enkeltauglich leben
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Clanleben auf 8000 Kilometer Entfernung

Pyndaplin Massar vom Volk der indischen Khasi führt das Leben ihres Clans mitten in Sachsen fort.von Charlotte Selker, erschienen in Ausgabe #61/2020
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© MatriaVal e.V.

An einem Dienstagvormittag besuche ich Pyndaplin Massar in ihrem neuen Einfamilienhaus am Leipziger Stadtrand. Dort leben sie und ihr Partner Micha mit ihren drei Kindern. Im Garten wachsen Mangold, Tomaten und Kohl. »Nachts ist es laut wegen des Flughafens hier in der Nähe, aber sonst leben wir gerne hier«, sagt Pyndaplin, die mir Kräutertee einschenkt. Aufgewachsen ist die knapp 40-Jährige bei den Khasi, einem matriarchalen Stamm in Nordostindien, genauer in dem an Bangladesch grenzenden, kühlen und regenreichen Bundesstaat Meghalaya, auch genannt »Heimstätte der Wolken«, mit der Hauptstadt Shillong. »Wir haben fest vor, nach Indien zurückzuziehen«, sagt Pyndaplin. »Bisher war es aber für meinen Mann nur möglich, hier eine Arbeit als Informatiker zu finden«.

Sie kennt Micha, seitdem sie 16 Jahre alt ist. Die beiden hatten sich über die Filmemacherin Uscha Madeisky kennengelernt, mit der Pyndaplin immer noch im vertrauten Kontakt steht und die sie bei Problemen anruft. Neben Informatik hat Micha Indologie studiert und ist immer wieder nach Indien gereist. »Anfangs waren wir nur gute Brieffreunde, dann telefonierten wir oft und besuchten einander, bevor es näher wurde. Wir haben in -Indien geheiratet. Micha bekam aber nur ein Visum für ein Jahr.« 2001 kam Pyndaplin zum ersten Mal mit ihrer ältesten Schwester Ileen für einen Monat nach Deutschland, bis sie dann 2005 ganz übersiedelte. »Micha ist nicht typisch deutsch für mich«, schmunzelt Pyndaplin, »er begrüßt die Werte meiner Kultur.«

Matriarchat und Missverständnisse 

Einige Wochen vor unserem Treffen hatte ich einen queerfeministischen Diskussionsabend zum Thema »Ausstieg aus dem Patriarchat« im niedersächsischen Ökodorf Heckenbeck besucht, seit längerer Zeit schon sind mir feministische Bewegungen vertraut. -Pyndaplin eröffnet mir jedoch eine andere Perspektive auf die Frage nach einer Gesellschaft, in der sich alle auf Augenhöhe begegnen. Ihre Kultur ist nicht seit Jahrtausenden von patriarchalen Herrschaftsstrukturen bestimmt wie die meine. Bei den Khasi geht alles Zusammenleben von der mütterlichen Kraft aus. Unsere Begegnung wirft Fragen in mir auf: Wie leben Menschen einer Kultur, die sich nicht durch Machtgefälle auszeichnet? Wie gestaltet sich das Leben mit matriarchalen Werten am Leipziger Stadtrand? Keine matriarchale Kultur gleicht der anderen, dies zeigen eindrucksvoll Filmdokumentationen, in denen Frauen aus verschiedenen asiatischen matriarchalen Ethnien einander besuchen und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer Kulturen erleben. Pyndaplin widmet sich seit einigen Jahren der Vernetzung zwischen Matriarchaten. Sie sprach vor hunderten Gästen auf den Matriarchatskongressen 2008 in Karlsruhe und 2017 in Jena. Im Film »Die Töchter der sieben Hütten« porträtieren Uscha Madeisky und Klaus Werner ihren Familienclan. Immer wieder begegnet sie in Deutschland Vorurteilen gegenüber Matriarchaten. Bekannte meinen zum Beispiel, dass sie sich nicht für die Gleichberechtigung zwischen ihr und ihrem Mann einsetzte, weil sie in ihrer Familie das größere Sagen habe. »Es geht bei uns Khasi nicht um die Frauenherrschaft, sondern um das Gemeinsame und darum, Füreinander da zu sein«, betont Pyndaplin. »Es geht eben nicht um einen Rollentausch in Sachen Herrschaft. Wir kennen kaum Herrschaft.« Die Gemeinschaft und das Teilen sowie der familiäre Zusammenhalt und das gemeinsame Lösen von Problemen stehen für Pyndaplin im Vordergrund. »Ein Gefühl dafür zu haben, einander zu pflegen, zu helfen, zu unterstützen, anstatt in Konkurrenz zu leben«, das sei zentral in ihrer Kultur. In ihrem deutschen Alltag fällt ihr auf, dass es für viele Menschen nicht normal zu sein scheint, miteinander zu teilen. Viele kommen ihr »ich-bezogen« vor. Das merkt sie auch in Freundschaften, wo sie einen anderen Ton wahrnimmt, als sie es von ihrer Khasi-Familie kennt. Die eine Freundin sage der anderen nicht, wenn diese aus ihrer Sicht etwas falsch gemacht hat. »Sie erlauben es sich vielleicht nicht«, vermutet Pyndaplin. »Bei uns ist das gemeinsame Beraten innerhalb der Familie und unter Freuden sowie das Finden eines Konsens wichtig.«

