enkeltauglich leben
Titelthema

Unsichtbares sichtbar machen

Das Frauenkollektiv von Nonguén besinnt sich mitten in der chilenischen Staatskrise darauf, für ihre nahe ­Umgebung im Stadtteil zu sorgen.von Mariel Starkgraff, erschienen in Ausgabe #61/2020
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© Mariel Starkgraff

In einer ruhigen Seitenstraße im Stadtteil Nonguén der zentralchilenischen Großstadt Concepción blättert ein drei Meter langes, sonnenverblichenes Plakat von einer Ziegelmauer: »Mujer Nonguenche, resiste!!!« (»Halte aus, Frau aus Nonguén« bzw.: »Leiste Widerstand!!!«) Es ist ein schwesterlicher Gruß des »Bloque de mujeres nonguenche«, eines Frauenkollektivs aus Nonguén. In Vorbereitung auf den Weltfrauentag am 8. März 2020 hatte sich der Bloque gegründet, inspiriert von den Protesten gegen die chilenische Regierung, die seit Oktober 2019 anhalten. 

Seit Beginn der Proteste wohne auch ich mit meiner Familie in Nonguén. Den Bloque de mujeres kenne ich durch meine Nachbarin Vicky Soto; unsere Kinder besuchen zusammen einen selbstorganisierten Kindergarten. Ich bin neugierig auf diese Gruppe starker Frauen. Vicky, die mich dort einführt, nennt ihre Mitstreiterinnen liebevoll »Cabras«, also »Ziegen« – es meint aber wohl eher so etwas wie »Kumpelinen«, jedenfalls spricht daraus eine wertschätzende Vertrautheit.

Die anderen Frauen vom Bloque lerne ich im Haus von Victoria Robles kennen. Die 40-Jährige lebt dort schon ihr ganzes Leben lang. Im vergangenen Frühjahr strich sie das Untergeschoß in einem kräftigen Violett, passend dazu trägt sie zwischen den schwarzen Haaren eine Strähne in dieser Farbe. Wir setzen uns unter die noch blattlose Pergola. Nach und nach trudeln die Frauen ein, am Ende sind es acht. Sie wollen an diesem Tag nicht nur miteinander sprechen, sondern anschließend aus Spenden Lebensmittelkisten packen: Reis, Milchpulver, Spülmittel – eine großzügige Grundausstattung für 19 Haushalte in der Nachbarschaft. 

»Der Bloque entstand durch die Notwendigkeit, uns als Frauen im Stadtteil zu organisieren«, erklärt Vicky Soto gleich zu Beginn. Zusammengeführt hat sie ein Unwohlsein mit der stereotypen Arbeitsteilung in ihrem Alltag, über das sie sich innerhalb der Gruppen gezielt austauschen. Befreundet waren die Frauen nicht von Anfang an; einige kannten sich nur vom Sehen. »Anfangs wusste ich ja gar nicht, wem ich vertrauen konnte«, erzählt Paula Fuentealba. Mit der Zeit merkten die Frauen, dass sie aufeinander zählen und gut zusammenarbeiten können – und dass es gut tut, sich in Räumen ohne Männer zu organisieren, sich nicht immer mit Rollenbildern auseinandersetzen zu müssen, sondern sich auf das Machen, das Durchführen von konkreten Aktionen -konzentrieren zu können.

Mit Frauengruppen aus der Gegend, die zu ähnlichen Themen arbeiten, ist der Bloque nur lose vernetzt. Für die Frauen ist es sinnvoller, sich auf die Problemstellungen in ihrem Stadtteil zu konzentrieren: »Es raubt mir Kräfte, mich immer nach außen zu orientieren – dann vergesse ich zu gucken, wie es meiner Nachbarin geht«, sagt Paula Fuentealba.

Schatten der Diktatur

Die chilenische Zivilgesellschaft erlebt seit einem Jahr ein gesellschaftliches »Aufwachen«. Nachbarschaftlicher Austausch und Selbstorganisation gewannen seither über all im Land an Bedeutung. Einige der Frauen waren anfangs in der neugegründeten, geschlechtergemischten asamblea territorial, der Stadtteilversammlung von Nonguén, aktiv. 

30 Jahre nach Ende der Diktatur wirft diese noch immer ihre Schatten in die Gegenwart: Die chilenische Verfassung stammt noch aus der Ära Pinochets. Sie fördert einen neoliberalen Geist, der seither Gesetze und Gerichtsurteile beeinflusst. Die Daseinsvorsorge ist vielfach privatisiert, viele Menschen sind verschuldet. Die Schere zwischen Arm und Reich macht in Chile seither einen ungemütlichen Spagat. Der große Knall entzündete sich im Oktober 2019 an einer Tariferhöhung der Metro in der Hauptstadt Santiago. Den Anfang machten – wie immer wieder in den vergangenen 15 Jahren – junge Menschen, die noch zur Schule gingen oder studierten, doch dieses Mal schlossen sich auch die Eltern und Großeltern an; im Oktober und November gingen im ganzen Land Hunderttausende auf die Straßen. Sie sangen »Chile despertó«, »Chile ist erwacht«, und forderten »dignidad«, »Würde«. Seit den 1970er Jahren hat es nicht mehr eine so breite Protestbewegung gegeben. Divers ist sie, aber geeint durch das Anliegen, Chile eine neue, zeitgemäße und sozial gerechte Verfassung zu geben.

Zusammenspiel der Gaben

Bei ihrem Treffen sind die Frauen alle auffällig gekleidet, tragen gemusterte Kleidung in kräftigen Farben, große Ohrringe oder silberne Nasenringe. In ihrem Auftreten spiegelt sich das Selbstbewusstsein jeder Einzelnen. Jede der zwölf Frauen, die zu den Aktiven des Kollektivs gehört, bringt ihre Talente und Interessen ein. Bei Vicky Soto, mit 45 Jahren die Älteste, sind das etwa Ruhe, Erfahrung und Reflexion. Victoria Robles hat einen Blick für Zahlen, bewahrt den Überblick und redet währenddessen fast ununterbrochen. Die beiden Paulas ähneln einander in ihrer reflektierten, akademischen Ausdrucksweise. Lolo Gonzáles prägt den künstlerischen Ausdruck. Zuverlässig und engagiert sind sie alle. »Wir sind sehr verschieden, aber verbündet in der Aktion«, sagt Paula Claret. »Eine Brutstätte für ganz diverse Widerspenstigkeit« nennt sie den Bloque. Ihr gefällt das Bodenständige, die enge Verflechtung mit dem »Territorio«, dem Stadtteil Nonguén. 

Das Gebiet umfasst die knapp 10 000 Menschen des Quartiers; Familien, Arbeiter, viele alte Menschen. Die Bezeichnung »Territorio« meint aber auch die Hügel, die das Tal umgeben; die immergrünen Wälder, den gleichnamigen Fluss, die Tiere, die hier leben. »Der Kampf der Frauen ist immer auch ein Kampf für das territorio, das Soziale des Menschen mit der Umwelt verbindend. Das ist eben Leben«, betont Paula Fuentealba. Sie glaubt, dass sie als Frauen eine besondere Sensibilisierung für diese Kämpfe spürten, weil sie es seien, die das Leben reproduzieren. Ein spezifisches Hauptanliegen hat das Kollektiv nicht: Als »la defensa de la vida« (»die Verteidigung des Lebens«) beschreiben die Frauen in der Runde ihre Motivation mit bemerkenswerter Einstimmigkeit.

Zur Verteidigung des Lebens gehört etwa, Unsichtbares sichtbar zu machen: die Armut, die es im Tal gibt, die Sorgearbeit, die jeden Tag geleistet wird, oder die Frauen, die auch hier bei Femiziden ums Leben gekommen sind. Mit ihren Aktionen – sie selbst nennen sie »Interventionen« – weisen sie auf Ungerechtigkeiten hin, wecken Erinnerungen und würdigen die Leidtragenden. Sie klagen damit Machtgefälle an: das Patriarchat, den Staat oder die Schere zwischen Arm und Reich.

Sie sind präsent an der Straßenecke mit Megafon, Gedenkkerzen, Pinseln oder lärmenden Kochtöpfen. Sie nehmen an Diskussionsrunden oder Solidaritätsaktionen teil – für Ernährungssouveränität oder gegen monokulturelle Forstplantagen. Sie sind wortgewandt, wütend und kämpferisch – und gleichzeitig hilfsbereit, warmherzig und respektvoll. Einmal wöchentlich gestaltet der Bloque eine Radiosendung im Lokalradio. Durch die Interviews mit ihren Nachbarinnen und Nachbarn wollen sie die Lokalidentität stärken.

Immer wieder tauchen in Nonguén bunte Wandbilder mit flotten Sprüchen auf, die die Hand-schrift des Bloque tragen. Mit dieser Vielfalt an Aktionsformen weben die Frauen ein Netz des Miteinanderkämpfens und Füreinandersorgens. Die Frauen vom Bloque wollen einen Raum für sororidad – für Schwesternschaft – bereitstellen, in dem Solidarität und Vertrauen unter Frauen gepflegt werden können; sie wollen Ansprechpartnerin und Schutzraum sein bei Fällen von familiärer Gewalt.

Schnell und spontan, wie Wasser

Die Corona-Krise verändert auch in Chile Alltagsleben und Begegnungsformen. Bildungsstätten, Bibliotheken, Nachbar-schaftszentren sind seit März geschlossen und der Bloque de mujeres nonguenche musste umlenken, sich anpassen. 

