enkeltauglich leben
Permakultur

Beste Reste für kleine Gäste

Haufen aus Reisig und Totholz sind einfach zu schaffende, wertvolle Lebensräume.von Dorothea Lang, erschienen in Ausgabe #52/2019
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© Christine Becker

Reisighaufen und ihre größeren Verwandten, die Totholzhaufen, sind ein wichtiger Lebensraum für unsere einheimischen Tiere und Insekten. Als sehr flexibel einsetzbare Elemente sollten sie in keinem naturnahen Garten fehlen. Die Kleinbiotope sind Unterschlupf, Nistplatz und Nahrungsquelle für Spitzmäuse, Blindschleichen, Erdkröten, Igel und Insekten. Totholzhaufen, die lange in Ruhe gelassen werden, können auch Mauswiesel oder Zaunkönige anlocken.

Aufbau eines Totholzhaufens
Der perfekte Totholzhaufen beginnt mit dem Graben eines etwa fünfzig Zentimeter tiefen Lochs, das mit Holzstücken, Reisig und eventuell Hackschnitzeln gefüllt wird. Über dieser Grundlage werden Stamm­stücke, Äste und Kleinholz aufgeschichtet. Höhere Totholzhaufen sollten nach Möglichkeit seitlich abgestützt werden, da das Holz im Lauf der Jahre zerfällt und der Haufen sich setzt.
Ein Loch als Basis ist jedoch nicht unbedingt nötig. Auch auf der blanken Erde angelegte Totholzhaufen werden gut angenommen. Allein durch den jährlichen Baum- und Heckenschnitt fällt meist genug Material an, um mindestens einen Totholzhaufen zu unterhalten. Bei kleineren Gärten, in denen es nicht genügend Holz gibt, kann man die Nachbarn oder auch die Stadtgärtnerei um ein paar Äste bitten.
Viele gute Beispiele unterschiedlicher Dimensionen finden sich bei den Hortus-Gärtnern, einem Netzwerk von Menschen, die in ihren Naturgärten einen Lebensraum für Insektenvielfalt schaffen (siehe Oya 48). Der Reisighaufen im »µHortus«, einem zwanzig Quadratmeter kleinen Dachgarten in Herzogenaurach, besteht vollständig aus »erbettelten« Aststücken und nach Stürmen von der Straße aufgelesenen Zweigen. Er ist etwa 50 mal 70 Zentimeter groß und jetzt im Winter etwa 30 Zentimeter hoch. Der Haufen dient Schmetterlingen, wie Tagpfauenauge und Zitronenfalter, als Überwinterungsquartier und war schon im zweiten Jahr Brutplatz für Heuschrecken.
Im Gegensatz dazu bietet der etwa 2800 Quadratmeter große »Hortus Felix« im mittel­fränkischen Herrieden Insekten und größeren Tieren mehrere eng geschichtete, über einen Kubikmeter umfassende Totholzhaufen aus Baumstämmen. Dort leben unter anderem Erdkröten, Mauswiesel und Zaunkönige. An den Rändern des Hortus Felix dienen Benjes-­Hecken als weitere Lebensräume. Dabei handelt es sich um eine Ende der 1980er Jahre von Hermann Benjes beschriebene Heckenstruktur: Lange, schmale Reisighaufen aus dünnem Gehölzschnitt werden zu einer Wallstruktur aufgehäuft und mit Heckenpflanzen – wie zum Beispiel Weißdorn, Schlehe, Faulbaum oder Kornelkirsche – bepflanzt. Über die Jahre entwickelt sich so ein neues Biotop. In Hortus-Gärten werden Benjes-Hecken gerne statt Zäunen eingesetzt; in flurbereinigten Gegenden sind sie ein einfaches Mittel, um die Landschaft zu strukturieren.

Besiedelung
Totholzhaufen sind in jeder Lage ein wertvoller Lebensraum; die Umgebung bestimmt aber stark die Art der Besiedelung. Die meisten Bewohner dieser kleinen Welten bleiben für uns unsichtbar. Ein Holzhaufen in der prallen Sonne ist eher für Eidechsen interessant, während ein halbschattig und in der unmittelbaren Nähe einer Wasserstelle angelegter Reisighaufen Erdkröten und Blindschleichen anzieht. Hoch aufgeschichtete Haufen sind attraktiv für Zaunkönige und Rotkehlchen. Totholzhaufen, die im Kern mindestens sieben Jahre ungestört bleiben, können Mauswieseln Unterschlupf bieten. Igel ­dagegen sind nicht ganz so wählerisch und gehören mit zu den ersten Kleinsäugern, die den Lebensraum annehmen. Gerne übernehmen Hummeln verlassene Mäusenester unter dem Haufen.

Kaum Pflegeaufwand
Die Holzhaufen müssen nicht gejätet werden – je mehr unterschiedliche Temperatur- und Feuchtigkeitsbereiche entstehen, desto mehr verschiedene Insekten, Amphibien und Kleinsäuger fühlen sich dort wohl. So ist es eine gute Idee, eine Seite des Holzhaufens von Nutzpflanzen, wie Bohnen oder Kürbis, überwachsen zu lassen.
Reisighaufen verlangen kaum Pflege. Neue Äste können jederzeit dazugelegt werden; je größer der Durchmesser der verwendeten Stamm- und Aststücke ist, desto wertvoller ist das Holz für die Insektenwelt und desto langsamer setzt sich der Aufbau insgesamt. Um alles zu verdichten, ist es ratsam, neu hinzugelegtes Holz flachzutreten.
Im Herbst ist der Totholzhaufen ein dankbarer Platz für die anfallenden Blätter. Die Laubschicht erweitert den Reisighaufen und bietet den darin überwinternden Tieren Wärme sowie Schutz vor Winterwinden.


Dorothea Lang (40) ist freiberufliche Schriftstellerin und Textilkünstlerin mit viel Freude an der Natur. Sie pflegt einen am Hortus-Gedanken orientierten Dachgarten. www.garten.sternwege.de

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