enkeltauglich leben

Glücksökonomie

Wer teilt, hat mehr vom Leben.von Lara Mallien, erschienen in Ausgabe #30/2015
Photo

Glücklichsein statt Habenwollen
Ist das wieder eines der Bücher mit vielen netten Geschichten über gelungene, zukunftsweisende Projekte, von denen mensch in Oya oder anderen Medien längst schon gelesen hat? Diese Frage stellte ich mir etwas bang vor der Lektüre des neuen Buchs »Glücks­ökonomie« der beiden Autorinnen Annet­te Jensen und Ute Scheub. Ja, diese Geschichten gibt es auch – aber sie flankieren nur den eigentlichen Text, der eine Rundum-Einführung in alle wesentlichen ­Facetten lebensfördernder Wirtschaftspraxis bietet. Ob es um Wachstumskritik, Selbstorganisation, offene Quellen oder »Schwarmgeld« geht – für ein ­locker geschriebenes Lesebuch ist es enorm informativ, gespickt mit Fakten und Anmerkungen, die zu Studien und Literaturhinweisen führen. Kompakt vermitteln die beiden Autorinnen komplexe Zusammenhänge zur Glücksforschung ebenso wie zur Entwicklung der fixen Idee vom Homo oeconomicus, zur Geschichte der solidarischen Ökonomie oder der Open-Source-Bewegung. Wichtige Konzepte wie »Ubuntu«, »Reproduktionsarbeit«, »Buen vivir«, »Copyleft« oder »Demokratisierung der Produktion« werden im Kontext lebendiger Beispiele gut erklärt. Die Frage nach dem »Glück« in der Ökonomie kann das Buch auf einfache Weise beantworten: Gelingende Beziehungen und sinnerfülltes, selbstbestimmtes Tätigsein machen glücklich. Wenn der ecuadorianische Intellektuelle Alberto Acosta mit dem Satz »Der Mensch ist nicht mehr die Krone der Schöpfung, sondern der Erschöpfung« zitiert wird, werden ihm die Leserinnen und Leser sicherlich zustimmen. Wer will überhaupt noch bei der hyperbeschleunigten Selbst- und Natur-ausbeutung mitmachen?
Wie breit das Spektrum an Schritten ist, die heute aus dem »ganz normalen Wahnsinn« hinausführen, zeigen Annette Jensen und Ute Scheub mit zahlreichen, lebendig beschriebenen Beispielen. Diese Alternativen, so der Wunsch der Autorinnen, sollen den »Turbokapitalismus« von innen zersetzen.
Mit »Glücksökonomie« kommt die Diskussion über ein menschen- und naturwürdiges Wirtschaften einen Schritt weiter in der Mitte der Gesellschaft an. Das Besondere dabei: Die Autorinnen scheren sich nicht um die zum Teil scharfen Grenzlinien in den üblichen Debatten zwischen Postwachstums-Predigern, Commons-Aktivistinnen, Solidarökonominnen oder Gemeinwohlökonomen. Sie kurven querbeet zwischen sozialunternehmerischen Praktiken und Wirtschaftsweisen jenseits von Markt und Staat hin und her und können so die zahmeren ebenso wie die subversiveren Ansätze zur Transformation einer breiten Öffentlichkeit nahebringen. Mir persönlich kommt die Subsistenz-Perspektive ein wenig zu kurz, aber das kann in einer hoffentlich bald anstehenden Neuauflage leicht ergänzt ­werden. ◆ 

Glücksökonomie
Wer teilt, hat mehr vom Leben.

Annette Jensen, Ute Scheub
Oekom, 2014, 320 Seiten
19,95 Euro

weitere Artikel aus Ausgabe #30

Photo
von Anne Erwand

Warum die Sache schiefgeht

Schiefgegangen Wenn man sich auch nur ein bisschen mit den Grundlagen wertschätzender Kommunikation beschäftigt hat, ist man schon beim Lesen des Deckblatts von Duves neuem Buch „Warum die Sache schiefgeht“ sehr versucht, dieses sofort wieder aus den Händen zu legen.

Photo
(Basis-)Demokratievon Dieter Halbach

Ein Europa der Regionen soll es sein!

Gandalf, du bist Mitautor der Charta »Für ein Europa der Regionen«, die 2013 veröffentlicht wurde. Was ist ihre Vision? Wir wollen damit eine positive Alternative zum EU-Vertrag formulieren. Unser Ziel ist zum einen eine Dezentralisierung, dass also die Entscheidungen in

Photo
Lebenswegevon Lara Mallien

Vom Zorn zur Gabe

Adela Fofiu ist in Cluj-Napoca bzw. Klausenburg bzw. Kolozsvár in Rumänien geboren und lebt bis heute in dieser geschichtsträchtigen Stadt. Die 30-jährige ­Soziologin promovierte in England und forscht heute an der Universität von Cluj zu einem breiten Spektrum sozialwissenschaftlicher Themen. Da man in Rumänien von einem kleinen Uni-Gehalt nicht leben kann, baute sie mit ihrem Partner Dan Sânpetreanu verschiedene kleine Unternehmen auf. ­Inzwischen ist sie aus der Welt der erfolgreichen Jungunternehmerin ausgestiegen, praktiziert freiwillige Einfachheit und betreibt den Lernort »Casa de Cultura Permanenta«.

Ausgabe #30
Oyropa

Cover OYA-Ausgabe 30
ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion