enkeltauglich leben

Revolutionäres Gemüse

Ein Lesedrama in drei Akten.
von Astrid Emmert, erschienen in Ausgabe #32/2015
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»Wachstum, Wachstum über a-hal-les …« – so ausdauernd, wie uns Politikerinnen, Ökonomen, Unternehmerinnen und Gewerkschaften seit Jahrzehnten in seltener Harmonie dieses Lied vorsingen, meint man fast, sie versteckten noch zwei, drei weitere Erden hinter ihrem Rücken, die sie zur gegebenen Stunde mit einem Paukenschlag den freudig überraschten Konsumenten präsentieren werden. Denn woher sollten sie sonst auch kommen, die Zutaten für eine bis in alle Ewigkeit wachsende Wirtschaft? Die »Erde 1.0« können wir dann getrost ihrem Schicksal überlassen, ausgewrungen bis auf den letzten Tropfen Erdöl, nackt, ihrer fruchtbaren Humusschicht beraubt, stiller als je zuvor – ohne uns lärmende Menschen, und um Tausende Tierarten ärmer. Die Kolonialisierung des Weltraums soll unsere Probleme lösen – eine Vorstellung, die längst nicht mehr nur in den Köpfen von Science-Fiction-Autorinnen umherspukt. Doch wollen wir das?

1. Akt, in dem wir erfahren, wie die Angst vor einer
Weltraumkolonialisierung zu verwelktem Rosenkohl führt.

Nein, schon der Begriff alleine – Kolonialisierung! – bewirkt, dass sich meine Nacken- und alle anderen Haare sträuben, gar zu Stacheln werden. Über die Erde hinauszuwachsen, ist keine Option. Es gilt vielmehr, sich auf die Suche nach einem »guten Leben« jenseits des Wachstumswahns zu begeben.
Diese Suche führt mich zu Transition-Town-Initiativen. Dort ertausche ich mir Kleidung und Bücher und esse solidarisch angebautes Gemüse. Das schmeckt gut und ist sinnvoll. So könnte sie also aussehen, eine Wirtschaft jenseits von Wachstumszwängen.
In Gedanken sehe ich mich schon freudig durch postkapitalistische Landschaften tanzen. So wage ich im Jetzt die ersten Schritte in diese Richtung als Mitglied der Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi) in unserem Städtchen.
Ein halbes Jahr vergeht. Nur noch vier Tage bis zum Vortrag über die SoLaWi als Modell eines zukunftsfähigen Wirtschaftens. Ungeduldig wartet der Flyer-Entwurf in meiner Eingangs-Mailbox darauf, ausgedruckt und vervielfältigt zu werden. Ungeduldig starre ich auf meinen Bildschirm, reibe mir die Augen; aber nein, die Schrift bleibt verschwommen, die Bilder sind unscharf – und selbstverständlich ist A., die den Flyer entworfen hat, nicht zu erreichen.
Aber ich bin ja selbst schuld. Die Flyer-Endfassung anzuschauen und auszudrucken steht schließlich schon seit zwei Wochen auf meiner To-Do-Liste. Also schnell selbst einen neuen Flyer zusammenbasteln: Veranstaltungstitel, Ort und Zeit – das muss reichen – und nun auf zur Druckerei!
Auf dem Rückweg kommt mir T. entgegen. Angestrengt schauen wir aneinander vorbei, zum Stress-Stein im Magen gesellt sich ein Trauerkloß im Hals. Gut, dass ich einen großen Flyerstapel in den Armen trage, an dem ich mich festhalten kann. Doch nein, ihn gilt es ja loszuwerden! N. holt sich einen Stapel, L. den nächsten, ein dritter wird in der Mensa verteilt, und die restlichen nehme ich mit ins Seminar meiner Universität.
Oh nein, da fällt mir das morgige Referat wieder ein: »Über den Gemeinschaftsbegriff bei Helmuth Plessner«! Gemeinschaft – hatte das nicht auch etwas mit einer Postwachstumsgesellschaft zu tun? Mit einem Kaffee in der einen und einer Laugenstange in der anderen Hand eile ich dem grauen Betonklotz der Bibliothek entgegen.
Zuhause wartet ein welker SoLaWi- Rosenkohl darauf, verkocht zu werden.
So wird aus einer Herzensangelegenheit wie dem Vortrag über die solidarische Landwirtschaft ein Punkt auf der To-Do-Liste, wird aus einer Überzeugungstat ein Muss – und das vernachlässigte Gemüse im Küchen­regal schaut vorwurfsvoll dabei zu. Alltag überwuchert alles, vom Tanzen spricht längst schon niemand mehr.

