enkeltauglich leben
Permakultur

Mit Mini-Wäldchen die Städte verändern

Eine gute Idee für lebenswertere, artenreichere Ballungszentren schickt sich an, die Metropolen der Welt zu erobern.von René Franz, erschienen in Ausgabe #61/2020
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© CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Wenn ich aus der Haustür meiner Wohnung in Frankfurt-Nied gehe, habe ich den 60 Hektar großen Niedwald in Gehweite. Für mich ist der Wald ein Ort der täglichen Entspannung und der Verbindung mit der Natur. Ein so großer Wald direkt in einer europäischen Metropole ist selten, denn in den meisten Städten gibt es außer ein paar sehr vom Menschen geprägten Parks keine wirklich naturnahen Orte.

Vor kurzem machte mich der Permakulturdesigner Harald Wedig auf eine neue Bewegung aufmerksam, die sich unter dem Namen »Tiny Forest« – also »winzige Wälder« – langsam weltweit verbreitet. Gerade jetzt, während ich an diesem Text schreibe, laufen unter seiner Federführung die Vorbereitungen für die Anlage eines solchen kleinen Walds in Darmstadt auf dem Gelände der -Firmenzentrale von Alnatura. Das ist ein Grund für mich, mehr über das Konzept und die Philosophie hinter der Bewegung in Erfahrung zu bringen – und hier darüber zu berichten.

Erfahrung aus Indien

Über einen Kontakt in Deutschland und einen großzügigen Sponsor wurde Harald in den indischen Bundesstaat Madhya Pradesh zu einem Workshop eingeladen. Es ging um die praktische Umsetzung eines Tiny Forests mit Shubhendu Sharma, einem der Gründerväter der Bewegung (Frauen scheinen an der Entwicklung des Konzepts nicht direkt beteiligt gewesen zu sein). Der Workshop fand im 1945 Quadratkilometer großen Kanha Nationalpark statt, in dem eine größere Population bengalischer Tiger lebt, von denen es weltweit nur noch etwa 2 800 Exemplare gibt. Die Landschaft ist geprägt von Grasland und Laubwald. 

Der Wald ist umgeben von indischen Dörfern, die auf althergebrachte Art und Weise Landwirtschaft ohne Maschinen betreiben und bei denen die Früchte des Wohlstands des indischen Kapitalismus noch nicht angekommen sind. Die Bewohner dieser Dörfer schlagen an den Waldrändern Holz für ihre Öfen, aber auch, um Holzkohle herzustellen, mit deren Verkauf sie ihren Lebensunterhalt aufbessern. Um diesem Umstand zu begegnen und ein Bewusstsein für den Wert des Walds jenseits der Brennholznutzung zu wecken,  lud der Workshop Menschen aus eben diesen Dörfern ein, um zu zeigen, welche positiven Auswirkungen die Neupflanzung von kleinen Wäldern auf die Umgebung und das Ökosystem hat. Später stießen weitere Menschen aus der Region dazu: Bewohner des Walds vom Volk der Baiga, die sich noch von der Jagd und vom Sammeln von Wildkräutern und Früchten ernähren und also von der Existenz des Walds abhängig sind. Der Workshop brachte also eine große Vielfalt von untereinander abhängigen Menschengruppen zusammen. Er fand in direkter Nähe eines Tagungshauses statt, das noch in der Kolonialzeit mitten im Wald errichtet worden war. Der neu angelegte Miniatur-Wald kann gewissermaßen als Ausgleich für die damals erfolgten Abholzungen betrachtet werden.

Die Anlage des Tiny Forest

Was ist aber nun ein Tiny Forest und wie wird ein solcher angelegt? Laut Definition aus dem Handbuch der Tiny-Forest-Pflanzmethode der niederländischen Organisation »IVN Natuureducatie« handelt es sich um einen dichten, schnell wachsenden Wald, der ungefähr so groß wie ein Tennisplatz ist – also mindestens zweihundert Quadratmeter einnimmt und von Schmetterlingen, Vögeln, Bienen und kleinen Säugetieren sowie Menschen besucht wird. In unseren Städten würde es sich – permakulturell ausgedrückt – um kleine, schnell wachsende und bewusst platzierte Wildniszonen handeln: festgelegte Bereiche also, die nicht von Menschen genutzt werden. Die Methodik einer solchen Anlage sorgt dafür, dass die Bäume schnell hochwachsen und nicht erst in der nächsten Generation zu einem Wald werden – innerhalb von nur fünf Jahren wächst ein Tiny Forest in gemäßigten Breiten mehr als mannshoch. Um den Bäumen dieses schnelle Wachstum zu ermöglichen, kommt schweres Gerät zum Einsatz. Mit Hilfe eines Baggers werden der Oberboden und ein Teil des Unterbodens abgetragen und je nach Bodentyp mit Kompost und weiterem organischem Material wie Stroh oder Laub vermischt. Das Ziel ist, den Setzlingen ein ideales Verhältnis von Wasser, Licht und Nährstoffen zur Verfügung zu stellen. Im Anschluss kommt die vermischte Erde wieder auf die Fläche, wird mit drei bis vier Setzlingen pro Quadratmeter bepflanzt und mindestens fünfzehn Zentimeter dick gemulcht, also mit Laub und Stroh oder anderem organischen Material abgedeckt. Der Artenreichtum eines Tiny Forest ist beachtlich: Mindestens 36 verschiedene Pflanzen kann man in ihm antreffen, darunter Bäume, Sträucher und Stauden für die verschiedenen Ebenen des Walds. Die einzelnen Arten werden in einer vorab durchgeführten Beobachtung der Umgebung des geplanten Standorts kartiert und bestimmt, denn im Tiny Forest sollen möglichst standort-angepasste und einheimische Arten gepflanzt werden. Die große Artenvielfalt sorgt für eine hohe Resilienz des Biotops und macht es attraktiv für wilde Tiere und Insekten. So entsteht innerhalb kürzester Zeit eine kleine Wildniszone, die wir Menschen beobachten und neben der wir entspannen können. Ein Zaun ringsherum sorgt dafür, dass die Fläche auch tatsächlich Flora und Fauna vorbehalten bleibt. 

Apropos Menschen: Ein Tiny Forest sollte in unmittelbarer Nachbarschaft auch einen bewusst gestalteten Ort – etwa eine Wiese mit ein paar Holzbänken – für uns Menschen bereithalten! Dieser Platz kann beispielsweise als Outdoor-Klassenzimmer dienen, um Umweltbildung ganz früh zu vermitteln und die Verbindung der Kinder zur Natur zu fördern. Zusätzlich soll die Wiese am Tiny Forest auch ein Ort der sozialen Begegnung, ein Treffpunkt für die Anwohner und Kinder in der Nachbarschaft sein. 

Wilde Natur in der Stadt – gut für Mensch und Tier

Was ist aber eigentlich das Besondere am Tiny Forest? In den meisten Großstädten gibt es doch schon viele Parkanlagen oder sogar Urban-Gardening-Projekte, die genau diesen Zweck erfüllen? Der entscheidende Unterschied liegt in der Vielfalt und der Dichte der Bäume, denn beim Urban Gardening werden nur wenige oder gar keine Gehölze eingesetzt und auch in Parks wachsen sie meist nicht in einer solchen Dichte, dass von einem »Wald« gesprochen werden kann. Im Tiny Forest sind es aber so viele Bäume, dass ihre Fähigkeiten deutlicher zum Tragen kommen. Da wäre zum Beispiel der Kühlungseffekt: Ein einzelner Baum hat eine Kühlleistung von zehn Standard-Klimaanlagen. Ein erwachsener Baum kann laut IVN Natuureducatie bis zu 8000 Liter Wasser speichern und über seine Lebensdauer den Feinstaub und die CO2-Emissionen von 10 000 gefahrenen Kilometern eines durchschnittlichen Autos binden. Da in einem Tiny Forest von der Größe eines Tennisfelds 600 Bäume Platz finden, wird das Stadtklima im Umfeld deutlich verbessert. Und was ein kleiner Wald schafft, schafft ein Netzwerk von in der Stadt verteilten Tiny Forests noch viel besser …

Durch die große Artenvielfalt und die Mindestgröße, die nicht von Wegen unterbrochen werden darf, zieht der Wald eine große Anzahl von Insekten und Tieren an, die hier einen Lebensraum finden. Für uns Menschen hat der regelmäßige Besuch natur-
naher Orte psychische Vorteile: Aufenthalte in der Natur verringern den Stress, den unser Gehirn in der Stadt erzeugt, und fördern laut einer Studie aus dem Journal of Environmental Psychology die allgemeine Konzentrationsfähigkeit. Je mehr wir in die Natur gehen, desto höher wird unsere durchschnittliche Lebenserwartung und desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit für stressbedingte Erkrankungen wie Depression, Burnout, Schizophrenie oder hohen Blutdruck. Diese Liste ließe sich noch um einige positive Aspekte erweitern, aber ich belasse es bei meiner eigenen Erfahrung: Wenn ich regelmäßig in den Wald gehe, fühle ich mich wesentlich ausgeglichener in meinem Alltag. Ich habe weniger Schwierigkeiten, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, und kann auch in stressigen Situationen ruhiger und gelassener agieren als ohne diese Ausflüge.

Tiny Forests sind eine großartige Möglichkeit, städtisches Klima zu verbessern und der Wildnis wieder einen Platz in einer stark von Menschen beeinflussten Landschaft zu geben. In den nächsten Monaten wird der erste städtische Miniwald Deutschlands auf dem Gelände des Biolebensmittel-Konzerns Alnatura entstehen. Harald Wedig und ich begleiten dieses Projekt, das schon jetzt in die Umgebung ausstrahlt: Die Stadtverordnung Darmstadt hat beschlossen, die Anlage weiterer Tiny Forests im Stadtgebiet zu unterstützen.  //


René Franz (25) ist Permakulturdesigner in Ausbildung und Kursleiter. Über seine Lernerfahrungen schreibt er auf dem gemeinschaftlich betriebenen permakulturblog.de


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