enkeltauglich leben

Holz – sonst nichts!

Erwin Thoma entwickelt die Massivholzbauweise für moderne Bauten weiter.
von Bastian Barucker, erschienen in Ausgabe #36/2016
Photo
© nordnordwest, creative commons by-sa-3.0 de

»Das ist ja unglaublich«, staune ich, als mir Erwin Thoma von seinem folgenreichen Traum erzählt. Wir sitzen in einem ­schicken Hamburger Hotel und plaudern über Thoma’s Weg zum Baustoff Holz. ­Zuvor hatte ich schon über den »Wood Cube« (Holzwürfel) in Hamburg gestaunt – ein anlässlich der Internationalen Bauausstellung 2013 entstandenes, fünfstöckiges Apparte­menthaus, das fast ausschließlich aus Holz besteht. Das Projekt erhielt eine Nominierung für den deutschen Nachhaltigkeitspreis im Bereich Bauen und wurde von Erwin Thoma mitkonzipiert.

Seit 1998 realisiert Thoma weltweit Häuser, ­Hotels, Kirchen und andere Großprojekte aus Massivholz. Davor stand eine jahrelange Forschungsreise, die in einem abgelegenen Tal Österreichs begann. Als junger Förster zog Erwin Thoma in ein ­Revier im Karwendelgebirge, für das sich kein anderer Förster fand, und war von Stund an gemeinsam mit seiner Frau für ein ausgedehntes Waldgebiet verantwortlich. Fernab von den Segnungen der Zivilisation bewohnten die beiden eine einfache Holzhütte. Eines Tages klopfte es an die Tür, und weil Besuch eher selten war, kam den Thomas die Abwechslung vom Alltag gelegen. Vor der Tür standen zwei Männer, die einen Baum finden wollten: Er sollte besonders langsam gewachsen sein. Nach mehreren Tagen fanden sie mit Hilfe des Försterpaars den einen Baum mit den perfekten Eigenschaften für den Bau einer Violine. Nach dem Abtransport des Holzes hörte Thoma mehrere Jahre lang nichts mehr von den Geigenbauern. Eines Tages standen sie wieder vor der Tür und präsentierten das fertige Instrument und seinen wunderschönen Klang.

[Bild-2]

Baugifte? Nein danke!
Diese Begebenheit öffnete Erwin Thoma die Augen für die Besonderheit und einzigartige Persönlichkeit jedes einzelnen Baums. Später, als seine Kinder ins Schul­alter kamen, zog die Familie aus der Einöde in die Stadt – und damit auch in ein neues, moderneres Wohnhaus, in dem unter anderem verleimte Spanplatten verbaut worden waren. Nach 14 Tagen erkrankten die Kinder an chronischem Husten und zeigten allergische Reaktionen. Bald wurde der Familie klar, dass Ursache der Krankheiten die Leime und Chemikalien in den verwendeten Baustoffen sein mussten. Zum Glück war einer der Großväter Zimmermann, und so wurde mit seiner Hilfe alles verleimte und behandelte Holz aus dem Haus entfernt und durch Massivholz ersetzt. Als der Umbau geschafft war, gab Erwin Thoma seinen Kindern ein Versprechen: Er würde das gesündeste Haus bauen, das es gibt. Auf dem Weg, es einzulösen, erwies sich besagter Großvater als inspirierender Wegbegleiter. Durch die unmittelbare Erfahrung der Wirkung schädlicher Baustoffe fand Erwin Thoma, wie er selbst sagt, seine Berufung. So wie Bierbrauer sich nach dem Reinheitsgebot richten, wollte er fortan beim Häuserbau auf alle krank­machenden Zusatzstoffe verzichten.

