enkeltauglich leben
Selbermachen

Das Rad neu erfinden

Drahtesel adé – Das Fahrrad der Zukunft ist aus nachwachsenden Rohstoffenvon Sarah Käsmayr, erschienen in Ausgabe #6/2011
Photo

 Als ich im Wedding ankomme, ist es schon dunkel. Im Innenhof der Prinzenallee 58 ist es idyllisch ruhig. Im Gemeinschafts-Café brennt noch Licht, davor stehen Fahrräder: auch eines aus Bambus. Hier bin ich richtig! Es dauert eine Weile, bis ich die Kellerwerkstatt von Berlin-Bamboo-Bikes finde. Die zehn revolutionären Bambusradtüftler (neun Männer und eine Frau) sind gerade in das selbstverwaltete Hausprojekt eingezogen. Dort bieten sie Selbstbau-Workshops an, in denen man an einem Wochenende oder an vier bis fünf Abenden lernen kann, ein Fahrrad mit Bambusrahmen zu fertigen. Dafür werden Fahrrad-Neu- und -Recyclingteile, Hanffasern, Bio-Kleber (mit 55 Prozent Leinöl) und Bambus benötigt, erklärt Thomas Finger, Gründungsmitglied von »grüneUni«, unter deren Dach das Projekt läuft.
In der alten Werkstatt wurden 2010 schon gut zwanzig Bambusfahrräder mit einer von Mitinitiator Johannes Fischer entwickelten Rahmenlehre gebaut. Dies macht den Selbstbau von Bambusrahmen kinderleicht, auch für Laien. Das Interesse ist groß. Mehr als fünfzig Leute haben sich bereits angemeldet. Wer weiß, vielleicht wird man demnächst täglich Bambusfahrräder durch Berlin fahren sehen! Und dann vielleicht auch in anderen Städten: Eine Anleitung, um Bambusräder Schritt für Schritt selbst zu bauen, ist in Arbeit.
Bambusräder wurden zwar schon vor hundert Jahren in England gebaut, konnten sich damals jedoch nicht durchsetzen. Warum beschäftigen sich Studenten heute wieder damit? Wie Thomas erläutert, eignen sich Pflanzen wie Bambus als hochwertige Werkstoffe. Sie binden atmosphärisches Kohlendioxid und bergen ein enormes Potenzial zur Energieeinsparung. Als Hightech-Bio-Material vom Acker kann Bambus eine schnelle »Rohstoffwende« hin zu einer hauptsächlich auf nachwachsenden Rohstoffen basierenden Produktion vorantreiben. Thomas studiert Luft- und Raumfahrttechnik an der TU-Berlin. Schon lange beschäftigt er sich mit nachwachsenden Rohstoffen, und irgendwann stieß er auf Bambus: »Ich habe meinen Eltern eine Bambuspflanze für den Garten geschenkt, auch mit dem Hintergedanken, daraus eine Angelrute bauen zu können.«
Bambus ist hierzulande vor allem als Zierpflanze oder als unliebsamer Gast im Gemüsebeet bekannt – in Asien ist das »Holz der armen Leute« seit Jahrtausenden lebenswichtiger Baustoff und Brennmaterial. Bambus ist nicht nur stärker als Stahl und hält Druck besser stand als Beton, sondern ist bei gezielter Planung sogar CO2-senkend, da der Einsatz von pflanzlichem Werkmaterial mehr Kohlendioxid bindet, als bei der Produktion freigesetzt wird.

Werden Bambusräder Trend?
An einer Wand lehnt das erste Bambusfahrrad, das Thomas 2009 selbst gebaut hat und seitdem fährt. Den Bambus dafür erntete er in Südhessen. Nur sechs Wochen braucht das Riesengras dort, um zehn Meter in die Höhe zu schießen. Dann kann es mit seinen bis zu fünf Zentimetern Durchmesser dem Fahrradrahmen-Material Aluminium problemlos Konkurrenz machen. Die Bambusrohre wurden in einer Nacht- und Nebelaktion über dem Campingkocher getrocknet, damit der Prototyp für einen Ideen-Wettbewerb rechtzeitig fertigwerden konnte. Es hat sich gelohnt: Im April 2010 wurden die Bamboo Bikes beim Wettbewerb »Land der Ideen« ausgezeichnet. Auch die Redaktion der Internet-Plattform »NaWaRo« für nachwachsende Rohstoffe wählte sie im Juni 2010 zum Produkt des Monats. Auch anderswo wird an Bambusfahrrädern gebastelt: In Zusammenarbeit mit Craig Calfee, einem Bambusrad-Bauer der ersten Stunde, untersucht das »Bamboo Bike Project« der New Yorker Columbia Universität etwa, ob Bambusfahrräder in ländlichen Gebieten südlich der Sahara die Armut lindern können. Dass zum Bau nur wenig Infrastruktur und Elektrizität benötigt wird, ist dabei ein klarer Vorteil.
Zwei Wochen später treffe ich Thomas erneut. Mit seinem Bambusfahrrad steht er auf dem »Heldenmarkt«, einer bunten Messe für nachhaltigen Konsum. Viele Besucher bleiben stehen. Eine Arbeitskollegin, die mich begleitet, ist sofort Feuer und Flamme für den Selbermach-Workshop. Wenn sie dann irgendwann in Berlin angenehm federnd von A nach B radelt, werden sie wohl nicht nur ihr reines Gewissen und ihre gute CO2-Bilanz beflügeln, sondern sicher auch der Stolz auf ihr selbstgemachtes Bambusrad. Ein echter Hingucker ist es obendrein.

Vorwärts zum Holzrad
Internet
www.berlin-bamboo-bikes.org
www.bamboobike.org
www.bamboosero.com
Infos zur Rohstoffwende
www.gruene-uni.org
www.projektwerkstätten.de
www.nawaro.com

weitere Artikel aus Ausgabe #6

Lebenswegevon Beate Küppers

Eisen im Feuer

 Beim ersten Anblick der Schmiede seines späteren Lehrmeisters wusste Bernd Hartwig als junger Mann sofort: »Das will ich machen«. Schon als Junge hatte ihn ein Amboss aus der stillgelegten Dorfschmiede so sehr fasziniert, dass sein Vater das Stück für ihn erwarb.

Photo
von Jochen Schilk

Die Faultiermethode (Buchbesprechung)

Wieso wagt es ein Verlag wie Rogner & Bernhard (bei Zweitausendeins), im Jahr 2010 ein amerikanisches Buch von 1978 auf Deutsch herauszugeben, in dem die damals 18-jährige Autorin unter anderem über die gesetzlichen Regelungen von Haus-Zwangsver- steigerungen im Bundesstaat

Selbermachenvon Johannes Heimrath

Ist Mühe etwas wert?

Oya-Herausgeber Johannes Heimrath sprach mit Christine Ax und Jens Mittelsten Scheid über die Bedeutung von Selber­machen und Eigenarbeit, über Dilettieren und Meisterschaft, über Subsistenzwirtschaft und Arbeitsteilung und vor allem über die Kraft, die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln.

Ausgabe #6
Selbermachen

Cover OYA-Ausgabe 6ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion