enkeltauglich leben
Gesundheit

Bürgermeister sind so wichtig wie Ärzte

Johannes Heimrath fragte den Präventologen Ellis Huber nach sinnvollen Strategien zur Verbesserung der Gesundheitsvorsorge.von Johannes Heimrath, Ellis Huber, erschienen in Ausgabe #33/2015
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© privat

Ellis, was sind deine Einschätzungen und Wünsche in Bezug auf das neue Gesundheitsförderungsgesetz?

Ich weiß aus meiner politischen Erfahrung, dass die Welt nicht von Gesetzen, sondern von Menschen geändert wird. Das Geld vom Staat für Prävention wird auch nach der Gesetzesänderung ein Tropfen auf den heißen Stein bleiben: Von 2800 Euro, die pro Kopf im Jahr für einen Krankenversicherten zur Verfügung stehen, sollen künftig 7 Euro für Gesundheitsförderung ausgegeben werden! Wenn ich bedenke, dass dieser Topf noch einmal in verschiedene Bereiche wie Kindergärten, Altersheime oder Verhaltens­prävention aufgeteilt ist, reduziert sich das Vorhaben auf sehr kleine Summen. Damit wird das Fenster höchstens einen Spaltbreit geöffnet. Jetzt kommt es darauf an, diesen Spalt weiter aufzudrücken.

Wie könnte das deiner Meinung nach ­gelingen?

Vor allem durch Netzwerke vor Ort: Indem sich Kindergärten, Schulen, Kultur- und Sportzentren, Einrichtungen der Senioren-, Kinder- und Familienbetreuung mit der Wirtschaftsförderung und der kommunalen Politik zusammentun. Dafür brauchen wir kein Gesetz, sondern nur den Willen zur Wiederbelebung kommunaler Selbstverwaltung für eine gesunde Lebenswelt.

Welche Rolle könnte dabei die Zunft der Ärzte spielen?

Sie müssten bereit sein, mit den hilfesuchenden Menschen einen individuellen Weg zu gehen – hin zu dem, was für den Einzelnen jeweils Gesundheit bedeutet – und dabei Barrieren zwischen unterschiedlichen therapeutischen Professionen und Methoden überwinden, auch die Entfernung zwischen Experten und Laien. Gesundheit kann ein Arzt nur mit den Menschen schaffen, nicht für sie. Das heißt, eine Lebenssituation als Ganzes zu betrachten, Probleme mit mehreren Beteiligten zu beratschlagen, eine lernende, soziale Gemeinschaft zu bilden – das ist für mein Verständnis zeitgemäße Gesundheitsförderung. Viele Krankheiten heute sind Symptome des zerbröckelnden sozialen Bindegewebes.
Diabetes trifft zum Beispiel häufig Menschen, die aufgrund von Bildung und Einkommen keine guten Selbstmanagement-Fähigkeiten entwickeln. Wenn ich das Problem an der Wurzel angehen will, muss ich schon bei der Geburt eines Kindes bei seinem sozialen Umfeld ansetzen. Studien weisen immer wieder darauf hin, dass vor allem vier Fragen über Gesundheit entscheiden: Hat mein Leben Bedeutung und Sinn? Komme ich mit meinen Tätigkeiten zurecht? Verstehe ich die Zusammenhänge in meinem Umfeld? Bin ich in einem sozia­len Netzwerk gut aufgehoben? Damit die Antwort »Ja« lauten kann, ist ein Bürgermeister genauso wichtig wie ein Arzt.

Es wäre eine umfassende Bildungsaufgabe, diesen Ansatz zu vermitteln.

Ja, es muss an den heutigen Schulen viel mehr getan werden. Wenn ich als Kind erlebt habe, wie man sich vernünftig und gesund ernährt, wie man sich kooperativ in einer Gruppe verhält und Freundschaften pflegt, bleiben diese Fähigkeiten und Fertigkeiten ein Leben lang bestehen. Leider sind im Bildungswesen fast nur die intellektuellen Fähigkeiten wichtig. Dabei wäre es gar nicht schwierig, das Soziale in den Mittelpunkt zu stellen. Worum es geht, erkläre ich immer mit Thomas von Aquin: »Gesundheit ist weniger ein Zustand als eine Haltung, und sie gedeiht mit der Freude am Leben.«

Leider orientieren sich die Krankenkassen und die Ökonomien, die hinter dem Gesundheitswesen stehen, nicht an solchen einleuchtenden Grundsätzen.

Die Krankenkasssen sind solidarische Gemeinschaften. Ob sie ihren Topf nutzen, um Aktionärsgewinne in der Pharmaindustrie zu subventionieren, oder für gesundes Leben in den Stadtteilen zu sorgen, ist eine politische Entscheidung der Krankenkassenführung, die von den Versicherten bestimmt wird. Die Gesundheitspolitik wird heutzutage vom Kapitalismus dominiert. Wir als Bürgerinnen und Bürger müssen das nicht zuzulassen.

Wie zuversichtlich bist du, dass sich wirksame Initia­tiven dahingehend entfalten?

Wenn die menschliche Kultur weiterleben will, wird sie die Mitmenschlichkeit stärker gewichten als den Egoismus. Jeder Kranke, der um Gesundheit ringt, spürt am eigenen Leib, dass er alleine nicht überleben kann. Der Mensch als rücksichtsloser Einzelgänger geht hoffnungslos unter. In der Bevölkerung gibt es klare Mehrheiten für ein solidarisches Miteinander. Die Bürgerinnen und Bürger im Land möchten das Geld der Krankenkassen in eine Kultur der Mitmenschlichkeit investieren.  Auf diese Realität können wir bauen.

Ich hoffe, dass sich daraus Konsequenzen ergeben. Hab Dank für das Gespräch!  


Mehr über den Berufsverband der Präventologen:
www.praeventologe.de

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