enkeltauglich leben

Aus dem Euter auf den Laufsteg?

Biotechnik-Unternehmen wie Qmilk werfen viele Fragen auf.
von Anja Humburg, erschienen in Ausgabe #35/2015
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Seidenweich gleitet der Stoff über die Haut. Dass er aus Milch besteht, sieht man ihm nicht an. Für ihre Idee, Kleidung aus Milch herzustellen, konnte Anke Domaske im April als Geschäftsführerin der »Qmilch Deutschland GmbH« den »Green Tec Award« entgegennehmen. Ein Dutzend weitere Ehrungen reihen sich in ihrem Büro in Hannover aneinander. Die Herstellung eines T-Shirts aus Kuhmilchfaser erfordert nur etwa ein Sechstel des Wassers, das in einem Baumwoll-T-Shirt steckt. Milchfaser lässt sich leicht recyceln und verrottet binnen sechs Wochen auf dem Kompost. Ist sie etwa eine heimische und zudem ökologisch verträgliche Alternative zur oft pestizidbelasteten und flächenraubenden Baumwolle? Schon möglich. Doch ganz so einfach ist es nicht.

Die Idee ist gar nicht so neu. In den 1930er Jahren wurden europaweit zigtausende Tonnen textile Milchfasern produziert. Zur Haltbarmachung wurden große Mengen an Formaldehyd eingesetzt. Als man erkannte, wie giftig die Chemikalie ist, wurde die Produktion der Milchfaser eingestellt. Nach langem Tüfteln und Köcheln in der eigenen Küche gelang es der Mikrobiologin Anke Domaske, aus dem überlieferten Verfahren ein völlig unbedenkliches Produkt zu entwickeln: »Unsere Kuhmilchfaser ist essbar«, sagt die 32-Jährige. Sie verwende nur natürliche Rohstoffe, um die Faser zu stabilisieren. Welche das sind, verrät sie nicht, das sei ihr Firmengeheimnis.
Schon heute fehlen auf dem Textil­markt jedes Jahr rund sechs Millionen Tonnen Fasern. Nach Fast-Food ist jetzt Fast-Fashion angesagt. Die Modeindustrie verdoppelte die Jahreszeiten auf acht pro Jahr. Jetzt sucht sie händeringend nach Nachschub für ihr Rohmaterial, doch die Anbaufläche für Faserpflanzen ist ausgeschöpft. »Jede Faser hat ihre Berechtigung«, sagt Anke Domaske, die ihre eigene Mode-marke gegründet hat. »Wir spielen eine Rolle als Generation, die neue Ressourcen und neue Textilien entwickelt.« Für Fast-Fashion ist sie aber nicht zu haben: »Die Kleidungsstücke, die ich produziere, möchte ich zehn Jahre lang tragen können.«

Fast zwei Millionen Tonnen Abfallmilch
In der 3000 Quadratmeter großen Produktionshalle steht das Herzstück des jungen Unternehmens Qmilch: Die Spinnanlage verknetet Milcheiweißpulver mit Wasser zu einem Brei, der wie in einer Nudelmaschine durch eine Lochplatte gedrückt wird. Die feinen Fäden werden auf dicke Spulen gewickelt. Die hier verwendete Milch landete bisher im Müll, weil ihr Haltbarkeitsdatum abgelaufen war oder es sich um sogenannte Spülmilch handelte, die beim Reinigen von Leitungen bei der Herstellung von Frischmilchprodukten anfällt. Anke Domaske kennt die Höfe, von denen die Milch stammt, persönlich. »Die Kühe werden artgerecht gehalten, und die Milch, die wir verarbeiten, ist bio«, sagt sie. Sie nimmt auch den Molkereien und Supermärkten der Region die Bio-Milchabfälle ab.
»Überschussmilch oder gar trinkbare Milch kommen nicht in Frage«, erklärt sie. Allein von der ungenießbaren Milch gibt es gewaltige Mengen: 1,9 Millionen Tonnen davon fallen jährlich in Deutschland an, wie eine Berliner Studie ergab. Meist endet sie in Biogasanlagen, wo sie aufgrund ihres niedrigen energetischen Nutzens jedoch nicht gern gesehen ist. Dementsprechend groß ist das Interesse an Anke Domaskes Verwertungsidee. »Abfallmilch wird es immer geben«, ist sie sich sicher. Sechs Prozent der knapp zwei Millionen Tonnen will sie zu Textilfasern verarbeiten.
Das Konzept klingt nach einem lehrbuchreifen Cradle-to-Cradle-Projekt. »Von der Wiege zur Wiege« sind Herstellungs­prozess und Produkt ökologisch einwandfrei. Doch was ist mit den übrigen 1 786 000 Litern Abfall-Kuhmilch, die nicht von Anke Domaskes Knethaken verarbeitet werden? Ein Großteil davon stammt aus konventionellen Viehbeständen – mit allen bekannten Auswirkungen: Urwaldrodung für den Futtermittelanbau, Massentierhaltung im Dauerstallbetrieb, präventiver Antibiotika-Einsatz. Wäre ein Kleid aus konventioneller Milch wirklich besser als dessen Erdölkonkurrenz auf dem Nachbarbügel? Warum gibt es überhaupt derart riesige Mengen dieser sogenannten Abfallmilch? Können wir uns diese Art der Verschwendung weiterhin leisten?

