Buchtipps

Vorgeburtliches Bewusstsein (Buchbesprechung)

von Bastian Barucker, erschienen in Ausgabe #30/2015
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»Endlich können wir die wahren Ursachen von Krankheiten erkennen und sie behandeln«, verspricht Arthur Janovs neues Buch »Vorgeburtliches Bewusstsein«. Der heute über 90 Jahre alte Psychologe hat sein Lebenswerk dem Einfluss vorgeburtlicher und kleinkindlicher Erfahrungen auf den Werdegang des Menschen gewidmet. In seinen bisherigen Büchern ging es hauptsächlich darum, wie schmerzhafte Erfahrungen während der Geburt und in den ersten vier Lebensjahren abgespeichert und verdrängt werden und uns so unbewusst unser Leben lang begleiten. In der von ihm entwickelten Primärtherapie begleitet Janov seit mehr als 40 Jahren Menschen dabei, den unausgedrückten Schmerz wiederzuentdecken und ihn in einem sicheren therapeutischen Raum Stück für Stück wiederzuerleben, um sich von ihm zu befreien. Nur so könnten sich laut Janov unbewusste Prägungen wirklich auflösen.
In »Vorgeburtliches Bewusstsein« geht es nun vor allem darum, wie das Leben in der Gebärmutter den Menschen formt und verändert. Arthur Janov nennt diese intrauterine Zeit »das geheime Drehbuch, das unser Leben bestimmt«. Dabei begibt er sich auf eine evolutionäre Spurensuche und stellt die Entwicklung des Gehirns in den ersten neun Monaten dar. Schon in dieser Zeit stelle sich das heranwachsende Wesen auf seine Umgebung ein und passe sich an. Je nachdem, wie diese Situation sei, finde es Strategien, um mit ihr umzugehen. Anhand von Studien sowie Einblicken in Tausende Lebensgeschichten während seiner therapeutischen Arbeit wird die Sensibilität dieser Zeit begreifbar. Unterernährung, Stress, Unaufmerksamkeit, Drogen, Gewalt und andere Einflüsse hinterlassen in dem sich gerade entwickelnden Menschen Spuren, die sich in einer noch ungeahnten Tiefe abspeichern. Hormonale und auch körperliche Veränderungen sind die Folge und können einen prägenden Einfluss auf die Lebensweise als Erwachsener haben.
Janovs Erkenntnisse erscheinen radikal, und oft wirkt seine Annahme, dass zahlreiche Symptome und Krankheiten tief vergraben in uns liegen und sich »nur« durch eine Gefühls-Spurensuche in die Vergangenheit lösen lassen, fast überwältigend. Inspirierend und zugleich auch beängstigend ist der Fokus auf das Fühlen: Wir hochgebildeten Verstandesmenschen lassen uns ja gerne auf Gedankenexperimente, Diskussionen und dergleichen ein. Aber einfach nur das zu fühlen, was ist, beziehungsweise: was war – das gilt es wohl, ganz neu zu lernen.
Dazu, so Arthur Janov, müssten wir anerkennen, dass sich das Bewusstsein von der Zeugung an forme, und bereits das beginnende Leben im Mutterleib als kompetentes und fühlendes Wesen ­begreifen. ◆ ­


Vorgeburtliches Bewusstsein
Das geheime Drehbuch, das unser Leben bestimmt.
Arthur Janov
Scorpio, 2012
352 Seiten
 19,95 Euro

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