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Titelthema

Kleine Flecken – Biotope der Hoffnung

Matthias Fersterer tauschte sich mit Susanne Fischer-Rizzi über Trauer und Verlust in Zeiten des ­Klimawandels aus – und über ­Chancen durch eingewanderte ­Bäume der Hoffnung.
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© Rani Goldwein

Matthias Fersterer: Susanne, ich möchte unser Gespräch mit einer Geschichte beginnen: Am Rand unseres Dorfs gibt es einen kleinen Tümpel. Das dem Dorf zugewandte Ufer nennen wir in der Klein Jasedower Gemeinschaft »Osterwasserplatz«, weil wir dort am Ostersonntag immer Wasser schöpfen, um dann schweigend durchs Dorf zu gehen und die Geburtsbäume unserer Kinder zu begießen. Dieser Gang verbindet uns mit dem Ort und den hier lebenden Menschen. Vergangenen Sommer entdeckte ich mit Schrecken, dass der Weiher komplett ausgetrocknet war. Über den Winter war wieder etwas Wasser nachgekommen, so dass wir unserem Osterritual nachgehen konnten, doch in diesem Sommer war das Bild noch dramatischer: Wo früher Wasser war, reichen mir jetzt Brennnesseln und Schilfgras bis zur Stirn. Während wir früher oft über die Wurzeln der am Ufer stehenden Bäume balancieren mussten, um unsere Krüge mit Wasser füllen zu können, liegen die Wurzelballen der alten Erlen inzwischen fast völlig frei. Der Grundwasserspiegel hat sich deutlich abgesenkt, der Wasserstand des angrenzenden Sees ist einen halben Meter tiefer als gewohnt. Es ist abzusehen, dass der Platz verlanden wird, dass Bäume umstürzen, dass Insekten und Amphibien, die nur an solchen Schwellen zwischen Feucht- und Trockengebieten leben können, das Paradies, das es bisher war, verlieren werden. Durch diese Entwicklung wurde das, was ich seit Jahren weiß, für mich körperlich erfahrbar: Unsere Lebenswelt verändert sich massiv innerhalb beobachtbarer Zeiträume! Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns auf einer tiefen Ebene daran anzupassen. Damit sind wir im Thema von Trauer und Verlust. 
­Susanne ­Fischer-Rizzi: Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie hier und heute authentische, zeitgemäße Rituale entstehen können, um sich so mit einem Ort zu verbinden. Bei der Arbeit an meinem Buch »Das Geheimnis deines Ortes« (siehe Seite 90) habe ich mich intensiv mit Beheimatung befasst. Dadurch habe ich gemerkt, wie stark wir durch die Globalisierung, die digitalen Medien und die industrielle Landwirtschaft von unserem eigenen Ort weggezogen wurden. Du hast schön beschrieben, wie ihr ­euren Ort als Anker verwendet und euch durch ein Ritual mit diesem rückverbindet. Bei vielen Menschen wurde diese Verbindung gekappt. Dabei ist ein solcher Ort, ein solcher »Weltmittelpunkt«, etwas sehr Kostbares! Diese Kostbarkeit des Orts führt dann auch zur Erfahrung der ganzen Welt, zu der dieser Ort gehört – denn die Welt besteht aus lauter kleinen Flecken, die im großen Netz des Lebendigen miteinander verbunden sind. Wie gehe ich mit der Trauer darüber um, dass viele solcher Flecken krank sind und verschwinden? Was mir Hoffnung gibt, ist, dass sie alle mitein­ander verbunden sind, und egal an welchem Ort ich etwas bewirke, es hat Auswirkungen auf alle anderen Flecken auf dieser Welt. Das ließe sich auch als vernetzte Biodiversität bezeichnen. Dennoch ist es wichtig, die Trauer, von der du gesprochen hast, zuzulassen und – wie es Bäume auch machen – darüber hinauszuwachsen. Ich empfinde tiefe Trauer, wenn ich sehe, wie die Wälder um mich herum sterben, oder eine alte Eiche (siehe Seite 35) und die sie umgebenden Bäume im hessischen Reinhardswald, die ich seit vierzig Jahren besuche, immer kränker werden. Es ist wichtig, diese Trauer wahrzunehmen. In der Psychologie gibt es dafür den Fachbegriff »Solastalgie«.

