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Die Welt wieder verzaubern (Buchbesprechung)

von Timo Ollech, erschienen in Ausgabe #61/2020
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Beim oberflächen Lesen so mancher Beiträge über Commons/Gemeinschaffen in der Oya könnte der Eindruck entstehen, dass es sich dabei um ein nettes Hobby für privilegierte Menschen handelt, die nicht einen Großteil ihrer Lebenszeit für ihren Lebensunterhalt im Kapitalismus aufwenden müssen.

Silvia Federici macht in ihrem Buch deutlich, dass dem nicht so ist: Commons sind für sie ein wesentliches Element bei den Bemühungen«, den Kapitalismus und das Patriarchat aufzuheben. Der Titel »Die Welt wieder verzaubern« ist erstaunlich materialistisch gemeint. Es geht ihr damit um »die Möglichkeit, die kollektive Entscheidungsgewalt über unser Schicksal auf diesem Planeten wiederzugewinnen«.

In dieser Ausrichtung folgt sie ganz der marxistischen Tradition. Ich fand es sehr erfrischend, wie selbstverständlich sie immer wieder von der Kapitalistenklasse und von Klassenkämpfen schreibt. Das wirkt in ihrem Kontext gar nicht anachronistisch, sondern sehr aktuell. Dabei sieht sie durchaus, wo Marx in seiner Zeit gefangen war, und wo seine Schwächen und blinden Flecken liegen. Sie stellt sozusagen Marx auf feministische Art vom Kopf auf die Füße.

Eine zentrale Rolle spielt dabei der Bereich der Reproduktions- bzw. Sorgearbeit, die traditionell vor allem von Frauen geleistet und noch immer schlecht bis gar nicht bezahlt wird. Ohne diese Sorgearbeit könnte der Kapitalismus aber gar nicht funktionieren! Es handelt sich um den Kernbereich des Lebens, deshalb müssten nachhaltige politische Kämpfe von dort ausgehen. Den Alltag gemeinschaffend zu gestalten, sei daher eine politische Praxis und sogar die Voraussetzung für politische Veränderungen im großen Maßstab. Federici berichtet dabei von der Zeit in den 1980er Jahren, als sie in Nigeria lebte. Dort weiden zum Beispiel Frauen ihre Kühe auf dem Universitäts-Campus und bauen Gemüse auf öffentlichen oder auch privaten Flächen an, ohne zuvor irgendjemanden um Erlaubnis gefragt zu haben.

Einen weiteren blinden Fleck von Marx betont sie ebenfalls: Der war ein richtiger (Mega-) Maschinenfan und betrachtete den Kapitalismus als eine notwendige Phase der Geschichte auf dem Weg zum Kommunismus. Dass er damit grundlegend falsch lag, steht für Silvia Federici außer Zweifel. Stärker als es bisher in Oya zur Sprache kam, betont sie die Kämpfe um die Commons. Denn die »ursprüngliche Akkumulation«, von der Marx sprach, findet fortwährend statt als immer wieder neue Einhegung der Allmende. Wesentliche Akteure dieser Einhegung sind heute der Internationale Währungsfond (IWF) und die Weltbank mit ihren »Strukturanpassungsprogrammen«. Deshalb ist Gemeinschaffen/Commoning eminent politisch und eben nicht nur ein privates Hobby von Privilegierten – ganz im Gegenteil: Silvia Federici schreibt sogar, dass in den »entwickelten« Ländern wie Deutschland die Chancen für einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel schlechter stehen als dort, wo sich der Kapitalismus und die Megamaschine noch nicht bis in den letzten Winkel ausgebreitet haben. 


Die Welt wieder verzaubern

Feminismus, Marxismus & Commons.

Silvia Federici 

Mandelbaum, 2020

300 Seiten

ISBN 978-3854766933

20,00 Euro

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