Zwischen Leipzig und Meghalaya 

Pyndaplins Familie gleicht in vielen Zügen dem Bild einer typisch westlichen: Vater, Mutter und Kind leben zusammen. Viele tausend Kilometer trennen sie jedoch von ihrem Herkunftsclan. In den Khasi-Clans spielt jeweils die jüngste Tochter eine wichtige Rolle; hier ist das Pyndaplins 35-jährige Schwester Khamtilin. Die hütet den Besitz der Familie und ist da, wenn die Geschwister in Schwierigkeiten stecken. Mit den traditionellen Strukturen geht ihr Familienclan flexibel um, wie Pyndaplin erzählt: »Anders als es bei uns üblich ist, verbrachte mein leiblicher Vater auch die Tage mit uns. Für mich war es als eine der älteren Töchter selbstverständlich, auszuziehen. Meine Großmutter und meine Mutter sind gestorben. Meine Schwestern sowie Nichten und Neffen rufe ich fast jeden Tag an. Ich pflege auch Kontakt zu anderen Familienmitgliedern. Wir schreiben uns via Whatsapp über das alltägliche Leben. Und wir schicken ihnen Pakete mit Gummibärchen und Pudding zu besonderen Anlässen.« Es gebe auch immer wieder Konflikte, doch nie würde ein Familienmitglied ausgeschlossen. Wenn ein Kind studieren will, helfen alle in der Familie bei der Finanzierung. In der Schule in Shillong gibt es eigens ein Fach namens »Ethische Bildung«, in dem die Kinder gegenseitige Unterstützung und Hilfe sowie den respektvollen Umgang – besonders gegenüber älteren Menschen – erlernen. 

Pyndaplins achtjähriger Sohn Meban wird seit einem -Talentwettbewerb im Kindergarten musikalisch gefördert. Er bereitet sich gerade für eine Aufnahmeprüfung beim weltberühmten Thomaner-Chor vor. »Die Khasi-Kultur ist stark von Musik geprägt«, so Pyndaplin. »Wir lieben das Singen. Mein Vater hat sich selbst Gitarre und die Mundharmonika beigebracht.« Die 14-jährige Tochter Larissa besucht ein Gymnasium und liest gern Romane. Sie spricht auch die Sprache der Khasi und telefoniert oft mit ihren Cousinen und Cousins in Meghalaya. Die vierjährige Tochter Maya wurde mit Trisomie 21 geboren. Mit der Unterstützung ihrer Familie war es für Pyndaplin möglich, sie liebevoll und freudig zu empfangen. »Ich erlebe leider auch, dass Eltern sich für ihre Kinder schämen. Bei den Khasi gibt es einen offenen Umgang mit Behinderungen und eine Schulform, die alle einschließt. Mobbing gibt es selten.«

Pyndaplin hat in Mangalore Soziale Arbeit studiert und in Deutschland Ethnologie. In Leipzig arbeitet sie in einer Drogen-Beratungsstelle für Obdachlose. »Es fällt mir leicht, mit Menschen in Kontakt zu treten. In Indien habe ich eine ähnliche Arbeit mit alkoholabhängigen Menschen gemacht.« Sie versteht nicht, warum junge, erwachsene und alte Menschen hier so oft getrennt leben, denn da auf die jüngste Tochter bei den Khasi wie auch in anderen matriarchalen Völkern die Verantwortung der Großmutter übergeht, besteht dort ständiger Austausch zwischen den Generationen. »Wir kennen keine Altersheime«, sagt Pyndaplin, »die ganze Familie ist am Wohlergehen der Alten beteiligt.« 