Ja, im Gegensatz zur »Nostalgie« beschreibt diese nicht die Sehnsucht nach einer räumlich oder zeitlich weit entfernten Heimat, sondern den Schmerz (griechisch algos) über das Verschwinden eines Trost (lateinisch sōlācium) spendenden Orts hier und jetzt. Zunehmend ungetröstete Individuen entwickeln Allergien, Depressionen und Zukunftsängste. Welche Wege, mit solcher Trauer umzugehen, hast du gefunden? 
Indem wir der Trauer Raum geben, können wir Kraft schöpfen, um etwas für unsere kleinen Flecken zu tun, an ihrer Regeneration zu arbeiten. Das ist oft ein Prozess zwischen Adaptation und Regeneration. Vor zehn Jahren dachten viele Menschen noch, wir könnten den Klimawandel aufhalten. Inzwischen ist klar, dass wir uns auch zum Teil anpassen müssen. Die Gründe für Depression und Trauer liegen nicht nur in uns, sondern auch in der uns umgebenden Landschaft. C. G. Jung schrieb einmal, dass unsere Psyche nichts anderes sei als die Psyche der Natur. In unseren Wäldern nehme ich nicht nur Zerstörung, sondern auch eine unglaubliche Regenerationskraft wahr. Wenn Monokulturwälder sterben und nicht sofort aufgeforstet werden, dann kommt gleich der Pionierwald nach: Birken, Holunder, Ebereschen, Weiden – diese regenerative Kraft stimmt mich hoffnungsvoll. Wenn die Psyche der Natur letztlich identisch mit meiner Psyche ist, dann gibt es auch irgend­wo in mir die regenerative Kraft des Pionierwalds, die einen Neuanfang schaffen kann. Angst und Verzweiflung entstehen im Kopf. Indem wir unsere eigene Leiblichkeit wiederentdecken, ­ehren und würdigen, können wir Angst und Depression zu Mut und Handlungsfähigkeit wandeln. Dabei können uns die Bäume viel lehren – sie stellen pure Leiblichkeit dar. Wenn ich ­einen Baum umarme, komme ich auch wieder in meinem eigenen Körper an.

Auch Anpassungsfähigkeit können sie uns lehren: Etwa die in Südosteuropa und Kleinasien heimische Silberlinde, die gegenwärtig als »Klimabaum« getestet wird: Ihr Laub hat eine weiße Unterseite. Bei zunehmender Sonneneinstrahlung kann sie ihre Blätter um 180 Grad drehen und so das Sonnenlicht reflektieren. Anders ist das Schicksal vieler heimischer Arten: Einer Simulation des Bayerischen Forstamts zufolge wird Bayern bei zunehmend ansteigenden Temperaturen um 2, 3, 4 Grad Celsius bald fast völlig entwaldet sein – nicht nur Flachwurzler, wie Tannen, Fichten, Kiefern, sondern auch Tiefwurzler, wie ­Buchen, Eichen, Birken, könnten dann nicht mehr gedeihen. Das sind alles Bäume, die eine wichtige Rolle in unserem kulturellen Gedächtnis, in unserem Sagen- und Mythenschatz spielen. Das führt nicht nur zu landschaftlicher, sondern auch zu seelischer Verwüstung. 
Das Beispiel der Silberlinde zeigt, dass wir von der mehr-als-menschlichen Welt lernen können – diese ist längst im Begriff, sich anzupassen! Neue Tiere, wie der Goldschakal, oder Pflanzen, wie der Götterbaum, die mit diesem extremeren Klima gut zurechtkommen, wandern bei uns ein. Inzwischen gibt es europaweit Versuche mit neuen Klimabäumen. Ich arbeite gerade an einem Buch mit dem Titel »Bäume der Hoffnung – Mensch und Bäume im Klimawandel«. Diese Bäume sind zum Teil wunderschön. Passend ausgewählt, schenken sie uns einen Zuwachs an Biodiversität, so dass ich mich fast schon auf sie freue! Mit ihnen bekommen wir neue Geschichten geschenkt, und neue Bäume können auch Anlass geben, neue Geschichten von Veränderung, Anpassung und Resilienz zu erzählen.

