enkeltauglich leben
Titelthema

Reise ins Alte Europa

Eine Erkundung matriarchaler Spuren in Transsilvanien, inspiriert durch die Arbeit
der Archäomythologin Marija Gimbutas
von Susanne Fischer-Rizzi, erschienen in Ausgabe #62/2020
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© The Estate of Marija Gimbutas

Am 23. Januar 2021, dem Tag, an dem ich diesen Text schreibe, wäre der 100. Geburtstag der aus Litauen stammenden Archäologin und Anthropologin Marija Gimbutas (1921–1994). Ihre Arbeit hat mich vor ein paar Jahren zu einer Reise nach Rumänien, in die Landschaft der Göttin, inspiriert. Eigentlich begann diese Reise schon viel früher: Als Kind fand ich es beklemmend, von Krieg und Gewalt zu hören. In meinen Fantasiewelten herrschte Frieden. Menschen, Tiere und Pflanzen lebten wohlwollend und friedlich zusammen. Als junge Frau schloss ich mich der Friedensbewegung an und träumte wie in John Lennons Song »Imagine«: »Stell dir vor, alle Menschen lebten in Frieden. Stell dir vor, es gäbe keinen Besitz. Ich frage mich, ob du das kannst.« – Ja, das konnte ich. Doch diese Vorstellung stand in krassem Gegensatz zur Realität der Menschheitsgeschichte, die als endlose Abfolge von Kriegen und Herrschern erschien. Wenn ich friedliche Gesellschaften erwähnte, bekam ich oft zur Antwort: »Das gab es noch nie«, oder es wurde beflissen der griechische Philosoph Heraklit zitiert: »Der Krieg ist der Vater aller Dinge …«

Anfang der 1970er Jahre stieß ich auf die Bücher von Marija Gimbutas (siehe »Die Kraft der Vision«, Oya 61). Mein Herz hüpfte höher, als ich »Göttinnen und Götter im Alten Europa« und später »Die Sprache der Göttin« sowie »Die Zivilisation der Göttin« in Händen hielt. Diese Bücher schienen eine Botschaft aus dem Fantasieland meiner Kindheit zu enthalten. Doch die Berichte einer langen Friedenszeit in Europa waren keine Fantasie, sondern Realität: Wie Marija Gimbutas zeigte, hatte es eine langanhaltende Friedens-epoche auf meinem Heimatkontinent gegeben! Ich wollte mehr über diese Autorin und ihre Arbeit wissen.

Marija Gimbutas erforschte verschiedene Gruppen matriarchaler, egalitärer und friedlicher Kulturen, die von 7000 bis 2500 v. u. Z. im Schwarzmeerraum florierten. Sie prägte dafür den Begriff »Altes Europa«. Ihre Kindheit in Litauen prädestinierte sie für ihre späteren Forschungen. Sie war dort in eine reichhaltige und lebendige Volkstradition, bestehend aus Bräuchen, Liedern, Festen und Trachten, eingebunden. Gimbutas berichtete etwa von der in Litauen besonders auf dem Land noch lange verbreiteten Sitte, jeden Morgen die Erde zu küssen. In dieser Volkskultur waren ihr auch Abbildungen verschiedener Göttinnen aufgefallen, die die regenerierende Kraft der Natur und den Kreislauf von Tod und Wiedergeburt symbolisieren. 1944 musste sie ihre Heimat verlassen, floh mit ihrer Familie vor der Roten Armee nach Deutschland und emigrierte 1949 in die USA. Ab 1963 hatte sie an der University of California in Los Angeles bis zu ihrer Emeritierung 1989 einen Lehrstuhl als Professorin für Archäologie inne. Während dieser Zeit leitete sie fünf umfangreiche Ausgrabungsprojekte in Südosteuropa, die Erstaunliches zeigten: Man suchte vergebens nach Palästen, Residenzen von Eliten oder Verwaltungsgebäuden. Alle Häuser waren ungefähr gleich ausgestattet. Es handelte sich um die Überreste horizontaler Gesellschaften mit sorgendem Interesse. Die Siedlungen besaßen keine schützenden Befestigungen, keine Stadtmauern, man fand keinerlei Hinweise auf Gewalt, Krieg und Sklaverei. Die Menschen waren sesshaft und betrieben gärtnerische Landwirtschaft. Sie bewohnten große Häuser in matrilokal, matrilinear und egalitär strukturierten Gemeinschaften. Wie die Funde nahelegten, waren diese Gemeinschaften in einen Jahr-tausende währenden Frieden eingebettet.

Was war das Geheimnis dieser langen Friedenszeit? Marija Gimbutas zufolge ist ein Verständnis dieser Kulturen nur möglich, wenn das geistige Umfeld, aus dem heraus die archäologischen Funde entstanden waren, erfasst wird. Ein Schlüssel dazu ist die Kunst: An verschiedenen Stätten wurden rund 500 Göttinnenfigurinen gefunden – ein Hinweis darauf, dass Werte wie Mütterlichkeit, Empathie und sorgendes Interesse zentral für diese »Gesellschaften in Balance« waren. Die in vielfältigen Aspekten dargestellte Göttin war eine Metapher für die lebendige und heilige Erde selbst – sie war die Mutter des Friedens, nicht der Vater des Krieges.

