enkeltauglich leben

Im Schoß der Erdmutter (Buchbesprechung)

von Sabine Barkowski, erschienen in Ausgabe #5/2010
Photo

Es gibt wohl kaum eine angekündigte Neuerschei- nung, die ich so ungeduldig erwartet habe wie dieses Buch. Da ich selbst mit unterschiedlichen Schwitz- hüttentraditionen vertraut bin, wollte ich gerne
mehr erfahren über die europäische Geschichte der Schwitzhütten und über die Hintergründe verschiede- ner Tabus, insbesondere des Menstruationstabus, das besagt, dass Frauen während ihrer Monatsblutungen nicht an Schwitzhütten teilnehmen sollen. Ich wurde nicht enttäuscht: Ich staunte über die vielfältigen Formen zeremoniellen Schwitzens in aller Welt, war beeindruckt von den archäologischen Funden und historischen Quellen, aus denen hervorgeht, dass die Schwitzhütte auch in Europa über eine uralte Tradi- tion verfügt. Sehr eindrucksvoll in dem reich bebil- derten Buch ist eine Abbildung von bronzezeitlichen Fundamenten in Irland, die klar auf die archaische Architektur der Schwitzhütte hinweisen: Eine runde Hüttenkonstruktion neben der Feuerstelle, in der die Steine erhitzt werden, und ein Wasserbecken, um sich zu erfrischen, wenn man nach mehreren Runden des Schwitzens und Meditierens dem Schoß der Erdmut- ter wieder entsteigt.
Ausgehend von ihrem persönlichen Heilungs- erlebnis in der Schwitzhütte, beschreibt Christiane van Schie Vorbereitung und Ablauf der Zeremonie und bietet praktische Anleitung für den Bau einer Schwitzhütte. Und, was vielleicht am Wichtigsten ist, sie zeigt auf, dass die Schwitzhütte kein Ort für feste, unumstößliche Regeln und Tabus ist. Stattdessen geht es um tiefe Natur- und Selbsterfahrung, um die Verbindung mit den Elementen Feuer, Wasser, Erde, Luft, um die Verbindung zu sich selbst, darum, eine Balance zwischen Mann und Frau zu schaffen, und um die Bereitschaft, sich für heilende Kräfte zu öffnen.
So entsteht ein Raum, in dem die Seele sich an ihre Heimat erinnert und in dem Heilung möglich wird. Wie der Untertitel sagt, ist der Blick der Autorin weiblich, aber das andere Geschlecht nicht ausgren- zend, denn die Schwitzhütte ist nicht nur Frauen vor- behalten. Sie ist jedoch ein weiblicher Heilungsweg, weil die Schwitzhütte den Leib unserer Erdmutter symbolisiert, aus dem wir wie neugeboren hervorge- hen.
Ich bin dankbar für dieses Buch, das mir Ermuti- gung ist, meinen eigenen freien und intuitiven Weg mit der uralten Schwitzhüttentradition zu verbinden. 

Im Schoß der Erdmutter
Die Schwitzhütte, ein weiblicher Heilungsweg. Weltweite Tradition, Tabus und Zeremonien.
Christiane van Schie
Drachen Verlag, 2010, 184 Seiten
ISBN 978-3927369498

32,00 Euro

weitere Artikel aus Ausgabe #5

Bildungvon Jochen Schilk

Wenn dich der Koyote mit Fragen löchert

Der Kalifornier Jon Young versteht sich darauf, Menschen gründlich mit ihrer natürlichen Umwelt zu verbinden. Die Trennung, ­unter der wir modernen Menschen ­leiden, hält Young für ein mentales ­Konstrukt. Auf der körperlichen Ebene – vor allem durch

Gemeinschaftvon Wolfram Nolte

Ein soziales Dorf in Berlin

Das »Möki« ist nicht zuletzt wegen seiner Größenordnung ein besonderes Bauvorhaben. Auf drei Hektar -Fläche sollen 385 Wohnungen sowie Gemeinschaftsräume und Gewerbeflächen errichtet werden: --
ein offener und bunter Lebensraum, ökologisch und

Photo
von Lara Mallien

Der heilsame Schock (Buchbesprechung)

Die handlichen Bände der Reihe »quergedacht« aus dem oekom Verlag sind alle lesenswert. In »Der Heilsame Schock« legt der kanadische Politologie- Professor Thomas Homer-Dixon die Komponenten eines kulturellen Wandels zur Bewältigung der Klima- krise dar. Auf