Die Lösung kam im Schlaf
Nach vielen Jahren des Forschens und Reisens in verschiedene Länder hatte sich Erwin Thoma ein großes Bündel Bauwissen zusammengeschnürt. Doch noch immer fehlte die zündende Idee, wie all diese Erkenntnisse über die guten Bau­eigenschaften des Holzes so genutzt werden könnten, dass daraus das ideale Holzhaus entstünde. Er wollte – basierend auf traditionellen Holzbauweisen – eine Weiter­entwicklung ermöglichen und somit erreichen, dass Holzwände Bestwerte im Bereich Wärmedämmung, Brandschutz, Schalldämmung, Strahlungsschutz und Auskühldauer erzielten.
Eines Nachts war es soweit. Die Lösung zeigte sich in einem Traum. Das Bild war klar und deutlich, und Erwin Thoma machte sich nach dem Aufwachen an die Arbeit, jedes Detail auf Papier festzuhalten. Nach einigen Stunden war es geschafft, und der Großteil dessen, was sein 1998 angemeldetes ­Patent »Holz100« werden sollte, war skizziert: eine Wand, die aus massiven Nadelholzbrettern besteht. Diese sind in übereinanderliegenden Vertikal-, Diagonal- und Horizontal-Schichten angeordnet, wobei eine gefräste Oberflächenstruktur für Lufteinschlüsse zwischen den Schichten sorgt. Diese Schichten, deren Restfeuchte nur etwa 8 bis 10 Prozent beträgt, werden von etwas feuchteren Buchendübeln durchdrungen. Über die gesamte Wandfläche sind diese Dübel wie kleine Äste am Stamm eines Baums verteilt und zwingen die Bretterlagen zusammen. Große Wand- und Deckenelemente können so ausschließlich aus Holz gefertigt werden – weder Leim noch Schrauben werden dazu benötigt.
Die massiven Bauelemente haben einige Vorteile gegenüber traditionellen Holzbauweisen, wie Blockhaus- oder Fachwerkbau: Die Dämm-, Schallschutz und Brandsicherheitswerte sind sehr hoch; der Aufbau eines Einfamilienhauses dauert dank Vorfertigung in einer Werkhalle nur wenige Tage; es ist kein weiteres Material – etwa für die Dämmung – erforderlich. Ein Holzständerwerk hingegen benötigt Ziegel oder Klinker zum Füllen und Dämmen der Gefache, und die Verbindung zweier Materialien bringt stets die Gefahr von Wärmeverlust, Feuchtigkeitsbildung und anderen Begleiterscheinungen mit sich. Die Einstofflichkeit der Vollholzwände vermeidet dies. Außerdem verringern die massiven Holzwände die Durchlässigkeit für hochfrequente elektromagnetische Strahlung.
So simpel die Grundidee der Holzkonstruktion ist, erfordert sie allerdings doch einen enorm technisierten Herstellungsprozess. Mit selbstentwickelten Maschinen lässt Thoma seine patentierten Elemente in seinen beiden Fertigungswerken im Schwarzwald und in Österreich herstellen und sie anschließend wie bei einem Fertighaus anliefern. Dem Anspruch, für das eigene Heim regionales Holz zu verwenden, lässt sich bei dieser Bauweise nicht gerecht werden. Thoma arbeitet mit Partnern in verschiedenen Ländern zusammen, die Holz100-Häuser planen und betreuen. Die Fertigung findet jedoch ausschließlich in den beiden Werken statt. Als ich ihn auf das Thema Regionalität anspreche, berichtet er von einem Universitätsgebäude in Moskau, das von ihm gebaut wurde. Dieses Projekt war Anlass, die Nutzung der Hölzer nahe der Baustelle zu erforschen. So wurde damit begonnen, auch andere Holzarten, wie zum Beispiel Pappeln, für den Holz100-Hausbau zu verwenden.