Weniger ist mehr
Überproduktionen sind das eine, ethische Abwägungen das andere. Wer garantiert, dass ein Unternehmen mit weniger lauteren Absichten eines Tages nicht doch genießbare Milch einsetzt? Dann hieße es »Hungrig oder nackt?« – Bekleidung gegen Lebensmittel. Die Parallele zur Energiepflanzendebatte liegt auf der Hand. Die Vermaisung der Landschaft hatte damals, als Bastler in Garagen und Kellern kleine, dezentrale Biogasanlagen ausklügelten, auch niemand beabsichtigt. Bereits 35 Prozent der in Deutschland im Jahr 2015 angebauten Maisernte ist in Biogasanlagen gelandet. Weltweit werden fünf Prozent der Getreideernte zur Herstellung von Kraftstoff genutzt. Anke Domaske hat deshalb ein eigenes Schutzsystem aufgebaut. Sie zahlt den Bauern nur vier Cent pro Liter und liegt damit weit unter dem Preis, den Bauern für trinkbare Milch erhalten – für die Landwirte kein Anreiz, Domaske mehr Milch als nötig zu liefern. »Für uns steht keine weitere Kuh auf der Weide«, garantiert sie.
Eine Entwicklung in Kanada klingt alarmierend: Mitarbeiter der Firma »Nexia Biotechnologies« pflanzten der nigeria­nischen Zwergziege ein Gen der Goldenen Gartenspinne ein. Diese Spinne ist dafür bekannt, sehr kräftige Fäden zu produzieren. Die Ziegenart gibt schon nach 13 Wochen Milch. Mit dem veränderten Erbgut soll sie das Material für eine neue Faser liefern. Erfinder Jeffrey Turner will den Rohstoff künftig in Massen produzieren.
Was reiht sich in Zukunft noch an die Maiswälder und die Milchseen in unseren Landschaften? Wie lässt sich vorhersehen, wann der Kipppunkt erreicht wird und eine an sich gute Idee zum Katapult räuberischer Muster wird? Wenn etwas Geld verspricht, lassen sich ausbeuterische Entwicklungen bekanntlich kaum aufhalten.
Warum den Umweg über den Pansen der Kuh oder der Ziege nehmen, wenn gute Materialien für Kleider auch direkt vom Feld zu haben sind, etwa vom blaublühenden Flachs oder von der Brennnessel? Gibt es auf der Welt nicht ausreichend Wolle, Lein oder Hanf, um uns Menschen vor Wind und Regen, Hitze und Kälte zu schützen? Um uns wohlig-schön zu kleiden, als Ausdruck dessen, was unser Selbst von sich zeigen möchte? Sollten wir uns nicht auf diese traditionellen, regionalen Materialien besinnen? Die Wolle europäischer Schafe wird als Bekleidungsstoff ausgemustert, dient bestenfalls als Dämmmaterial oder als Sitzkissen, weil sie – anders als Merinowolle aus Neuseeland oder Südamerika – den Standards der Wollindustrie nicht entspricht. Dass aber auch Wolle von Skudde, Fuchschaf oder Pommerschem Landschaf wunderbare Qualitäten hat, zeigen eine Handvoll Schäfereien wie der Finkhof im Allgäu. Sie stricken und filzen aus der Wolle hiesiger alter Schafrassen kleidsame, gemütliche Pullover, Jacken oder Socken.
Die expansive Modeindustrie selbst ist das Problem, das sich zukunftsfähiger Bekleidungsproduktion in den Weg stellt – nicht begrenzte Ackerflächen, zumal Lein eine universelle Nutzpflanze ist. Von der Fläche verschiebt sich das Problem direkt zu mir vor den Kleiderschrank und in meinen Terminkalender: Wenn meine Kleidung zehn Jahre lang hält, warum sollte ich dann acht Mal im Jahr in den Laden rennen und mir etwas Neues zum Anziehen kaufen? Stattdessen könnte ich mir von meiner Großtante das Nähen zeigen lassen. Wie wäre es mit dem Aufbau solidarisch finanzierter Modelinien oder Netzwerken zum gemeinsamen Spinnen, Weben und Kleidernähen? Dabei könnte die geschmeidige, gut verträgliche Milchfaser durchaus eine Rolle spielen und mit der Wolle der Schafe zu schicken Unterhemden, Leggings oder Roll­kragenhemden werden. •


Anja Humburg (30), ­Umweltwissenschaftle­rin und Journalistin, ist Chefredakteurin des ­Lüneburger Magazins für den Wandel »Was zählt«. humburg–ÄT–posteo.de

Milch und Wolle:
www.de.qmilk.eu
www.finkhof.de

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