enkeltauglich leben
Bildung

Frieden in mir

Das Orientierungsjahr »Peacelab« entwickelt sich.von Lara Mira Tödter, erschienen in Ausgabe #32/2015

Zu acht – drei Männer und fünf Frauen zwischen 19 und 30 Jahren, von der Abiturientin über den Studienabbrecher bis zur Freiberuflerin, die sich eine Auszeit gönnen wollte – waren wir Julian Gebkens Aufruf im September 2013 gefolgt. Was uns alle angerührt hatte, waren Fragen wie: Was bedeutet Frieden für dich? Wie kannst du deine Herzensthemen in einem Projekt umsetzen und damit die Menschen erreichen? Wie kann Gemeinschaft gelingen? Diese Fragen führten uns zu verschiedenen Lebensthemen: unsere Ernährung; unser Konsum; die Art, zu reisen; die Ziele zukünftiger Berufe. Immer wieder fragten wir uns: Was kann mein Beitrag zu einer friedlichen Welt sein? Konkret auf unsere aktuelle Situation bezogen, hieß das: »Wie kann ich mein Projekt als friedlichen Prozess gestalten?«. Sehr bald war uns klar geworden, wie sehr es im ersten Schritt auf den eigenen inneren Frieden ankommt.

In diesem Sinn organisierten wir Seminare für uns, die uns dabei unterstützen, mit uns selbst in Kontakt zu kommen und unsere Visionen aufblühen zu lassen. Daraus entstanden neue Projekt­ideen, die wir in unserer Gruppe umsetzten. Zum Beispiel haben wir regelmäßig für die Gemeinschaft des Lebensgartens vegane Volksküchen angeboten, um einen Raum für Begegnungen zu eröffnen. Und der Frieden in unserer Gruppe? Dafür trafen wir uns mehrfach in der Woche und fanden mit den Methoden des »Way of Council« heraus, wie wir in tiefer Verbundenheit mit dem Herzen zuhören und aus dem Herzen heraus sprechen können. Mit der Zeit entwickelten wir zu uns passende Strategien, mit Konflikten umzugehen.
Jeden Morgen trafen wir uns zum Frühstück – das meist zwei bis drei aus der Gruppe vorbereitet hatten –, um den Tag gemeinsam zu planen. Hatte vielleicht jemand ein besonderes Anliegen oder ein Angebot, das er oder sie gerne teilen wollte? Oder stand mal wieder ein Hausputz an? Am Dienstag, dem »Gemeinschaftstag«, unternahmen wir jeweils eine Fahrradtour in den Nachbarort, wo wir auf dem Wochenmarkt Obst, Gemüse und Brot, das nicht mehr verkauft werden konnte, geschenkt bekamen.
Teil unserer Sinnfindungszeit war, unsere Einsichten für die Planung des nächsten Peacelab-Jahrgangs mit weiteren jungen Menschen aufzuarbeiten. So webten wir den Anfang eines Netzwerks zwischen uns und zukünftigen Teilnehmenden. Das Erfahrene soll immer aus erster Hand weitergereicht werden. Diese Aufgabe faszinierte insbesondere Tina Aßmann und mich, so dass wir das Folgejahr 2015 gemeinsam planten und nun seit Januar ein neues, siebenköpfiges Team auf dem Friedensweg begleiten. Etliches haben wir für den zweiten Jahrgang verändert. Es gibt mehr Zeit für die Auseinandersetzung mit sich selbst, dem Umfeld und den eigenen Visionen. Auch war uns Transparenz, besonders im Bereich der Finanzen, sehr wichtig. Anstatt auf zwei Häuser verteilt zu wohnen, residiert die Gruppe in diesem Jahr in einem Haus. Das intensiviert die gemeinschaftlichen Prozesse. Über all den Geschehnissen steht als Grundregel »Alles, was hier geschieht, ist freiwillig«, und so stellte sich für jede und jeden immer wieder die zentrale Frage: »Was will ich wirklich, wirklich?«
Für mich war der erste wichtige Schritt bei Peacelab, dass wir uns der Scheuklappen, die wir uns im Lauf der Schulzeit anlegten oder anlegen ließen, gewahr wurden. Allzu oft bemerken wir sie nicht einmal. Ich habe meine Sichtweise auf den »klassischen Bildungsweg« Schule – Ausbildung – Studium – Beruf grundlegend verändert und weiß jetzt, dass es noch so viel mehr zu entdecken gibt!
Es ist spannend, zu beobachten, dass es den »Neuen« – wenn auch auf unterschiedliche Weise – doch ähnlich ergeht wie uns im letzten Jahr: Jede und jeder spürt im Lebensgarten Steyerberg intensiv dem nach, was ihm oder ihr aus dem Innersten heraus wirklich wichtig ist. Diese Erfahrung wird vor allem durch das praktische Tun ermöglicht – ob im Bereich Selbstversorgung, wozu im Lebensgarten ein nachhaltiges Gartenkonzept verbunden mit Permakultur gehört, ob im Waldkindergarten Steyerberg, in der Freien Schule Mittelweser, bei der Arbeit mit den Pferden oder beim Praktizieren von Yoga und Meditation. Nach einem Jahr werden sich unsere Wege wieder trennen. Vielleicht macht der eine anschließend ein Freiwilliges Ökologisches Jahr im Waldkindergarten, die andere will, unter neuem Blickwinkel, vielleicht ihr Studium beenden. Ein Dritter möchte seine jüngsten Erfahrungen mit der Permakultur an anderem Ort durch eine Ausbildung vertiefen. Aber womöglich entscheidet sich ja die eine oder der andere auch dafür, ein weiteres Jahr hierzubleiben, um das nächste Team zu begleiten – so, wie Tina und ich in diesem Jahr. • Lara Mira Tödter

www.peacelab.de

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