enkeltauglich leben

Eros und Enkeltauglichkeit

von Thomas Oser, erschienen in Ausgabe #47/2018
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© www.philosophie-theater.de

»Und ich neige mich nieder zu deinem Mund / die Erde zu küssen.« Diese beiden Verse aus einem erotischen Gedicht von Pablo Neruda habe ich vor einem Jahr bei einem Vortrag über Perspektiven für eine zukunftsfähige Stadt vorgetragen. Es ging dabei um Solarenergie, solidarische Landwirtschaft, die essbare Stadt und einiges mehr.
Zu diesem Zitat hatte mich die Frage motiviert, ob all diese großartigen Ideen nur dann wirklich die Gesellschaft verändern, wenn sie vom Eros und der Liebe getragen werden: Sind diese elementaren Dimensionen nämlich verstellt, so meine Vermutung, dann ist damit auch eine wirkliche Transformation blockiert; sind sie aber geöffnet, dann wird eine solche befördert.
Das hatte mich zu Pablo Nerudas Gedicht geführt, in dem wunderbar zum Ausdruck kommt, dass sich in der erotischen Begegnung mit einem geliebten Menschen über die persönliche Dimension hinaus eine transpersonale Begegnung eröffnet, die alles Lebende, ja die Erde als Ganze einbegreift. Lieben ist allem anderen voran zunächst Selbstverantwortung – wenn es sodann auch heißt »Verantwortung für ein Du« (Martin Buber) zu übernehmen, so beschränkt sich unsere Verantwortung als Liebende nicht auf den einzelnen Geliebten, sondern umfasst das gesamte Erdenleben. Dann fließt uns über die Liebe der oder des Geliebten hinaus auch die Energie einer großen, allumfassenden Liebe zu.
Diese weite Perspektive, in der sich das Persönliche auf das große Ganze hin öffnet, ist in unseren Zeiten der modernen »­romantischen« Liebe weitgehend verlorengegangen: Je mehr das gesellschaftliche Leben mit seinem Konkurrenzdruck und seinen Optimierungsspiralen liebevolle Beziehungen verunmöglicht, desto größer ist die Sehnsucht nach dem einen Menschen, der ­einen bedingungslos liebt.
Dieses Sehnen ist mehr als berechtigt. Der Weg allerdings, auf dem sich diese Sehnsucht heutzutage vorwiegend zu erfüllen versucht, ist verfehlt, weil meist das rein private Glück im Mittelpunkt steht: Man möchte die Partnerin, den Partner ganz für sich und zudem alles von ihr oder ihm haben. Das ändert nicht nur nichts an den gesellschaftlichen und ökologischen Verhältnissen, es verdammt auch die persönliche Liebesbeziehung zum Scheitern, weil es diese mit Bedürfnissen überfrachtet, die nie nur privat, nie nur von einem Menschen allein erfüllt werden können.
Gelingen kann eine Liebesbeziehung nur, wenn in ihr Persönliches und Überpersönliches ineinander schwingen, wenn im Kuss auf den Mund des oder der Geliebten zugleich auch die Erde berührt wird. Dies gilt es zu erforschen, nicht zuletzt in den eigenen intimen Beziehungen. Diese bilden zusammen mit der eigenen spirituellen Praxis die Basis, von der all unser (auch politisches) Tun und Handeln geprägt wird.
Es geht also darum, zu erforschen, wie Freude und Friede – statt Angst und Gewalt – in unsere Liebesbeziehungen einziehen können, auf dass diese wirklich erfüllend erlebt werden. Das ist nicht so einfach, weil sich auf dem Feld der Intimität unsere alten Muster – weil weitgehend unbewusst – meist am hartnäckigsten halten. Man kann nämlich auf politischer Ebene noch so hehre ökologische Ziele verfolgen und beispielsweise in seiner Sexualität doch von Gier, Zielfixierung, Optimierungszwang und Frustration bestimmt sein.
Ich selbst bin zuletzt immer mehr zu der Erkenntnis gekommen, dass die Heilung der Liebesbeziehungen wesentlich dafür ist, dass politisches Engagement glaubhaft und freudvoll wird.
Seit einigen Jahren gestalte ich eine Transition-Town-Initiative mit. Zu Beginn gab es vor allem Vorträge, philosophische ­Cafés und Kunst sowie Initiativen wie solidarische Landwirtschaft und ein Repair-Café. Nach und nach zeigte sich, dass die Suche nach Gemeinschaftlichkeit eine wesentliche Triebfeder all dieses Engagements war und ist. Dabei wurde mir klar, dass politische Initiativen weniger aufgrund mangelnder inhaltlicher Perspektiven ins Stocken geraten, sondern weil zu wenig auf das Zwischenmenschliche geachtet wird. Und von da ist der Weg nicht mehr weit zu den Themen der Intimität, der Erotik und der Liebe. Wenn sich für diese keine Erfahrungs- und Forschungsräume finden, fehlt dem politischen Engagement – und sei es auch noch so engagiert – die eigentliche Basis.
Deshalb gebe ich inzwischen in meinem Engagement verstärkt auf das Zwischenmenschliche Acht und erforsche außerdem mit einer Gruppe von Frauen und Männern sowie meiner Liebesgefährtin bewusst diese Themen. Das heißt nicht, dass ich die politische Arbeit vernachlässige; sie verwandelt sich nur und bekommt ein tieferes Fundament. Ich bin zuversichtlich, dass aus der Heilung, die in Liebesbeziehungen geschehen kann, kraftvolles und visio­näres politisches Engagement zwanglos erwächst – für eine Welt, in der jener Eros, den Pablo Neruda beschrieben hat, sich entfalten kann.


Thomas Oser
erkundete das gesellschaftstransformierende Potenzial künstlerischen Tuns in »Wandel kommt von Wandeln« in Ausgabe 32, die sich »wunderbaren Versuchen, die Fantasie zu erden«, widmete.

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