[Bild-3]

Mondholz
Als naturverbundener Mensch interessiere ich mich für eine Besonderheit von Erwin Thoma’s Arbeit: Er achtet beim Schlagen des Holzes auf den Mondrhythmus. Als »Mondholz« wird Holz für ­Möbel- und Hausbau bezeichnet, das während einer bestimmten Mondphase geschlagen wird. Das Thoma-Mondholz wird im Winter und nur bei abnehmenden Mond gefällt. Untersuchungen haben gezeigt, dass ein Baum im Rhythmus der Mondphasen pulsiert. Das bedeutet, dass sich die Poren weiten und wieder schließen. Diese Ergebnisse stoßen allerdings auf viel Skepsis – das Thema ist umstritten, und viele belächeln diese Volkstradition als unzeitgemäßen Aberglauben. Doch Erwin Thoma machte sich daran, den großväterlichen Hinweis, beim Schlagen von Holz auf den Mondstand zu achten, in seiner Praxis zu überprüfen. Er fällte seine Bäume während der abnehmenden Wintermonde und lagerte sie traditionell mit den Wipfeln bergabwärts.
Während seiner Beschäftigung mit der Mondholz-Thematik erinnerte sich Thoma auch an ein 400 Jahre altes Bauernhaus aus seiner Kindheit, das einen Kamin aus Holz hatte. Wie konnte es sein, dass ein Kamin aus Lärchenholz nicht Feuer fing? Vermutlich war der Zeitpunkt der Ernte entscheidend. Erwin Thoma begann, seine Holzstapel mit solchen, die in derselben Region bei zunehmendem Mond geschlagen worden waren, zu vergleichen. Das Ergebnis war eindeutig: Während das bei abnehmendem Mond geschlagene Holz keinen Borkenkäferbefall zeigte, war das andere Holz stark davon betroffen. Inzwischen zeigen Untersuchungen der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, dass die Mondphasen tatsächlich einen Einfluss auf Härte und Feuchtigkeitsgehalt des Holzes haben.

Brennt das denn nicht?
Bevor Erwin Thoma seine Erkenntnisse markttauglich umsetzen konnte, musste er seine Bauelemente einigen Tests zur Brandsicherheit unterziehen. Bei solchen Versuchen werden die Wände mit einer 1000 Grad Celsius heißen Flamme befeuert; dabei wird gemessen, wie lange sie noch statische Tragfähigkeit bieten. Beim ersten Versuch im Institut für Brandschutz und Sicher­heitstechnik in Linz war der Gastank nach zwei Stunden leer – und die Wand noch keineswegs destabilisiert. Aufgrund der massiven Holzbauweise und der Dicke der Wände von 36 Zentimetern sind diese bis zu 150 Minuten ohne statische Einbuße beflammbar. Das ist drei- bis viermal so lange, wie Ständer-, Riegel und Stahlbetonbauten einem Feuer standhalten. Ein Strohballenhaus hat in der Regel das sogenannte F-30-Siegel. Das heißt, die Wand bietet bei einer typischen Brandsituation 30 Minuten lang Stabilität. Die Brandsicherheit der Holz100-Wände ist so gut, dass sie sogar als Brandschutzwände genutzt werden.
Als Wildnispäda­goge habe ich sehr viel Lebenszeit vor dem Lagerfeuer verbracht und unzählige Stücke Holz ins Feuer gelegt. Ich finde die Ergebnisse dieser Brandschutztests erstaunlich, und zugleich kann ich durch meine eigene Erfahrung bestätigen, dass dickes und massives Holz sehr langsam und schwer Feuer fängt.
Mit dem Feuer eng verwandt ist das Thema Wärme. Wenn ich bisher über den Bau eines eigenen Hauses nachgedacht habe, war für mich eine ökologisch nachhaltige Dämmung immer eines der zentralen Themen. Auch in Hinblick auf die »Kompostierbarkeit« eines abbruchreifen Hauses ist das Thema wichtig: Bei der Entsorgung von alter Mineralwolle, einem der häufigsten konventionellen Dämmmaterialien, fallen in Deutschland pro Jahr zehn Millionen Kubikmeter Sondermüll an. Zur Entsorgung von Styropor werden Müllheizkraftwerke benötigt.
Massives Holz hat erstaunliche Dämmeigenschaften: Ein mit Mineralwolle gedämmtes Ständerbauwerk, ein aus ­Ziegeln gemauer­tes Haus von 38 Zentimetern Wandstärke und ein Holz100-Haus mit 36 Zentimeter dicken Wänden wurden auf eine Innentemperatur von 21 Grad Celsius erwärmt, während die Außentemperatur bei -10 Grad Celsius lag. Nun sollte gemessen werden, wann bei abgeschalteter Heizung die Wandoberfläche den Gefrierpunkt erreicht. Beim Ständerwerkhaus war das nach 41 Stunden, beim Ziegelhaus nach 93 Stunden und beim Holz100-Haus nach 227 Stunden der Fall. Bei Erwin Thoma’s Häusern ist somit das tragende Holz zugleich das Dämmelement.