Die ganze Welt ein Wald

Nicht nur für Pyndaplins Familie in Leipzig ist es eine Herausforderung, Wege zu finden, Khasi-Haltungen in ihren Alltag zu integrieren. Auch in ihrem Heimatort kämpfen die Familien gegen Bedrohungen. Heute sind 83 Prozent der Khasi zum Christentum konvertiert, was auch dazu führt, dass zunehmend Männer gegen das Mutterlinien-Erbrecht protestieren und Dorfgemeinschaften zersplittern. Als Kind war Pyndaplin immer wieder in den heiligen Wäldern und bei den Megalithen – etwa den »Nartiang Monolithen« in Meghalaya, wo Ahninnen und Naturgeister zu Hause sind. Auf der Naturreligion beruht die Sengh-Khasi-Bewegung, der auch die Familie Massar angehört und die den Anspruch erhebt, die ursprüngliche Khasi-Identität zu vertreten. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass die Frau unter anderem wegen der
Fähigkeit, verstorbene Ahnen wiederzugebären, geehrt wird, sowie durch Jahreskreisfeste, die oft einen Bezug zur Ernte haben. Pyndaplins Familie beteiligt sich immer wieder an Protesten
gegen Waldrodungen (vor allem für Braunkohleabbau), bei denen die heiligen Stätten zerstört werden. Von einem Freund aus Leipzig hat Pyndaplin von den geglückten Protesten in Pödelwitz im Leipziger Land erfahren und würde den Ort gern einmal besuchen. Viele Menschen ihrer Heimat achten auf den Erhalt der insgesamt über hundert heiligen Wälder in der Hand der Khasi-Clans; sie verhindern deren Verkauf und pflanzen Bäume. In den Wäldern zeigt sich ihr Blick auf die Welt. Mit der respektvollen Haltung, mit der die Khasi ihren Wäldern und den Menschen begegnen, lebt Pyndaplin den Spagat der Kulturen und Werte und tritt auf diese Weise ihren Kindern, den Menschen in der Beratungsstätte und ihren Nachbarinnen im Wohnviertel gegenüber. // 


Nebenan das Haus der Mutter

In den Khasi-Bergen im Nordosten Indiens leben die verschiedenen Khasi-Stämme in einer kargen, heute oft kahlen Berglandschaft. Ist es in der Trockenzeit unaufhörlicher Wind, der die Gegend prägt, so zeichnet sich die dortige Regenzeit durch eine der weltweit höchsten Niederschlagsmengen aus. Auf schlammigen Pisten sind unzählige Lastwagen unterwegs, die Steinkohle aus den oft familiengeführten Bergwerken transportieren. Umso wichtiger ist dies: »Bei jedem Dorf gibt es einen heiligen Hain, meist aus Eichen, wo kein Baum gefällt werden darf«, schreibt Heide Göttner-Abendroth. »Kha-si«, das heißt »von einer Mutter geboren«. Die matriarchalen Züge der Khasi zeigen sich unter anderem darin, dass Häuser und Land, die Nutzungsrechte und das Vermögen einer Großfamilie, in den Händen der Clanmutter liegen. Nach deren Tod übernimmt die jüngste Tochter die gesamte materielle Verantwortung. Ihre Funktion wird »Khadduh« genannt. Neben der ökonomischen hat sie auch eine sakrale Aufgabe: So organisiert sie etwa die oft monate- oder gar jahrelange Totenzeremonie für die Mutter. Neugegründete Familien siedeln in einem eigenem Garten und Wohnhaus ganz in der Nähe des Mutterhauses. So leben die Geschwister oft Tür an Tür. Die Familie bleibt im Haus der Mutter wohnen (»Matrilokalität«). Hat eine Frau keine Tochter, kann sie auch keine eigene Familie gründen; sie bleibt dann bei ihrer Mutter oder schließt sich einer Schwester und deren Kindern an. Bei den Khasi gibt es auch ein Konzept der Besuchsehe, in der der Partner nur nachts kommen darf. In Pyndaplins Clan leben Paare aber auch zusammen und pflegen täglichen Kontakt zu ihren Urspungsfamilien. Ehen können recht schnell geschieden werden, und so kommen Partnerwechsel häufig vor. Männer, besonders jeweils der älteste Mutterbruder, beraten sich bei den Khasi im »Durbar«, der Ratsversammlung, etwa über die Jagd oder Streits zwischen Clans, doch können sie nicht ohne die Frauen entscheiden. »Jede Durbar-Versammlung muss den Konsens der Frauen haben«, schreibt Heide Göttner-Abendroth; sie nennt die Khasi deshalb »familiale Konsensgesellschaft«. //


Lotte Selker (28) fühlt sich ihrer 98-jährigen Großmutter nah. Teile der matriarchalen Kultur der Khasi erinnern sie an ihre Cousine, die als Tochter den Hof und Betrieb ihrer Familie verwaltet. Zur Zeit lebt sie mit drei Frauen und gemeinsamer Kasse in Leipzig.



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