enkeltauglich leben
Titelthema

Mitdenken üben

Oya-Redakteurin Luisa Kleine sprach mit Tristan Marie Biallas ­darüber, wie binär gedachte Geschlechterstrukturen das Leben für Menschen erschweren, die dem nicht entsprechen.
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© Adina Schinauer

Bestimmte Strukturen in Gesellschaften westlicher Prägung erschöpfen manche Menschen mehr als andere. Viele Menschen erfahren alltäglich Gewalt durch soziale, medizinische oder juristische Strukturen, etwa weil sie nicht in ein Konzept passen, das nur Männer und Frauen vorsieht, die bei ihrer Geburt das richtige Geschlecht zugeordnet bekamen. Tristan Marie studiert mit Oya-Redakteurin Luisa Kleine an der Kunsthochschule, lebt in einer politischen Kommune in Kassel und ist ein »Maverique« – dieses Wort bezeichnet ein Geschlecht, welches in keiner Verbindung mit Männlichkeit oder Weiblichkeit steht. Es ist eines von vielen verschiedenen Geschlechtern, die nicht oder nicht nur Mann oder Frau sind. Weil diese Geschlechter so unbekannt sind, benutzt Tristan Marie im Alltag oft deren Sammelbegriff: nichtbinär. Ich spreche mit »nin« – das ist das Pronomen, das Tristan Marie für sich verwendet – am Telefon dar­über, welche Erfahrungen nin mit Erschöpfung gemacht hat und welche Strategien nin entwickelt hat, um damit umzugehen.
 

Luisa Kleine: Wie gehst du mit erschöpfenden gesellschaftlichen Strukturen um?  
Tristan Marie Biallas: Ich tue mich eigentlich schwer mit Erschöpfung, weil ich lieber in den vollen Widerstand gegen zerstörerische Strukturen gehen würde. Am ­anstrengendsten finde ich das Gefühl, gegen Windmühlen anzukämpfen, weil ich das, was mich erschöpft, nicht ändern kann, weil ich gar keine Worte dafür kenne oder es auch sonst in meiner Umgebung niemand anderes so wahrzunehmen scheint wie ich. Wenn man mich diskriminiert und ich das benennen kann, finde ich oft einen Weg, damit umzugehen. Wenn ich aber Sexismus oder Transfeindlichkeit erfahre und selbst gar nicht weiß, was das ist, weil niemand in meinem Umfeld darüber spricht, und ich die Ungerechtigkeit nicht benennen kann, erzeugt das eine subtile Erschöpfung, in der ich mich völlig machtlos fühle.

Hat sich das während deines Lebens verändert? 
Als junger Mensch habe ich, wie fast alle jungen Menschen, erfahren, nicht handlungsmächtig zu sein. Als ich dann als erwachsener Mensch galt, war das eine wichtige Erfahrung von Ermächtigung. Später machte ich ähnliche Erfahrungen, als ich benennen konnte, was los war, und begriff, was mich so auslaugte. Darüber mit anderen Betroffenen in einen Austausch zu kommen, in Runden zu sitzen, in denen ich nach meinem Pronomen gefragt werde, mich zu vernetzen, politisch aktiv zu werden und mich künstlerisch auszudrücken – das hat mich bestärkt und tut es noch.

