Wollen wir leben?
Ansprache von Margaret Atwood aus Anlass der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2017.

Im Klima des Vorwahlkampfs für die Präsidentschaftswahl 2006 ging ich für ein halbes Jahr nach Mexiko. In Mexiko-Stadt ließ ich mich durch die Protestaktionen im Umfeld des Weltwasserforums treiben. Wenn es mir gelingt, mich im Stil der »Straßenfotografie« mit hoher Präsenz und unbefangenem Blick auf meine Umgebung einzulassen, bekommen die Bilder eine besondere Qualität. Bei diesen traditionell gekleideten Männern, die – wie auf der Tarotkarte »Der Gehängte« – ungesichert von einem an einen Maibaum erinnernden Stamm hingen, musste ich einfach auf den Auslöser drücken. Später habe ich erfahren, dass das der traditionelle Fruchtbarkeitstanz »Danza del Volador« um einen »Arból de Vida« (Lebensbaum) ist. 13 Umkreisungen mal 4 Männer – das entspricht einem Zeitraum von 52 Jahren, der Dauer eines Zeitalters in der präkolumbianischen Zeitrechnung. Im Hintergrund protzen die »Torres Coca Cola«.
Samantha Dietmar arbeitet an fotografischen Langzeitreportagen, um die Welt bildhaft neu
zu verstehen. Im Frühjahr erscheint ihr Buch »MExico«, jetzt vorzubestellen unter:
www.fotografischesatelier.com.

Ansprache von Margaret Atwood aus Anlass der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2017.

Als meine älteste Tochter an der Schwelle zum Erwachsenwerden stand, erinnerte ich mich an meine eigene Jugendzeit und das damalige Gefühl, in ein Loch gefallen zu sein. Mir wurde bewusst, dass ich als Mutter meiner Tochter nicht die Geborgenheit, die ich ihr in dieser Zeit wünschte,

In einer Sommernacht lag ich halb wachend, halb träumend auf meinem Bett. Da erschien mir ein riesiges braunes Ungeheuer, aus dessen Maul enorme Scheren hervorragten. Es kam näher und näher und wollte Besitz von mir ergreifen. Von diesem Bild gebannt, schlief ich ein. Als ich