»Als Organisation sind wir wie Wasser, wir lesen die Realität und passen uns an – das ist das Gute, das wir durch die Pandemie gelernt haben«, sagt Paula Claret mit einem Augenzwinkern. Sie erlebe Frauen allgemein als anpassungsfähig, nicht starr an Vorhaben oder Formaten festhaltend. Vicky Soto ist sich da allerdings nicht so sicher: »Uns fiel es leicht, uns zu organisieren und als Gruppe zusammenzuarbeiten, weil es unter uns keine gibt, die ein großes Ego hat«; solche Dinge hingen mehr mit der jeweiligen Persönlichkeit zusammen, gar nicht so sehr mit dem Frausein.

Das Kollektiv hat auch keine explizite Sprecherin. Je nachdem, wer den Kontakt mit Radio, Zeitung oder anderen Gruppen jeweils hergestellt hat, spricht sich mit den anderen Frauen ab und vertritt den Bloque nach außen. »An einem Tag wird sich etwas ausgedacht, am nächsten Tag wird es gemacht«, beschreibt Lolo González die interne Organisationsweise. Wöchentlich treffen sie sich, dann werden Anfragen und Neuigkeiten ausgetauscht; ein formelles Plenum findet aber bisher nicht statt. Oft stehen oder sitzen sie im Kreis und reden so lange miteinander, bis sie sich einig sind.

Einige der Frauen haben Kinder. »In Chile ist es oft so: Wenn du als Frau ein Kind bekommen hast, dann bist du raus, dann wird von dir selbstverständlich erwartet, dass du zu Hause bleibst«, beschreibt Vicky Soto die Herausforderung, als Mutter auch noch politisch aktiv zu sein. Darum ist es ihr besonders wichtig, die Kinderbetreuung bei den Aktionen zu bedenken, oder Aktionen so zu gestalten, dass Kinder dabei spielerisch gut mitmachen können. Füreinander haben die Frauen ihren Raum der »sororidad«, der Schwesternschaft, offensichtlich bereits geschaffen.

Aber das ist ja gar nichts Neues

Unter dem Motto »alimentando la dignidad« (»die Würde [er-]nähren«) sammelte der Bloque Lebensmittelspenden und kochte den Winter über einmal wöchentlich für bis zu 100 Menschen eine warme Mahlzeit. Die Bekämpfung der Pandemie mittels Einschränkung der Bewegungsfreiheit verschärft prekäre Geldeinkommenssituationen. Die Lebenshaltungskosten sind relativ hoch, und viele Menschen haben schlicht kein Geld, wenn sie nicht raus auf die Straße gehen, um welches zu verdienen. »Das ist Armut, die teilweise super versteckt ist«, sagt Vicky Robles und erzählt vor allem von alten Menschen, die verwahrlost leben. Sie berichtet von einem Rentner, dessen Frau schizophren sei. Er pflegt sie und muss dazu noch lohnarbeiten gehen, weil die Pension lächerlich niedrig sei. Die Frauen vom Bloque hören sich um, nehmen Hinweise über solche Fälle entgegen und kümmern sich dann. Aus den Fällen werden Nachbarinnen und Nachbarn, sie bekommen ein Gesicht, einen Namen, eine Stimme.

An einem Markttag im Mai kochten sie den ersten Bohneneintopf. Von einigen Seiten hörten sie: »Aber das ist ja gar nichts Neues, was ihr macht!« Vicky Soto unterstreicht energisch: »Das stimmt, das ist wirklich gar nichts Neues. Wir Frauen lösen Probleme so. ›Nur das Volk hilft dem Volk‹, heißt es, und so haben wir immer schon überlebt.«

Nachbarschaftsküchen besitzen in Chile eine lange Tradition. Immer wieder haben in Krisenzeiten Frauen das Wenige, was sie hatten, in einen Topf geworfen und damit ganze Familien ernährt. Die Frauen vom Bloque übernehmen Verantwortung, wo der Staat blind oder ignorant wirkt. Mit freundlichem Pragmatismus versuchen sie, Menschen in ihrer Nachbarschaft das Gefühl zu geben, als Teil der Gesellschaft angesehen, gehört und respektiert zu werden. »In dieser Gesellschaft wurde uns nicht beigebracht, in Gemeinschaft zu leben, sondern Einzelperson zu sein: Du in deinem Haus mit deiner Arbeit … Nie hast du gehört: ›Komm, wir tun uns zusammen und organisieren etwas und verändern alles‹«, sagt Soledad Iturra. Sie selbst ändert jetzt ganz vieles. //



Mariel Starkgraff (29) lebt seit 2018 mit ihrer Familie in Chile. Straßenkunst und Bohneneintöpfe mag sie besonders gerne.


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