Zwischenspiel über die konflikthafte Nicht-Beziehung von Theorie und ­Praxis sowie über einen Versöhungsversuch.
Theoretisch wissen wir sehr gut, was es praktisch zu verändern gilt – und das nicht erst seit gestern. Die Grenzen des Wachstums wurden schon in den 1970er Jahren aufgezeigt, und doch scheitern die meisten Menschen im Alltag immer wieder aufs Neue daran, diese Einsichten in die Tat umzusetzen. Der solidarische Rosenkohl fängt zu faulen an –und mit ihm der Glaube dar­an, in meinem Alltagsleben, geschweige denn am großen Ganzen, etwas verändern zu können. Gefangen im Hamsterrad der heutigen (Arbeits-)Welt, bleibt mir keine Zeit für sozialen Beziehungen und für ein Leben ohne die omnipräsenten Produkte der Wachstumsindustrien.
Harald Welzer formuliert, die Wandlung hin zu einer enkeltauglichen, reduktiven Moderne sei ein Projekt, »das in seiner Eindringtiefe in die Lebenswelten und kulturellen Praktiken gigantisch ist«. Die »mentalen Infrastrukturen«, wie Welzer sich ausdrückt, die uns von Kindesbeinen an prägen, sind offenbar so tief in uns verankert, dass wir sie durch wissenschaftliche Erkenntnisse allein nicht verändern können. Notwendig wären also Räume, in denen wir uns ganz praktisch, körperlich, sinnlich dem Einüben anderer Lebensweisen widmen können.
Kann womöglich Kunst solche Räume eröffnen? Vielleicht sollten wir uns dem guten Leben tanzend und spielend annähern, statt nur Bücher zu wälzen oder in den endlosen Plenen verschiedener politischer Initiativen den nächsten Schritt auf dem Weg dorthin zu diskutieren?

2. Akt, in dem es so aussieht, als käme man selbst mit Kunst nicht weiter.
Auch Zeit und Geld spielen eine Rolle.

Theater für den Wandel, Transition-Theater! Die Idee: gemeinschaftlich ein »Forumtheaterstück« zu den Themen Zeit, Geld und Gemeinschaft zu entwickeln, um es auf der 4. Internationalen Degrowth-Konferenz in Leipzig im September 2014 auf die Bühne zu bringen. Der Titel des Stücks: »Zeitwohlstand«. Die Frage, der mit Methoden des »Theaters der Unterdrückten« nach Augusto Boal nachgegangen werden soll: Welche Bedeutung haben die Beziehungen zwischen Zeit, Geld und Gemeinschaft für den Übergang in eine Postwachstumsgesellschaft?
Zwei Wochen Zeit wollten wir uns nehmen, um uns einer Antwort anzunähern, und 7000 Euro per Schwarmfinanzierung sammeln, um uns diese Zeit leisten zu können.
Ich war voller Hoffnung, durch die Theaterarbeit mein persönliches To-Do-Listen-Monster davonjagen zu können und herauszufinden, warum es mir so schwerfällt, mein Wissen über Formen enkeltauglichen Lebens auf gesunde und nachhaltige Weise in meinen Alltag zu integrieren. Außerdem – welche Wirkung könnte so ein Stück vor dem Publikum entfalten? Hätte es vielleicht das Potenzial, Menschen, die keine Lust (mehr) oder keine Möglichkeit haben, sich auf theoretischer Ebene mit der Postwachstumsfrage auseinanderzusetzen, für einen Ausstieg aus dem Hamsterrad zu begeistern? Statt allein im stillen Kämmerlein trockene Bücher zu wälzen oder auf Vorträgen den gewichtigen Worten der Referenten zu lauschen, können sie bei einem Forumtheater aktiv mitwirken. Als Zu-Schauspielerinnen dürfen sie nach dem ersten Durchlauf das Stück zum Positiven verändern und auf der Bühne mögliche Handlungsstrategien für den eigenen Alltag ausprobieren.
Frohen Mutes stürzten wir uns in die Probearbeit – eine Schar Individuen, die sich kaum kannten. Manche waren vor allem aus Lust am Theaterspielen dabei, andere wollten die Methoden des Theaters der Unterdrückten kennenlernen, wieder andere erhofften sich wie ich einen neuen Zugang zum Postwachstumsdiskurs. Was uns vereinte, war die Sehnsucht nach Zeitwohlstand, geboren aus der Erfahrung, im Alltag nie genügend Raum für die Dinge und Menschen zu haben, die uns wichtig sind.
Bezeichnenderweise war es vor allem ein Gefühl von Knappheit, das sich von Beginn an durch die Probearbeit zog: Keine Zeit, um gruppendynamische Prozesse zu reflektieren; keine Zeit, sich mit dem nötigen Einsatz um die Crowdfunding-Kampagne zu kümmern; nicht genügend Geld, um ohne sie auszukommen; keine Chance, auf alle Bedürfnisse gleichermaßen einzugehen: Für die einen wurde zu wenig Theater gespielt, die anderen wünschten sich eine tiefere Auseinandersetzung mit den inhaltlichen Themen, die nächsten rollten genervt die Augen ob der vielen Befindlichkeitsrunden.
Auch ich rollte abwechselnd mit den Augen und erinnerte mit erhobenen Zeigefinger daran, dass wir unser Stück schließlich nicht irgendwo, sondern auf der Degrowth-Konferenz, vor anspruchsvollem Publikum aufführen wollten. Wir sollten uns also inhaltlich gut auf unsere Themenstellung fokussieren.
Eigentlich, so stellten wir halb belustigt, halb erschrocken fest, könnten wir den Probeprozess selbst auf die Bühne bringen: Ein Theaterstück über den Versuch, ein Theaterstück zu den Themen Zeit, Geld und Gemeinschaft zu entwickeln, der daran scheitert, dass weder Zeit, noch Geld, noch Gemeinschaftsgefühl in ausreichendem Maße vorhanden ist.

