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Warum haben wir eigentlich immer noch Kapitalismus?

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»Warum haben wir eigentlich immer noch Kapitalismus?« Dieser Titel von Hans Widmers (alias »p.m.«) neuestem Buch macht implizit Hoffnung auf eine zwischen den Deckeln zu findende, echte Alternative. Die Leserinnen und Leser – das sei hier gleich gesagt – werden wohl nicht enttäuscht.

Die letzte Oya-Ausgabe beschäftigte sich intensiv mit der Notwendigkeit, die Welt ganz anders zu visionieren – aber auch mit den Gefahren, die mit Utopien aller Art verbunden sind. Der Zürcher Autor p.m. zählt spätestens seit seiner 1983 erschienenen konkreten Utopie »bolo’bolo« zu den profiliertesten deutschsprachigen Utopisten. Auch seine Romane, Gesellschaftsspiele, Hörspiele und Theaterstücke weisen mehr oder weniger starke utopische Züge auf. Mit den konkreten Vorschlägen »Neustart Schweiz« (2008) und »Kartoffeln und Computer – Märkte durch Gemeinschaften ersetzen« (2012, siehe meine Rezension in Oya Ausgabe 17) hat p.m. begonnen, an der Vision einer »vernünftig«, commonisch funktionierenden Weltordnung (!) zu feilen, die die ökologischen Grenzen des Planeten beachtet und doch 4-Sterne-Wohlstand für alle bieten kann. »Warum haben wir eigentlich immer noch Kapitalismus?« ist der jüngste Ausdruck dieses Ringens um Stimmigkeit und Umsetzbarkeit. 

Im Kern von p.m.s Vision stehen die Abschaffung des derzeit herrschenden Arbeitsbegriffs sowie die Neustrukturierung der Welt auf fünf Ebenen bzw. mit fünf »Global-Modulen«. Während die »Glomos« 3 bis 5 vor allem politische Strukturen (4000 große Städte; 800 Territorien; 1 Welt) betreffen, geht es bei den lokalen Glomos 1 und 2 (16 Millionen Nachbarschaften; 400 000 Quartiere/kleine Städte) nicht zuletzt auch um bauliche Veränderungen an der basalen In-frastruktur des Wohnens, Zusammen-lebens und -arbeitens. Die ökologisch und sozial integrierten Nachbarschaften (Glomo 1) bedingen eine allgemeine Relokalisierung und weisen die folgenden Richtwerte auf: Lebensweise innerhalb der planetaren Belastungsgrenzen; etwa 500 Personen, demografisch gemischt; kompakte Gebäude; interne Hauswirtschaft; Mikrozentrum; Verknüpfung mit einer regionalen Landbasis von 60 bis 80 Hektar, wo die Nachbarschaft den größten Teil ihrer Nahrungsmittel selbst produziert; breite Palette an Wohnformen von Einzelzimmern über Familienwohnungen bis Wohngemeinschaften (die Privatsphäre bleibt gewahrt). Das Schöne: Der Autor rechnet vor, dass die Menschen in den reicheren Weltgegenden nicht darauf warten müssen, dass die Mächtigen ihnen diesen Umbau bezahlen; die Finanzierung ließe sich – die notwendige Einigkeit vorausgesetzt – aus eigener Kraft stemmen. Und mehr noch: Jedes Glomo 1 könnte zugleich den Aufbau einer Partner-Nachbarschaft in den derzeit noch arm gehaltenen Weltgegenden solidarisch mitfinanzieren, ohne dabei wesentlich an Lebensqualität einzubüßen. Um 16 Millionen neue Nachbarschaften für 8 Milliarden Menschen zu schaffen, wäre aber dennoch eine umfassende Neuverteilung der Ressourcen erforderlich.

Auf die Titel-Frage antwortet p.m. übrigens: »Weil wir uns nichts anderes vorstellen können. Weil wir uns nicht auf einen Vorschlag einigen können.« In Tübingen hat sich bereits eine stattliche Anzahl an Menschen geeinigt und den Bau einer Glomo-1-Nachbarschaft in die Wege geleitet (https://neustart-tuebingen.mtmedia.org); sie beziehen sich dabei auch auf zwei ähnlich gelagerte Projekte in Zürich, die »Kalkbreite« und das »Hunziker Areal«.

Ich würde es begrüßen, wenn die Vorschläge dieses Buchs insbesondere von den Menschen diskutiert würden, die sich mit der Theorie und Praxis von Commons/Commoning auseinandersetzen.


Warum haben wir eigentlich immer noch Kapitalismus?
Und andere Fragen.
p.m. (Hans Widmer)
Hirnkost, 2020
100 Seiten
ISBN 978-3948675134
14,00 Euro

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