten sind gewiss die für Praktiker zugänglichsten und interessantesten. Die Auswahl bezieht sich auf fünf der größten und bekanntesten deutschen Gemeinschaften: Lebensgarten Steyerberg, LebensGut Pommritz, Stamm der Likatier, Kommune Niederkaufungen und das Ökodorf Sieben Linden. Das ZEGG, eine der bekanntesten und wichtigsten Gemeinschaften in Deutschland – gerade für das Thema »soziales und menschliches Miteinander« ist allerdings nicht dabei. Kunzes Begründungen »sozial umstritten« und »hauptsächlich Seminarbetrieb« überzeugen nicht, weil das auf einige der ausgewählten Gruppen ebenso, wenn nicht sogar stärker, zutrifft.

Im letzten Teil werden die empirischen Ergebnisse für eine neue Konzeption sozialer Nachhaltigkeit, die auf den Erfahrungen der Gemeinschaftsprojekte aufbaut und diese für die Gesellschaft nutzbar machen will, ausgewertet.

Das Verdienst dieser Arbeit liegt für mich vor allem darin, Gemeinschaften und Vergemeinschaftungsprozesse wissenschaftlich untersucht und begründet zu haben, »dass Gemeinschaft in neuer Form zur Lösung der sozialen und ökologischen Krise wieder an Bedeutung gewinnt«. Es bleibt weiter zu forschen, wie gemeinschaftliches Denken und Leben eine größere Rolle in Politik und Gesellschaft spielen können.

Dem vorliegenden Buch wünsche ich eine populärwissenschaftliche Überarbeitung, um den Dialog zwischen Wissenschaftlern und Praktikern zu fördern. Das Anliegen verdient es.

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