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Die Welt reparieren (Buchbesprechung)

von Elisabeth Voß, erschienen in Ausgabe #43/2017
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Die Herausgeberinnen und Herausgeber des Buchs »Die Welt reparieren – Open Source und Selbermachen als postkapitalistische Praxis« gehören zur Münchener »anstiftung«, die sich der Förderung der Eigenarbeit verschrieben hat. Sie stellen Projekte aus der boomenden DIY-Bewegung (Do It Yourself) vor, in denen Aktivistinnen und Aktivisten Brachflächen bepflanzen, Elektrogeräte reparieren und mit Hightech-Geräten in FabLabs produzieren. Es geht unter anderem um Lebensmittel, Solidarität mit Geflüchteten, postfossile Mobilität. Nicht-kommerzielle Freizeitgruppen sind ebenso vertreten wie hochprofessionell gemanagte Projekte, die soziale Probleme unternehmerisch lösen möchten – fair, ökologisch und vor allem »smart«.
Die beispielhaften Projektbeschreibungen werden von reflektierenden Beiträgen umrahmt. Die Herausgebenden sehen in diesen vielfältigen Ansätzen neue Formen des Politischen und identifizieren in den Projekten, die sich der Tauschlogik entziehen, eine Absage an den Kommunismus und zugleich das Potenzial, den Kapitalismus auszuhebeln; etwaige neoliberale Anschlussfähigkeiten verschweigen sie nicht. Daneben haben zum Beispiel Silke Helfrich, Claus Leggewie, Niko Paech und Gesa Ziemer Texte beigetragen. Auch FabLab-Erfinder Neil Gershenfeld vom MIT (Massachusetts Institute of Technology) ist vertreten; er schreibt über Wettbewerbsfähigkeit und neue Märkte, die dank der neuen, dezentralen und digitalen Produktionsweisen entstehen werden. Otto von Busch stellt immerhin die Frage nach den Interessen und weist darauf hin, dass Offenheit die Macht nicht abschafft, sondern sie nur unsichtbar macht.
Auf mich wirkt es überidealisiert, wie der DIY-Bewegung so lautstark Neues und Transformatorisches zugeschrieben wird, ohne vergleichbare Ansätze aus den 1970er und 80er Jahren wahrzunehmen. Neu ist heute vor allem das Digitale, was hier überwiegend unkritisch behandelt wird. In dieser Welt der Commons ist alles offen und wird geteilt.
Die Herausgebenden betonen, dass die Akteure dieser neuen Bewegung weder über die Schlechtigkeit der Welt jammern noch in ausufernden Versammlungen diskutieren, sondern einfach tun, anpacken – Hauptsache gemeinsam, ökologisch, gerne auch multikulturell, experimentell und mit viel Spaß dabei. Wozu diese Abgrenzung? Hausbesetzungen unterstellen sie, nur auf den Staat zu hoffen – da kippt der viel beschworene Kooperationsmodus ins Konkurrente. Das Buch macht vielfältige Perspektiven auf und bietet mit all seinen Ermutigungen und Widersprüchlichkeiten reichlich Inspiration und Stoff für Diskussionen.


Die Welt reparieren
Open Source und Selbermachen als postkapitalistische Praxis.
Andrea Baier, Tom Hansing, Christa Müller, Karin Werner (Hg.)
transcript Verlag, 2016
352 Seiten
19,99 Euro
Freier Download unter: 
www.transcript-verlag.de

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