3. Akt, in dem sich doch noch alles zum Guten wendet und in dem ziemlich viele Menschen vorkommen.
Aber nein, so weit kam es nicht: Die Crowdfunding-Kampagne ging erfolgreich zu Ende, und nach einer Woche bildeten wir trotz – oder gar wegen – der Reibereien eine eingeschworene Gemeinschaft. Nur die Zeit hörte nicht auf zu rennen, und ehe wir’s uns versahen, standen wir zur Degrowth-Konferenz auf dem Podium eines Hörsaals der Leipziger Uni und schauten in knapp 500 erwartungsvolle Gesichter.
Das Stück, das wir mitgebracht hatten, zeigte viele kleine und große Momente des Scheiterns, die die Charaktere zunehmend voneinander isolieren und vereinsamen lassen. Von der spezifischen und zugleich umfassenden Frage ausgehend, wie wir das Wachstumsparadigma überwinden und ein gutes Leben in Zeitwohlstand führen können, sahen wir uns bei der Probenarbeit schnell mit universellen Lebensthemen konfrontiert: Freundschaft und Liebe, Einsamkeit und Überforderung, Tod und Geburt. Meine Sorge, dass wir dadurch ein zu plakatives und überfrachtetes Stück entwickelt hätten, verschwand, als das viele Lachen zu Beginn der Aufführung wie auch die sekundenlange beklommene Stille nach der letzten Szene zeigten, dass sich die Zuschauenden in den Szenen wiedererkannt hatten.
Damit konnte, wie beim Forumtheater üblich, das Stück unmittelbar nach dem Applaus wieder von vorn beginnen – diesmal mit der Einladung an die Zuschauenden bzw. Zuspielenden, jederzeit »Stopp« zu rufen, in eine der Rollen zu schlüpfen und zu versuchen, der Handlung eine positive Wendung zu geben.
Auf diese Weise entließen wir das Stück in die Freiheit und vertrauten es der Offenheit des Augenblicks an. Wir alle – Schauspieler, Zuspielende und Zuschauende – waren dadurch ganz und gar im Jetzt präsent, verbunden mit dem Geschehen auf der Bühne, das – aus dem Moment und aus dem Zusammenkommen dieser 500 Menschen geboren – so kein zweites Mal entstehen würde.
Die Szene mit dem Flyer über den Vortrag zu Solidarischer Landwirtschaft kommt also ein zweites Mal auf die Bühne. Die Bühnenfigur Lea findet fassungslos einen Schreibfehler. Auf dem fertig gedruckten Flyer-Stapel steht: »SoLaWi als Teil einer postkapitalistischen Landschaft«.
Lea: Kuni, wie konnte das passieren! Ich hab dir den Flyer doch extra nochmal zum Korrekturlesen geschickt – und jetzt so etwas! LandWIRTschaft, das muss Landwirtschaft heißen! Postkapitalistische Landschaften – was erwarten die Leute denn jetzt, das sie zu hören bekommen?
Kuni: Verdammt, auch das noch! Aber halt – du hast mir den Flyer gar nicht zugeschickt!
Lea: Doch, natürlich hab ich das!
Kuni: Nein, wirklich nicht! Ich weiß, was ich gelesen habe und was nicht.
Lea: Ach?! Wie auch immer. Es kommt wahrscheinlich sowieso niemand.
Kuni: Toll. Das ist bestimmt die richtige Einstellung.
Lea: Ja, ich hab mir das auch alles anders vorgestellt.
Kuni: Und ich muss jetzt weiter an meiner Hausarbeit schreiben.