[Bild-4]


Auf der Suche nach den Holzhäusern
Ich will herausfinden, wie sich das Wohnen in solchen Vollholzhäusern anfühlt, und bin erstaunt, dass ich im Umkreis von 50 Kilometern zwei Beispiele finde: ein Ferien­haus und ein kleines Familienwohnhaus, beide in der Nähe von Greifswald. Ich mache mich auf den Weg und treffe zufriedene Bewohner, die sich mit der Natur und dem Baustoff Holz spürbar verbunden fühlen.
Bei meiner weiteren Recherche wird allerdings deutlich, dass sich Interessierte so ein Haus oftmals nicht leisten können. Wenn ich mit kritischen Geistern über Erwin Thoma’s moderne Massivholzkonstruktion spreche, sind sie zwar von der Grundidee begeistert, aber irritiert von den hohen Summen, die man für ein solches Öko-Fertighaus aufbringen muss. Sie fragen sich, ob die Thoma-Bauweise auch Inspirationen für ein selbstkonstruiertes Holzhaus bietet, denn industrielle Herstellung und weite Transportwege schmälern die Nachhaltigkeit. Wären in einer enkeltauglichen Welt Holzbauteile nach Erwin Thoma’s Modell eher etwas für große Infrastruktur-Gebäude wie Rathäuser oder Konzertsäle, die sich eine Gemeinschaft bewusst als Luxus leistet? Für mich bleibt ­neben all den Fakten und Vergleichen ein Gefühl der Freude bei dem Gedanken, dass sich jahrhundertealtes Wissen mit moderner Technik zu einer Bauweise vereinen lässt, die dem Menschen und seiner Gesundheit dienen kann und dabei keinen negativen Einfluss auf die Erde haben muss. Wie ich mein zukünftiges Haus bauen würde, weiß ich jedoch immer noch nicht genau. •


Bastian Barucker (32) arbeitet als Wildnispäda­goge und Prozessbegleiter. Er ist Gründer einer Wildnisschule und Referent in diversen Bildungseinrichtungen. www.bastian-barucker.de

Arbeitsbeispiele sowie Literatur von Erwin Thoma:
www.thoma.at

weitere Artikel aus Ausgabe #36

Photo
Permakulturvon Sonja Korspeter

Natur in der Kulturlandschaft

Wein wird heute meist in Monokultur angebaut. Ganze Regionen bestehen aus Reihen von Rebstöcken, ­dazwischen allenfalls etwas Gras. Doch einige Bio-Winzer bemühen sich darum, komplexe Ökosysteme auf ihren Gütern zu schaffen, um widerstandsfähige Pflanzen und ­bessere Weine zu erhalten.

Photo
Permakulturvon Petra Krubeck

Selbstversorgung in steilem Gelände

Ein steiler Osthang in über 1000 Metern Höhe – die Ausgangsbedingungen auf Margit und Sepp Brunners Bergbauernhof sind nicht die besten. Doch haben sie dank intensiver Planung ein beispielhaftes Permakultursystem geschaffen, das ihrer Familie ein gutes, einfaches Leben ermöglicht.

Photo
von Harald Wedig

Mach es einfach, Schatz!

Schlicht, aber so ausgeklügelt, dass Sonne, Regen, Luft, Steine und Kompost als Hauptkomponenten für seinen Betrieb genügen: das Permakulturhaus.

Ausgabe #36
Enkeltauglich Bauen

Cover OYA-Ausgabe 36
ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion