enkeltauglich leben
Gemeinschaft

Gemeinschafts­rubrik zwischen den Generationen

Der bisherige Redakteur der Gemein-schaftsseiten in Oya, Dieter Halbach,
und seine Nachfolgerin Luisa Kleine
befragten einander zu ihren Erfahrungen mit Gemeinschaft.
von Dieter Halbach, Luisa Kleine, erschienen in Ausgabe #61/2020
Photo
© Felix Bruns

Dieter Halbach  Luisa, woher kommt deine Sehnsucht nach Gemeinschaft? Wann hast du sie erstmals erfahren?

Luisa Kleine  Mir kommt das Bild in den Sinn, wie ich in der Küche meiner Oma unterm Tisch liege und spiele. Ich habe es schon als Kind genossen, wenn viele Menschen da waren, und erinnere mich noch gut an das Gefühl, zwischen vielen Bezugspersonen umherwuseln zu können. Dabei habe ich mich gleichzeitig ganz geborgen und auch frei gefühlt, weil so viele Menschen in unterschiedlicher Weise für mich da waren und ich auch machen konnte, was ich wollte. Meine Suche nach Gemeinschaft ist auch eine Suche nach diesem Gefühl. – Und wie ist das bei dir?

DH  Bei mir waren es auch meine Oma und mein Opa, eine riesige Tafel mit frischgebackenem Brot und Erdbeermarmelade, die mir dieses Gefühl in der Kindheit schenken konnten. Ich bin in einem noch in Trümmern liegenden Berlin allein mit meiner Mutter aufgewachsen. Meine erste Gemeinschaftserfahrung war das Leben in einer Kellerwohnung bei ande-ren Menschen, bei denen wir zu Gast waren, weil meine Mutter kein Geld hatte. Das habe ich als kleiner Junge total genossen. Der soziale Aufstieg mit dem Umzug in ein Hochhaus, in dem wir dann allein wohnten, war für mich als Kind ein Abstieg in die Isolation. Dann blieben mir noch die Ferien auf dem Land bei meinen Großeltern mit den Tieren und -einem großen Garten. – Wie ging es bei dir weiter?

LK  Ich habe schon früh mitbekommen, dass es andere Formen des Zusammenlebens gibt, und ich habe mich als Kind sogar über das Leben in unserer Kleinfamilie gewundert: Warum waren bei uns so wenige Menschen? Mein Onkel erzählte vom Kibbuz in Israel, in dem er aufgewachsen war, und wir waren öfters zu Besuch bei meiner Großtante im Kloster. Bei ihrer Herzlichkeit fühlte ich mich immer sehr wohl, und ich war beeindruckt von der Gemeinschaftlichkeit und Wärme dort. Als ich verkündete, ich wolle später auch mal so leben, erzählten mir meine Eltern, dass ich nicht in ein Kloster ziehen müsste, um gemeinschaftlich zu leben. 

Nach der Schule bin ich dann mit einer guten Freundin aufgebrochen und habe verschiedenste Gemeinschaften in ganz Europa besucht. Nach anderthalb Jahren des Reisens hatte ich Lust, tiefer in eine Gemeinschaft einzutauchen, und habe mir eine Gemeinschaft in Kassel gesucht, weil ich dort auch anfing, Kunst zu studieren. Dass ich mich dort in ein ganzes Nest aus Kommunen gesetzt hatte, war mir zunächst gar nicht bewusst, aber ich habe natürlich das große Becken an Erfahrung, Wissen, Kompetenzen und Werkzeugen sehr genossen. In den folgenden vier Jahren habe ich das Gemeinschaftsleben mit all seinen Höhen und Tiefen erfahren, wobei ich viel lernte. 2018 kam ich dann in den Lenkungskreis des deutschen Zweigs des Global Ecovillage Network (GEN). In diesem Zusammenhang habe ich noch viel mehr inspirierende Gemeinschaften und Menschen kennengelernt. Ich habe auch »NextGEN« mitgegründet, einen losen Zusammenschluss junger Menschen, die in Gemeinschaft aufwuchsen, dort leben oder sich dafür interessieren.

DH  Eine meiner ersten Gemeinschaftserfahrungen war ein dreimonatiges Schulpraktikum in einem Kibbuz in Israel. Die Zeiten damals waren insgesamt ganz anders; es lag viel Aufbruch in der Luft. Der revolutionäre »Flash« kam bis zu uns in die Schule. Teilweise habe ich mit Lehrern in einer WG gewohnt, oder wir haben Unterricht in besetzten Häusern gemacht. Ich bin schon während meiner Schulzeit in den Ferien durch die Lande getrampt und habe dann immer Gemeinschaften besucht. 

LH  Was hast du dort erlebt?

DH  Für mich war es wichtig, dort Vorbilder zu finden und von älteren Menschen willkommengeheißen zu werden. Ich erinnere mich noch gut daran, vormittags im Heu zu liegen und Marx zu lesen für die Abiturprüfung – über die Aufhebung der Trennung von Kopf- und Handarbeit – und dann nachmittags tatsächlich im Garten Unkraut zu jäten. Da kam ganz viel zusammen, was mich lebendig machte: Draußensein, politische Visionen, Anpacken, Fühlen und inspirierende Menschen.

Mir ist aufgefallen, Luisa, dass du dich ganz anders mit Gemeinschaft beschäftigst, als ich das in deinem Alter getan habe. In den Texten, die ich von dir gelesen habe, schreibst du auch über die schwierigen Seiten von Gemeinschaft. Damals waren wir in einer reinen Euphoriephase – und sind damit auch ziemlich auf die Nase gefallen. Was für ein Blick ist das, mit dem du Gemeinschaft wahrnimmst?

LK  Ich will alle Facetten verstehen und das Thema tief durchdringen. Dazu gehören für mich auch die Schattenseiten; Gemeinschaft ist ja nicht per se immer gut. Ich genieße es gleichermaßen, die Geschichten des Gelingens wie die des Scheiterns, zu hören. Und auch, wenn das manchmal schmerzvoll ist, halte ich es für essenziell, dass wir letztere erzählen, damit Fehler sich nicht wiederholen. Als ich durch Gemeinschaften gereist bin, habe ich viele Menschen kennengelernt, die mit diesem Lebensweg haderten, die desillusioniert waren oder wirklich schmerzhafte Erfahrungen in Gemeinschaft gemacht hatten. Ich werde immer misstrauisch, wenn Menschen Gemeinschaft als »die einfache Lösung« für alle Probleme darstellen, weil das die Komplexität und Widersprüchlichkeit unterschlägt – und gerade diese finde ich spannend.

DH  Ich glaube, die meisten von uns hatten damals gar kein Wissen darüber, wie Gemeinschaft gelingen kann. Das lag vor allem daran, dass es noch keine Werkzeuge der Kommunikation und Wahrnehmung gab. Es gab schon einige Vorläufer, aber das Besondere an den neuen Gemeinschaften war, dass sie nicht einfach zusammen einer Religion oder Politik gefolgt sind. Es gab daher keine äußere Form, die fest im Zentrum der Gemeinschaft stand, sondern eher eine leere und fragile Mitte, die menschlich von innen gefüllt werden musste. Dafür gab es früher gar keine Sprache und keine Räume, sondern nur eine Idee oder ein Konzept, dem dann gemeinsam hinterhergelaufen wurde. Ich gehöre zu dieser ersten Generation, die Gemeinschaft von innen heraus entwickelt hat, ohne Dogma und Tradition.

LK  Wann hast du verstanden, dass es das nötig ist?

DH Ich war erschüttert, dass ich, obwohl ich schon Gemeinschaften besucht und soziale Bewegungen aufgebaut hatte, mit meiner ersten Gemeinschaftsgründung so grandios gescheitert bin. Wir sind damals mit unseren Kindern, die nur wenige Wochen alt waren, nach Italien gegangen, um dort eine Selbstversorgungskommune zu gründen. Die Natur war wunderschön, und wir konnten uns auch selbst versorgen, aber als Gruppe hat es uns auseinander gesprengt, auch die Paarbeziehungen. Meine Schlussfolgerung daraus war, dass ich eine große Gemeinschaft wollte, damit die Kinder nach einer Trennung eine Heimat behalten können. Erst als wir dann nach Deutschland zurückkamen, lernten wir sozia-le Werkzeuge wie das »Forum« oder »gewaltfreie Kommunikation« kennen. Zu dieser Zeit war auch viel mehr möglich, weil die Mauer gefallen war und wir größere Projekte denken und uns mehr vernetzen konnten. 

LK  Wer war bei diesem Netzwerk damals dabei?

DH  Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir Anfang der 1990er Jahre zu einem Podium eingeladen waren, bei dem wir verschiedene Ansätze vertraten: die Kommune Niederkaufungen die linke Politik, das Ökodorf Sieben Linden die ökologische Lebensweise, das Zegg die freie Liebe und der Lebensgarten Steyerberg die Spiritualität. Auf dem Podium war das alles getrennt. Alle haben einander kritisiert. Danach gingen wir Pizza essen und fanden einander total spannend. Wir haben es genossen, einander zu erzählen, wie wir leben. Da ist bei mir die Idee des »Come together«-Netzwerks mit Sommercamps aller Gemeinschaften entstanden. 

LK  Diese Treffen stelle ich mir aufregend vor. Mich begeistern auch die Widersprüche im Wandel. Ich habe vielleicht ähnliche Veranstaltungen schon moderiert, zum Beispiel beim Camp »MOVE Utopia«. Auch dort waren ganz viele Menschen mit unterschiedlichsten Vorstellungen davon, welchen Wandel wir brauchen und wie dieser passiert, anwesend. In einem solchen Rahmen finde ich es besonders wertvoll, diese Perspektiven zusammenzubringen und wilde Mischungen aus Kräuterwanderungen, Herrschaftskritik, Allmendestrukturen und Partnermeditation zu brauen. Jemand hat mal gesagt, dass es auf jede schwierige und komplexe Frage eine einfache Antwort gibt, die falsch ist. Ich mag es, mich in verschiedenen Zusammenhängen zu bewegen und mit den verschiedenen Perspektiven zu spielen.

DH  Welche Fragen hast du denn noch zu Gemeinschaft? Und wie sieht das konkret in deinem Leben aus?

LK  Nachdem ich vier Jahre in der »Villa Locomuna« in Kassel gelebt habe, bin ich jetzt gerade mit elf weiteren Menschen dabei, eine Gemeinschaft bei Eschwege zu gründen. Dabei interessiert mich vor allem, wie ich das Wissen, das ich mit in den letzten Jahren angeeignet habe, auf andere Zusammenhänge übertragen kann: Wie kann man auch in Quartieren, Dörfern oder Kleinstädten Gemeinschaftlichkeit fördern, regenerative Kreisläufe kreieren und solidarische Strukturen aufbauen? Wir sind in eine alte Mühle am Rand einer Kleinstadt gezogen und versuchen, uns dort in der Region mit unseren Ideen einzubringen. Ich bin neugierig, ob Gemeinschaft auch als dezentrales Netzwerk kleinerer Gemeinschaften in einer Region, die in Vielfalt gemeinsam ausgerichtet sind, gedacht werden kann. Gibt es Wege, wo Gemeinschaft nicht wie ein Silo aussieht, bei dem es ein klares Drinnen und -Draußen gibt und alle bei allem mitmachen müssen? Wie könnte das -Leben in Gemeinschaft zu einem anschlussfähigeren Modell werden, in dem es mehrere Membranen und vielfältige Möglichkeiten gibt, um Teil zu sein?

Nach einigen Jahren in einer schon gut situierten Gemeinschaft, die seit 20 Jahren existiert, ist es nun spannend, in so einer jungen, experimentierfreudigen Gemeinschaft zu leben. Beides hat ganz unterschiedliche Qualitäten, und ich bin dankbar, beides gespürt haben zu dürfen. Gerade genieße ich die Verliebtheitsphase, die wohl viele Gemeinschaftsgründungsgruppen kennen. Jeden Tag probieren wir zusammen neue Sachen aus, es entstehen spontane Küchenpartys, wir sind neugierig aufeinander und auf die Welt, und wir lieben es, gemeinsam alles Mögliche zu lernen.

DH  Was sind die Themen, die du in die Rubrik einbringen willst?

LK  Als junger Mensch bin ich selbstverständlich daran interessiert, wie ein Generationenwechsel in den Gemeinschaften gelingen kann und wie Menschen aus verschiedenen Generationen gemeinsam in ihre Kraft kommen. Ähnlich wie dich, so interessiert es auch mich, wie Methoden aus Gemeinschaften in andere Kontexte eingebracht werden können. Für mich muss Gemeinschaft nicht per se bedeuten, dass privilegierte Leute aufs Land ziehen und in Kreisen sitzen. Gemeinschaftlichkeit hat viele Gesichter. Dann bewegt mich natürlich aus aktuellem Anlass die Zunahme von rechten Tendenzen in der ökologischen und auch in der Gemeinschaftsbewegung. Wo kommen diese Gemeinsamkeiten her und was können wir dagegen tun, außer nur dagegen zu sein?

In den letzten Jahren habe ich mich viel in aktivistischen Kreisen bewegt. Deshalb frage ich mich immer wieder, wie politisch Ökodörfer, Gemeinschaften und Kommunen sind und welche Rolle sie bei der gesellschaftlichen Transformation spielen. Dafür erscheint mir eine gesunde Verbindung von Theorie und Praxis essenziell – vor allem auch die Verbindung von innerem und äußerem Wandel.

DH  Ich bin gespannt, zu sehen, welche Geschichten in dieser -Rubrik in Zukunft erzählt werden!

LK  Ja, und ich hoffe, dass wir noch so manches Mal von dir in Oya lesen können, auch wenn du nun die Rubrik in meine Hände gibst. Danke für das Gespräch! //

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