Was sind Strategien, die du mit der Zeit entwickelt hast, um mit Diskriminierung umzugehen? 
Meine Lieblingsstrategie ist Humor. Manchmal merken Menschen dann selbst, wie absurd und eng die gesellschaftlichen Bilder sind, die wir von Geschlechtern haben. Leider habe ich oft nicht mehr genügend Leichtigkeit für Humor. Meine Strategien, mit diskriminierenden ­Situationen umzugehen, sind sehr unterschiedlich und davon abhängig, wie viel Kraft ich gerade habe. Im Alltag, wenn ich etwa an der Kasse als Frau aufgerufen werde, berichtige ich nicht jedes Mal die falsche Annahme und schlage vor, unbekannte Menschen als »Person« aufzurufen. Mittlerweile entscheide ich mich immer bewusster, an welchen Stellen ich Bildungsarbeit leisten und welche Räume ich betreten möchte. Dem Sterilisationsparadigma zum Beispiel möchte ich Information entgegensetzen. Manche denken, trans Personen und viele andere Menschen sollten sich nicht fortpflanzen. Bis 2011 wurden trans Menschen unter Zwang sterilisiert, und dieser Zwang steht auch heute noch im Gesetz, obwohl er der Verfassung widerspricht. Selbstbestimmte Familienplanung wird trans Personen auch erschwert, indem sie schlecht über ihre Möglichkeiten aufgeklärt oder ihnen medizinische Leistungen verweigert werden. Viele Jugendämter möchten trans Personen keine Kinder zur Pflege geben. Männer oder nichtbinäre Menschen, die Kinder gebären, und Frauen oder nicht­binäre Menschen, die Kinder zeugen, sind in unserem Gesetz nicht vorgesehen. Sie müssen ihre biologischen Kinder adoptieren oder werden mit falschem Namen und Geschlecht als Eltern eingetragen. Letzteres bedeutet: Sie können bei Kontrollen nicht beweisen, dass sie die rechtmäßigen Eltern sind. Im Kindergarten, in der Schule oder auf Reisen führt das zu Problemen. Viele Menschen wissen das alles nicht. Deswegen habe ich eine Broschüre gestaltet, die in einfachen Worten über selbstbestimmte Fami­lienplanung für inter, trans und behinderte Personen aufklärt.

In welchen Räumen bist du gerne? 
Ich habe keine Lust, mich ständig zu erklären und zu rechtfertigen. Wenn ich mit Menschen darüber diskutieren muss, ob es mehr als nur Männer und Frauen gibt, dann geht es ja letztlich darum, ob ich existieren darf. Außerdem möchte ich nicht die ganze Zeit nur über ein Thema sprechen und mich nur für dieses starkmachen, weil mich ja viele Themen gleichzeitig interessieren. Es ist auch erschöpfend für mich, mir immer wieder Räume zu erobern, in denen ich dann nicht sein kann, ohne verletzende Erfahrungen zu machen. Menschen, die mehr Privilegien haben, können diese nutzen, um Räume inklusiver zu gestalten. Ich versuche das auch. Nachdem ich »I’m a queerfeminist Cyborg – That’s okay« von Mika Murstein gelesen habe, haben befreundete Menschen mit Behinderung mir gespiegelt, dass es jetzt angenehmer für sie sei, mit mir zu sein. Über solche Fortschritte freue ich mich sehr, weil ich gern ein Mensch wäre, der sich solidarisch verhält. Darum finde ich es auch wichtig, zu lernen, weniger rassistisch zu sein. Das könnten wir sogar gemeinsam tun, indem wir mal kritisch über »Oya« als Zeitschriftentitel reflektieren.

