enkeltauglich leben

Prosumentenkooperationen (Buchbesprechung)

von Babette Scurrell, erschienen in Ausgabe #45/2017

Da sich Burghard Flieger sowohl in der Genossenschaftspraxis als auch in der Entwicklung einer ökologisch, regional und an Fairness orientierten Ernährungswirtschaft gut auskennt, kann man in seinem Buch »Prosumentenkooperationen« viel aus der Geschichte beider emanzipatorischer Bewegungen lernen.
Die Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaften (EVG) haben sich die Direktvermarktung landwirtschaftlicher Produkte bei fairer Preisbildung für ökologische, regionale Ware verschrieben. Es geht um die transparente Verknüpfung von Produktion, Vermarktung und Konsum, also einen Interessenausgleich zwischen Produzenten und Konsumenten auf der Basis gleicher landwirtschafts- und ernährungspolitischer Ziele. In der solidarischen Landwirtschaft trägt dagegen die Gemeinschaft der Konsumenten das Risiko der Erzeugung ökologischer Produkte auf den Höfen mit. Fällt die Ernte schlecht aus, liefern die Höfe weniger oder andere Produkte. Gleichberechtigt neben der eigenen guten Versorgung steht das Interesse an der Stabilisierung der regionalen, ökologischen bäuerlichen Landwirtschaft gegen deren Industrialisierung im Mittelpunkt des Interesses der Verbraucher.
In der Genossenschaftsdebatte geht es Flieger vor allem darum, wie die Entwicklung genossenschaftlicher Handlungsweisen genutzt werden kann, damit EVG in den Entwicklungen des Markts für ökologische Lebensmittel sowohl ihre Versorgungsqualität als auch ihre gesellschaftliche Rolle aufrechterhalten können. Er empfiehlt den EVG, Mitgliederpartizipation als Wesensmerkmal der genossenschaftlichen Unternehmenskultur zu stärken, denn daran hängen Verbraucherorientierung und Mitgliederbindung. Er rät zu Sekundärgenossenschaften, die gemeinsame Funktionen aller EVG – wie Landkauf zur Sicherung von Öko-Landwirtschaft, Marketing sowie Aufklärung und Bildung über Ökolandbau und gesunde Ernährung – übernehmen. Drittens weist er auf die Eignung der Genossenschaft als Organisation von Prosumenten hin, in denen Produzenten und Konsumenten von Lebensmitteln, Energie, Sorgedienstleistungen zumindest teilweise identisch sind.
In diesem Zusammenhang gibt es besonders interessante Passagen, in denen der Autor Verbindungen aus der Genossenschaftswelt zu neueren Diskussionen über Allmende/Commons, nachhaltige Regionalentwicklung sowie Energieversorgung und notwendige digitale Infrastrukturen herstellt. Vom Standpunkt der Genossenschaft als Unternehmens- (und Rechts-)Form erschließen sich gerade dann die Potenziale, die gemeinschaftsorien­tiertes Wirtschaften entfalten kann, wenn es nicht nur auf einen einzigen Sektor wie Ernäh­rung oder Energieversorgung beschränkt bleibt. Flieger gibt viele Impulse zum Weiterdenken. Einziger Wermutstropfen: Dem Buch hätte ein gründliches Lektorat gutgetan.
 


Prosumentenkooperationen
Geschichte, Struktur und Entwicklungschancen gemeinschaftsorien­tierten Wirtschaftens in der Ernäh­rungswirtschaft am Beispiel der Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaften.
Burghard Flieger
Metropolis, 2016, 232 Seiten
ISBN 978-3731612391
26,80 Euro

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