Commonie

Aus dem Herzen der Frauenrevolution

»Manches ist alle Tage, manches alle Nächte und anderes niemals zu tun: Kriegführen zum Beispiel.« – Gianni Rodari
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© Jinwar

Den Auftakt bilden diesmal Auszüge aus einem langen Brief, den wir von Sina Wegner (siehe Oya-Almanach 2026) aus Rojava erhielten. Die Lage dort ist speziell, aber die Erfahrung von Waffengewalt spiegelt sich vielerorts, ob in den Straßen von Teheran, Kiew oder Minneapolis, in Chiapas, Gaza oder Bagdad oder an den EU-Außengrenzen. Sich unter Einsatz des eigenen Körpers für ein gutes Leben aller einzusetzen, ist etwas anderes als das »Kriegführen« aus obigem Zitat des Phantastikautors Gianni Rodari (1920–1980), auch wenn Aggressoren alles tun, um die Grenze zwischen Angriff und Verteidigung zu verwischen.


Liebe Oya-Lesende,

ich schreibe euch aus Rojava, dem Westen Kurdistans, dem Norden Syriens, dem Land der untergehenden Sonne – Hoffnungsschimmer von vielen, die nach einem guten Leben für alle suchen. Ich kam hierher, um die Frauenrevolution zu begreifen und Teil von ihr zu sein. Rojava – aus der Ferne Inbegriff von Utopie und Revolution – ist hier zuallererst Zuhause, bunter Alltag einer vielfältigen Gesellschaft. 

Beim Abwasch fragte ich eine Mutter, was »Revolution« für sie bedeute. Der Begriff sei nicht groß von Belang für sie. Aber in ihrem Dorf sei ein Versammlungshaus gebaut worden: eine gemischte Etage, eine nur für Frauen. Dort werde diskutiert, gelernt, organisiert. In der Schule nebenan würden Kinder auf Kurdisch unterrichtet, weil das Dorf kurdisch sei. Alles wirkte so einfach. Dabei fühlt das Dorf sich heute nur deshalb so warm an, weil dort seit zehn Jahren daran gearbeitet wird, Gemeinschaft zu stärken und Selbstorganisierung zu ermöglichen. Revolution ist hier ein andauernder Prozess: ständiges Ausprobieren, Lernen, Weitermachen. 

Die islamistische Syrische Übergangsregierung hat am 18. Januar Nord- und Ostsyrien den Krieg erklärt. Immer wieder erreichen uns seitdem Schreckensnachrichten. Eine große Gruppe aus überwiegend Kämpferinnen der kurdischen Frauenverteidigungseinheiten war umstellt worden. Tagelang harrten sie aus. Als sie nach langen Verhandlungen zurück nach Kobanê konnten, atmeten wir auf. Doch das Integrationsabkommen, am 30. Januar zwischen den Demokratischen Kräften Syriens und der Syrischen Übergangsregierung geschlossen, ist zweischneidig. Die Lage bleibt gefährlich und unsicher. 

Hunderttausende Vertriebene flüchteten in die verteidigten Gebiete der Autonomen Verwaltung. Sie kommen in Schulen oder privat unter, oft drei, vier Familien in einer Wohnung. Eine ältere Frau lädt uns in ihr Zimmer ein. Wir setzen uns auf den Teppich des dunklen Raums, der sonst als Klassenzimmer dient. Sie erzählt von ihrer Heimatstadt Afrin, von ihren Oliven- bäumen und davon, wie lang sie schon nicht mehr den Geschmack ihres Öls auf der Zunge hatte. Es gebe hier kein warmes Wasser und nur selten Strom. Sie weist auf eine Ecke, in der drei Wasserkanister stehen, und lacht: »Mein Bad!« 

Von den Frauen hier lerne ich: Wider- stand ist die einzige Option. Wenn wir an unseren Werten, unseren Träumen, unserer Hoffnung festhalten, dann können wir uns gemeinsam verteidigen und inmitten von Chaos, Dunkelheit und Zerstörung Schönheit, Licht und Zukunft erschaffen. 

In diesem Sinn wünsche ich euch allen Kraft, Resilienz und Entschlossenheit, um dort, wo ihr seid, für ein gutes Leben aller einzustehen!


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