Was entgegnest du Menschen, die Angst vor »Überfremdung« durch die Einwanderung von Neophyten haben? 
Mancherorts wird ein regelrechter Krieg gegen eingewanderte Pflanzenarten geführt. Dabei wird von einem statischen Naturverständnis ausgegangen – doch Wälder sind in ständiger Veränderung! Mit einer passenden neuen Baumart erhöht sich die Baumvielfalt, und dar­aus können neue Überlebenschancen für die bisherigen heimischen Baumarten entstehen.

Was eine »heimische Art« ist, ist freilich relativ. Am Ende der letzten Eiszeit vor 12 000 Jahren war Mitteleuropa praktisch waldfrei, abgesehen von vereinzelten frostharten Birken- und Kiefernbeständen. Heute als »heimisch« geltende Arten sind also selbst irgendwann von anderswo eingewandert. Aber natürlich hat sich der zeitliche Faktor in der Ära des menschengemachten Artensterbens rapide beschleunigt. 
Ja. Hinzu kommt, dass vor den Eiszeiten viele der Klimabäume, die heute als »Neophythen« bezeichnet werden, ursprünglich Bewohner unserer Landschaft waren: Tulpenbaum, Gingko, Mammutbaum, Trompetenbaum, Blumenesche und viele andere Baumarten sind heute in unseren Breiten ausgestorben. Diese Bäume werden gegenwärtig hier wieder angesiedelt, da sie besonders hitze- und dürre­resistent sind.

Wie reagierst du persönlich auf sich verändernde Bedingungen? 
Im Inneren versuche ich, trotz des rasanten Wandels resilient und bei mir selbst zu bleiben. Im Äußeren bin ich politisch aktiv und unterstütze Basisbewegungen, um etwas gegen die fortschreitende Zerstörung der Natur zu tun. Andererseits versuche ich, über meine Bücher, meine Seminare und die sozialen Medien sowie hier im lokalen Kleinen vor Ort zu wirken. Es gibt mir Hoffnung, dass wir mit unserem Handeln auch an kleinen Flecken auf die gesamte Biodiversität, auf den Erhalt des Lebens als Ganzes einwirken können und dabei auch Selbstwirksamkeit erfahren. Dazu gibt es verschiedene inspirierende Ansätze: Der Biologe Douglas W. Tallamy schreibt in seinem Buch »Nature’s Best Hope« vom großen biosphärischen Wert von »Mikrobiotopen« und fordert: »Erklärt euer Gärtchen zum Nationalpark!« – Jedes Stückchen Garten kann eine Oase sein, in der Artenvielfalt überleben darf. Oder die durch den japanischen Biologen Akira Miyawaki begründete Tiny-Forest-Bewegung: Diese pflanzt inzwischen auch in Europas Großstädten Miniwäldchen mit einer unglaub­lichen Vielfalt an schnellwachsenden Bäumen. Vielleicht geht die Heilung der Erde von eben diesen kleinen Flecken mit großer ­regenerativer Kraft aus.

Am Bild der Mikrobiotope gefällt mir, dass auch ein kleiner ­Flecken große Wirkung haben kann. Auf Menschengemeinschaften übertragen, stimmt das hoffnungsfroh: Viele der Projekte und Initiativen, die wir in Oya vorstellen, sind klein. Aber dieses Bild setzt solche Beispiele in ein anderes Licht. Vielleicht werden diese Gemeinschaften und Bewegungen einmal zu den Samenkapseln gehören, die nach einem zivilisatorischen Kollaps Vielfalt säen. Das lässt sich freilich nicht planen. Hab herzlichen Dank für das Gespräch, Susanne! //


Susanne Fischer-Rizzi (68) ist Heilpraktikerin und Autorin.
Ihr Wissen gibt sie seit über 40 Jahren weiter, etwa in der von ihr gegründeten Bildungsstätte »Arven – Schule für Heilpflanzenkunde, Aromatherapie und Wildniswissen«. www.susanne-fischer-rizzi.de

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