Auf den Spuren einer Friedenskultur

Ich wollte diese Ausgrabungsstätten mit eigenen Augen sehen, um glauben zu können, dass mein Kindheitstraum wirklich einmal existiert hatte. Deshalb schloss ich mich 2018 einer Gruppe Interessierter um die Psychotherapeutin Rosmarie Kirschmann zu einer Studienreise nach Transsilvanien an, die von der aus Rumänien stammenden Tanztherapeutin und Theologin Ingemar Rohn organisiert wurde. In einem Kleinbus reisten wir vom siebenbürgischen Sibiu im Herzen Rumäniens gen Osten, durchquerten den Kaukasus in der spektakulären Bicaz-Kalksteinklamm, rumpelten über sandige Pisten zu Ausgrabungsstätten, besuchten archäologische Museen, tanzten auf Hochzeiten und Volksfesten und erreichten schließlich den »Schoß Europas«: das riesige Donaudelta. Wir besuchten Siedlungsstätten der Cucuteni-Kultur, wo wir von den Hügeln herab auf die Steppe blickten. Diese Orte hüllten mich in seltsame Vertrautheit. Sie gaben mir Raum, um mich in diese friedlichen Zeiten zurückzuträumen. Diese Kultur hat eine ganz besondere Keramikkunst hervorgebracht. Viele der verzierten Vasen, Schalen und anderen Gegenstände sind in dem Museum für Kunst, »Muzeul Cucuteni« in Piatra Neamț ausgestellt, einer Stadt am Rand der Steppe, in der Provinz Moldau. Es ist ein Tempel der Schönheit, der Anmut und der Lebensfreude. Noch nie habe ich in einem Museum so viel Gänsehaut, Freude und Entzücken verspürt.

Die Ornamentik der Keramikgegenstände berührt in einer fast sinnlich spürbaren Sprache der Schönheit: Tiere, Menschen, Pflanzen, Göttinnen und Götter vollführen einen kosmischen Tanz durch ineinander verschlungene Muster – Schlangen, Eier, Schmetterlinge, Wind, Wasser enthüllen das Geheimnis der Transformation und der zyklischen Wiederkehr. Viele dieser Formen erinnerten mich an die permakulturellen Gestaltungsmuster, die zum Anlegen von Gärten und Äckern empfohlen werden. Die Botschaft dieser Kunst erzählt von den Kreisläufen des Lebens, von der tiefen Verbundenheit mit allem Lebendigen. Ich drückte mir schier die Nase an den Vitrinen platt. Obwohl die Gegenstände viele tausend Jahre alt sind, spürte ich, wie mich dieser Wirbel buchstäblich erfasste und ich ein Teil des sich ständig wandelnden Lebenstanzes bin – diese Kunst ist eine Einladung, das Leben zu feiern! In einigen ausgestellten Tonamphoren befanden sich kleine, im Kreis sitzende Ton-figuren von Menschen und Göttinnen, die sich offenbar beratschlagten – diese »Kreiskultur« erinnerte mich an die Praktik des »Counseling«, einer Kommunikationsmethode, die viele Gemeinschaften als Werkzeug der friedvollen Kommunikation einsetzen.

Wie Marija Gimbutas’ Forschungen zeigen, begann ab dem 4. Jahrtausend v. u. Z. eine Patriarchisierung durch die Ausbreitung proto-indoeuropäischer kriegerischer Reitervölkern aus Zentralasien, die sie als »Kurgankultur« – nach den »Kurgan« genannten Fürsten-Hügelgräbern – zusammenfasste. Insbesondere unter männlichen Archäologen galt diese Theorie zunächst als umstritten. Sie konnte aber anhand von DNA-Analysen – so zum Beispiel im Rahmen einer Großstudie um den Populationsgenetiker David Reich von der Universität Harvard sowie dem Max Planck-Institut für Menschheits-geschichte – untermauert werden.

An ein friedliches Erbe anknüpfen

Doch auch ohne genetische Forschung lässt sich die gewaltsame Veränderung der friedlichen »Donauzivilisation« durch das Eindringen kriegerischer Reitervölker nachvollziehen: Im Museum für Geschichte und Archäologie, »Muzeul de Istorie și Arheologie«, in Piatra Neamț folgt man in 28 Ausstellungsräumen dem Verlauf der regionalen Geschichte. Von den anmutigen und lebensfrohen Objekten der mutterzentrierten Cucuteni-, Vinca- und Gumelnita-Kulturen führt der Weg zu den Artefakten der nachfolgenden Reiterkulturen: die Ornamente der Tonwaren werden flach und grob, es dominieren Artefakte wie Dolche, Messer, Waffen, vorwiegend aus Fürstengräbern.

Wir befinden uns gegenwärtig auf dem Höhepunkt einer zerstörerischen Kultur, die die Muster des Lebendigen missachtet und Werte wie Mütterlichkeit und die Fürsorge für das Lebendige hinter sich gelassen hat. »Wer küsst heute noch die Erde?«, fragte ich mich, nachdem ich von meinen Erkundungen ins Alte Europa zurückgekehrt war. Ich bin dankbar, dass ich durch Marija Gimbutas’ Forschung und durch meine Reise erfahren durfte, dass ein friedliches, gleichwürdiges Zusammenleben der Menschen nicht nur möglich ist, sondern jahrtausendelang praktiziert wurde. Ich glaube fest daran, dass wir – hier und heute – wieder an -dieses menschheitsgeschichtliche Erbe anknüpfen können! //


Weiterforschen

Interview mit Susanne Fischer-Rizzi zum 100. Geburtstag von Marija Gimbutas:
kurzelinks.de/8wjb

Vom 7. bis 9. Mai findet im Frauenmuseum Bonn das von der Autorin mitveranstaltete Symposium »An der Quelle des Weiblichen – Visionen für eine partnerschaftliche Kultur« statt. www.frauenmuseum.de


Susanne Fischer-Rizzi (69) ist Heilpraktikerin und Autorin. Seit über 40 Jahren arbeitet sie daran, indigenes europäisches Wissen in zeitgemäße Formen zu übersetzen. Sie leitet die von ihr gegründete Schule »Arven«. www.susanne-fischer-rizzi.de

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