Ja, darüber, was »Oya« bedeutet, und ob es kulturelle Aneignung ist, wenn wir als weiße Zeitschriftenmachende diesen ­Namen nutzen, tauschen wir uns immer wieder aus.
Wir studieren ja gemeinsam an der Kunsthochschule. Welche Rolle spielt Kunst für dich? Kunst ist für mich eine Ermächtigungsstrategie. Einerseits arbeite ich gern mit anderen Kunstschaffenden zusammen, kann mich mit diesen verbinden und austauschen. Andererseits ermöglicht mir Kunst, Formen für meine Fragen zu finden, bei denen es okay ist, keine Antworten zu bekommen und Fragen einfach Fragen sein zu lassen. Es ist mir auch wichtig, an die Öffentlichkeit zu treten, etwa durch eine Ausstellung ab September in Frankfurt, in der es um queere – also nicht den üblichen Bildern von Geschlecht und Sexualität folgende – und um kranke Körper geht. Die Ausstellung ist auch eine Möglichkeit, Menschen miteinander in Verbindung zu bringen und dadurch zu ermächtigen. Denn je vielschichtiger die Marginalisierung ist, die ich erlebe, desto schwieriger ist es auch, Menschen zu finden, die ähnliche Erfahrungen machen. Mit Vielschichtigkeit meine ich: Fast alle haben wir Merkmale, die in der Gesellschaft als »normal« gelten. Also ich bin etwa weiß, sehend, hörend, gehend, studierend und werde mal Geld oder Güter erben statt Schulden. Nichts davon ist wirklich normal, aber das sind krasse Vorteile für mein Leben, weil wir als Gesellschaft eine Welt gebaut haben, die jene Menschen am besten unterstützt, die diese Eigenschaften mit mir gemeinsam haben. Gleichzeitig besitzen fast alle Menschen Merkmale, die wir im Umgang miteinander nicht erwarten. Wenn Menschen eine normale Person beschreiben sollen, würden sie andere Eigenschaften nennen. Wenn viele Menschen nicht bedenken, wissen oder wollen, dass Personen mit bestimmten Eigenschaften Teil der Gesellschaft sind, entstehen daraus Nachteile oder Marginalisierungen für diese Personen. Diese verschiedenen Ebenen, auf denen Menschen Vor- und Nachteile erleben, sind eng miteinander verwoben. Sie beeinflussen einander die ganze Zeit und können gar nicht einzeln betrachtet werden. Meine Privilegien beziehe ich aus mehreren Ebenen gleichzeitig, und ich werde auf mehreren Ebenen gleichzeitig diskriminiert. Darum finde ich es so ermächtigend, mich mit Leuten auszutauschen, die Ähnliches erleben – und so wichtig, Personen zuzuhören, die andere Erfahrungen machen als ich!

Was können wir deiner Ansicht nach tun, damit trans Personen sich wohlfühlen? 
Ich denke, das Wichtigste ist eine lernbereite Haltung. Es ist nicht schlimm, wenn einem Fehler passieren, solange Kritik und Bedürfnisse ernstgenommen werden. Sie sind eine Chance, zu wachsen. Der Rest ist üben, trans Personen mitzudenken, in Sprache und Handlungen einzuschließen. Helfen können da ganz einfache Praktiken: Wer sich immer mit dem eigenen Namen und zusätzlich einem passenden Pronomen – sie, er, es, nin oder andere – vorstellt, signalisiert, dass das Gegenüber auch sein Pronomen nennen kann, ohne danach gleich Diskriminierung zu erleben. Gleichzeitig normalisiert das die Idee, dass wir Menschen nicht ansehen, ob und welches Pronomen sie für sich mögen. Wir könnten auch Toiletten neu beschildern: Sitzklo und Stehklo ersparen vielleicht uns allen Wartezeit, weil Toiletten nach Bedürfnis genutzt werden können, statt nach Geschlecht. An vielen Orten hätten dann auch Väter endlich Zugang zum Wickeltisch, und rollstuhlgerechte Klos wären nicht mehr die einzigen Toiletten ohne Geschlechtsangabe – kurzum: Davon hätten viele Menschen gleichzeitig Vorteile.

Das sind ja alles Dinge, die sich recht einfach umsetzen lassen. Vielen Dank für die Inspiration und das Gespräch! //

 

Mehr von und über Tristan Marie Biallas
www.tristanmariebiallas.de
Hier gibt es auch die im Interview erwähnte Broschüre »Selbst­bestimmte Familienplanung! Auch für inter, trans und behinderte Menschen. Gemeinsam tun wir etwas dafür.«

Sonst noch lesenswert
Akwaeke Emezi: Freshwater, Grove Atlantic, 2018
Linus Giese: Ich bin Linus – Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war, Rowohlt, 2020
Louie Läuger: Gender-Kram – Illustrationen und Stimmen zu Geschlecht, Unrast Verlag, 2020
Mika Murstein: I’m a Queerfeminist Cyborg – That’s okay – Gedankensammlung zu Anti/Ableismus, edition assemblage, 2018
 Tristan Marie empfiehlt, auch hier zu stöbern:
 transfabel.de.

 

Tristan Marie Biallas (32) ist Künstler_in und Aktivist_in und gestaltet Lernräume. In alltäglichen Fundstücken, Fachliteratur und fabelhaften Überlieferungen findet nin kollektive Ideen von Selbstermächtigung und Geschlecht. Diese überträgt nin in Zeichnungen, Texte und interaktive Formate.

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