Ein »Stopp« ertönt aus dem Publikum, und plötzlich sitzt Lea ein anderer Kuni gegenüber.
Er schaut auf den Flyer. Schaut Lea an – und wieder den Flyer. Und bricht in lautes Lachen aus.
Kuni: Ja, das ist doch genau das, was wir wollen, Lea! Postkapitalistische Landschaften voller solidarischem Gemüse – und wir tanzend dazwischen!
Lea schaut den lachenden Kuni verdattert an. Ja, eigentlich – ­eigentlich hat er recht! Warum wegen einer solchen Kleinigkeit das große Ganze in Frage stellen? Ihre Mundwinkel zucken, und schließlich stimmt sie in sein Lachen ein – und mit ihr der ganze Saal. Ein kurzer Moment, in dem Lea die Alltagssorgen, die sonst so schwer auf ihren Schultern lasten, nicht mehr spürt und sie wieder eine Ahnung davon bekommt, wofür das alles gut ist. Kuni kichert noch ein Weilchen vor sich hin, als er wieder an seiner Hausarbeit sitzt.

Epilog, in dem der Rosenkohl subtil zur Revolution aufruft.
Kann Kunst also eine Brücke zwischen Theorie und Praxis schlagen? Für mich eröffnet das Theaterspielen tatsächlich Räume, um mich mit allen Sinnen – und nicht nur mit dem Kopf – der Frage zu widmen, was mich im Alltag immer wieder davon abhält, die Ideale eines guten Lebens zu verwirklichen. Die Antworten, die aus unserer Theaterarbeit für mich hervorgingen, sind so schlicht wie universell: Ohne Achtsamkeit und Empathie füreinander, ohne die Fähigkeit, einen Schritt zurückzutreten und mit einem Lächeln auf das Hamsterrad zu blicken, in das ich mich wieder einmal hineinbegeben habe und das ich mit einem Tunnelblick am Laufen halte, geht es nicht. Das sind Fähigkeiten, die im gemeinsamen Spiel geübt werden können, unabhängig davon, ob in einem Saal mit 500 oder im kleinen Kreis von fünf Menschen.
Die wahrhaft transformative Kraft dieses Prozesses liegt für mich jedoch vor allem in der Erfahrung, dass sich so viele Menschen in den von uns dargestellten Krisenmomenten wiedererkannt haben – neigen wir doch stets dazu, Scheitern als ein individuelles, selbstverschuldetes Versagen zu erleben, was in letzter Konsequenz in die Depression und zur Handlungsunfähigkeit führt. Erkennen wir stattdessen, dass Zeitmangel, Stress, Überforderung und Entfremdungserfahrungen kollektive Symptome unserer Zeit und keine rein individuellen Probleme sind, können wir gemeinschaftlich dafür sorgen, eine Zeitenwende einzuläuten.
»Ja, richtig!«, flüstert mir der revolutionäre SoLaWi-Rosenkohl zu, bevor ich ihn ins heiße Wasser lege. »Pflanzt Kohl und Rosen, verwandelt Hamsterräder in Schaukelstühle und bastelt Papierflieger aus To-Do-Listen; spielt euer eigenes Theater, und lasst euch das der Mächtigen nicht länger gefallen! Umarmt das gute Leben, lasst das System zerbröseln, und tanzt den Kapitalismus hinfort!« •

Astrid Emmert (26) entdeckte während ihres Soziologie-Studiums in Marburg das Forumtheater als Weg, sich künstlerisch ihren Studieninhalten zu widmen. Derzeit baut sie in Klein Jasedow eine Allmendeküche auf.
Das Theaterprojekt geht weiter – und man kann mitmachen:
www.transitiontheater.net

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