enkeltauglich leben
Titelthema

Der Welten-er-fahrer

Werner Küppers ist gemeinschaffend ­unterwegs – und brachte uns ­Bilder für ­diese Ausgabe mit.von Matthias Fersterer, erschienen in Ausgabe #56/2019
Photo
© www.omnibus.org

Mit der Beständigkeit eines Pendels, ­eines Zugvogels, eines Metronoms macht ­Werner Küppers mit dem weißen Doppel­deckerbus immer wieder Station in Klein Jasedow. Wenn ich spontan einen Menschen nennen sollte, der hier und jetzt nomadisch lebt – der, saisonalen Wanderungsmustern folgend, Erdung und Fluidität zugleich verkörpert –, dann käme mir Werner in den Sinn. Seit zwei Jahrzehnten ist er von Frühjahr bis Herbst als Fahrer des Omnibusses für Direkte Demokratie landauf, landab unterwegs, sammelt Unterschriften für Volksbegehren, informiert über Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung und wirbt für direkte Demokratie; in den kalten Monaten bezieht er sein Winterquartier in Witten.
Einmal mailte mir Werner von unterwegs ein Dutzend Bilder, die mich wie ein Blumenstrauß in meinem Postfach erwarteten. »Diese Bilder nenne ich ›­Morfos‹ – das steht für ›Morphologien der Lebendigkeit‹«, fügte er erklärend hinzu. »Gleichzeitig sind sie ›dokumentarisch‹, denn es sind Reportagen meiner Fahrt und meiner Arbeit. Ich würde empfehlen, diese Bilder mit den Ohren anzuschauen – in meinem Zimmer steht ein kleiner Wald aus Notenständern mit Hunderten von Bildern, mit denen ich ein schönes Wechselspiel betreibe.«
Die Bilder zeigen filigrane Muster, Details organischer Strukturen, fließende Übergänge, scharfe Kontraste, Innenansichten kristalliner Körper, verfremdete Landschaften, Anklänge an Lebendigkeit. In der vorigen Ausgabe verriet Werner, dass ihn an Christopher Alexanders Mustersprache ein »instinktives Empfinden für Lebendigkeit« berühre. Das ist es auch, was Werner zu seinen Motiven führt: »An Stadtplänen orientiere ich mich schon lange nicht mehr, sondern ich folge intuitiv Orten, zu denen es mich hinzieht.« Seine Bilder sind eine Form von Ernte, die er auf seinen Reisen einbringt. Andere Ernten sind turmhoch gestapelte Unterschriftenlisten, wieder andere die Impulse, die Werner und seine Mitfahrerinnen und Mitfahrer in die Menschen säen, denen sie unterwegs begegnen.
»Inzwischen bin ich regelrecht aller­gisch gegen Diskussionen«, erklärte er, als wir an einem Spätsommerabend unter der großen Birke in Klein Jasedow saßen. »Der Austausch von Argumenten kommt mir so unproduktiv vor, dass mein ganzes Ausdrucksvermögen in die Bilder einfließt.« Das sollte nun nicht als Bekenntnis zum Postfaktischen missverstanden werden – ­Werner ist Aufklärer im besten Sinn. »Die Gespräche vor dem Omnibus haben jedoch eine andere Qualität, weil ich Menschen nicht in Kategorien einteile, sondern mich gerne überraschen lasse und Menschen grundsätzlich aus einer friedfertigen Haltung heraus begegne.«
Am darauffolgenden Abend brachte Werner einen Stapel großformatiger Morfos mit. Oya-Grafikerin Marlena Sang, Lara Mallien, Johannes Heimrath und ich sichteten Blatt für Blatt und wählten – spontan und instinktiv – die Bilder aus, zu denen wir besondere Resonanz spürten. Eine Auswahl dieser Auswahl ist auf den vorangegangenen Bildseiten zu sehen.

www.er-fahrungen.org

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