enkeltauglich leben

In unserer Macht

von Anja Humburg, erschienen in Ausgabe #22/2013
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Selbst wirksam sein
In ihrer letzten Sitzung vor der Sommerpause beackerten die Abgeordneten im Bundestag eine lange Liste an Gesetzesvorschlägen und Diskussionspunkten. Ihre Agenda reichte vom Hilfsfond zur Bewältigung des Elbe-Hochwassers, einer Ost-West-Angleichung im Rentenrecht und der Qualität in Kitas, über die Standortwahl zum Verbleib radioaktiver Abfälle bis zum Schutz syrischer Flüchtlinge, des Menschenrechts sowie der Demokratie in der Welt.
Ich frage mich, wie ein Politiker, selbst wenn ihn eine Schar Gehilfen berät, ohne Überforderung in diesem Sitzungsmarathon Entscheidungen treffen kann, mit denen er am Ende des Tages ruhigen Gewissens schlafen geht. Der Konzeptentwickler und Prozessbegleiter Jascha Rohr ist davon überzeugt, »dass unsere Probleme so drängend sind, dass wir es uns nicht leisten können, unsere kollektive Gestaltungsmacht brachliegen zu lassen«. »Warum können wir zum Mond fliegen«, fragt er, »aber keine vernünftige Energiewende konzipieren?«
Als Mitbegründer des Instituts für Partizipative Gestaltung erprobt er im Kleinen, in Dörfern und Städten, was er nun im Großen versuchen möchte: den Aufbau einer kollaborativen Demokratie. An der Schnittstelle zur Politik reicht die Architektur der Kollaboration von Zukunftswerkstätten und Planungszellen hin zu Community Organizing und Bürgerhaushalten und weit über das Repertoire der Parteipolitik hinaus, wo Debatten, Verhandlungen und Kompromissfindung üblich sind. »Die Politik hat hier noch einiges aufzuholen, da sie sich auf kollaborative Prozesse bisher kaum eingelassen hat«, schreibt Jascha Rohr, der in seiner Arbeit Erfahrungsräume für Menschen schafft, in Kontakt mit den Werkzeugen und Methoden der Kollaboration zu kommen.
Kollaborative Demokratie geht über das Informieren der Bürger und die direkte Demokratie hinaus. Sie ermöglicht politische Mitgestaltung und Zusammenarbeit von Anfang an. Für Jascha Rohr ist es an der Zeit, »mit den demokratischen Erfahrungen und den technischen und methodischen Möglichkeiten, die wir haben, das ›Volk‹, die Menschen – also: uns – stärker an der Staatsgewalt partizipieren zu lassen«. Seine Schlussfolgerung: »Neben Bundesrat und Bundestag benötigen wir eine Bundeswerkstatt!« Eine »Kollaborative« stärke das Vertrauen von Politik und Behörden in die Fähigkeiten ihrer Bürgerinnen und Bürger.
Der Philosoph und Psychologe schließt seinen Essay über die Demokratiereform mit einem Gründungsaufruf, der dazu einlädt, seine Idee weiterzudenken und sie an neue Akteure heranzutragen.
Das Buch ist kein Handbuch mit praktischen Tipps; das ist nicht sein Ziel. Es beschreibt weniger Details als vielmehr die grundsätzliche Haltung und die Entstehung der Idee einer Bundeswerkstatt. ◆ Anja Humburg

In unserer Macht
Aufbruch in die Kollaborative Demokratie
Jascha Rohr
thinkOya, 2013, 92 Seiten
ISBN 978-3927369740
10,00 Euro

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