enkeltauglich leben
Titelthema

Zusammen forschen, zusammen leben

Ein norditalienisches Forschungsprojekt mündet in die Gründung einer wahl­verwandten Gemeinschaft.von Andrea Fleckinger, Alessandra Piccoli, erschienen in Ausgabe #62/2020
Photo
© privat

Im Jahr 2019 haben wir im norditalienischen Trentino das Projekt »Creta« ins Leben gerufen. Wir möchten eine Gemeinschaft gründen, die an matriarchalen Prinzipien ausgerichtet ist. Mehr als 20 Frauen und Männer sind daran beteiligt. Die Initial-zündung ging von vier befreundeten Vereinen aus der Region, unter anderem von der Kinogruppe »Slowcinema«, aus.

Der Name Creta steht für: Costruzione paRtecipata di sociEtà egualiTArie (deutsch: Partizipativer Aufbau von egalitären Gesellschaften). Er erinnert zugleich an das kulturelle Erbe der Minoer auf Kreta – jener matriarchalen Gesellschaft Europas, die sich am längsten gegen die gewaltsamen Patriarchalisierungsprozesse zur Wehr setzen konnte und noch bis circa 1400 v. u. Z. wesentliche Züge einer egalitären Gesellschaft beibehielt. Unser Projekt wurde von der Provinz Trient finanziert und besteht auch nach seinem offiziellen Abschluss im Juli 2020 weiter.

Zuhören, Pflegen, Schenken

Eine wichtige Inspirationsquelle für dieses Projekt ist die moderne Matriarchatsforschung. In ihrem »Matriarchalen Manifest« schreibt Heide Göttner-Abendroth: »Matriarchate beruhen auf mütterlichen Werten: Nähren, Pflegen, Fürsorge, Mütterlichkeit, gegenseitige Unterstützung, Friedenssicherung durch Verhandeln.« Da solche Gesellschaften keine Umkehrung patriarchaler Verhältnisse sind, ist es uns wichtig, im Klaren darüber zu sein, dass ihr Aufbau und ihre Logik völlig verschiedenen, uns patriarchal erzogenen Menschen weitestgehend unbekannten, Prinzipien folgen. In einem ersten Schritt haben wir deshalb wichtige Prinzipien für unsere Zusammenarbeit festgelegt: Zuhören, Pflegen, Schenken, Interaktion, Verständnis, generationenübergreifende Beziehungen sowie Beziehungen zwischen den Geschlechtern auf gleicher Augenhöhe. Ein zentrales Anliegen war es, eine Form des Zusammenlebens zu finden, die sich keiner Stereotype bedienen muss. 

Nachdem diese elementaren Bausteine der Zusammenarbeit für alle klar waren, ging es in einem zweiten Schritt darum, das Wissen zu egalitären Gesellschaften zu vertiefen. Dazu wurden fünf Tagungen organisiert, an denen internationale Referentinnen und Referenten Grundbausteine matriarchaler Lebensweisen erläuterten und mit der Gruppe mögliche Strategien, Methoden und Techniken zur Umsetzung erarbeiteten. Wir sprachen mit Geneviève Vaughan über die Prinzipien der Schenkökonomie; dieses ökonomische System orientiert sich an der Mutter-Kind-Einheit als dem wohl elementarsten und gleichzeitig bedeutend-sten Modell des Schenkens. Die Autorin Luciana Percovich ging näher auf die urzeitlichen, matriarchalen Gesellschaften Europas ein und brachte uns die matriarchalen Ursprünge menschlichen Zusammenlebens näher. Xiong Yan und Saji Yodzhen, zwei Frauen vom Volk der Mosuo, sprachen gemeinsam mit der Filmemacherin Francesca Rosati Freeman und der Anthropologin Tami Blumenfield über ihre traditionelle Lebensweise in einer gegenwärtigen matriarchalen Gesellschaft. Mit dem Trainer Alexander Bisan arbeiteten wir an der systemischen Konsensfindung, einer Methode, mit der Entscheidungsfindung gewaltfrei und mit voller Akzeptanz von Diversität stattfinden kann. Zusammen mit Heide Göttner-Abendroth vertieften wir uns in matriarchale Gesellschaften der Gegenwart und Vergangenheit sowie in die notwendigen Grundsätze, auf denen jede matriarchale Gesellschaft aufbaut.

In der Experimentierphase

Nach Abschluss dieser gemeinsamen Studienphase näherten wir uns den Bedürfnissen und Wünschen der Einzelnen in unserer Gruppe. Zunächst wurde sie in einen Männer- und einen Frauenkreis aufgeteilt. Diese trafen sich jeweils drei Mal, um das neue Wissen zu reflektieren und zu fragen, was genau wir in unserem Zusammenleben auf der ökonomischen, politischen, sozialen und weltanschaulich-kulturellen Ebene verändern können. Ist das Modell der systemischen Konsensfindung für alle umsetzbar? Wie kann inmitten einer kapitalistischen Gesellschaft, von der alle Gruppenmitglieder abhängen, der Weg hin zur Schenkökonomie gegangen werden? Wie müsste sich das Zusammenleben verändern, um matriarchalen Grundsätzen gerecht zu werden?

Antworten wurden anschließend im großen Gemeinschaftskreis zusammen-getragen. Dabei legte sich die Gruppe darauf fest, das systemische Konsensprinzip für alle Entscheidungen anzuwenden und somit eng an das politische Modell matriarchaler Gesellschaften anzuknüpfen. Auch der Aufbau eines anderen Wirtschaftssystems, das sich an den Grundsätzen der Schenkökonomie orientiert, nahm Gestalt an: Jede und jeder Einzelne sollte sich mit der Frage beschäftigen, was sie oder er schenken kann. Es entstand eine Vielzahl unterschiedlicher Angebote: Obst und Gemüse aus eigenem Anbau, das allen in der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt wird, gegenseitige Hilfe bei der Betreuung von Kindern und alten Menschen, Gelddarlehen ohne Laufzeit oder naturtherapeutische Behandlungen. Mit Blick auf die weltanschaulich--kulturelle und spirituelle Ebene wünschten sich alle, in ihrem Alltag ganz bewusst die bestehenden Interdependenzen zwischen Mensch und Natur in den Vordergrund zu heben und dem Eingebundensein in ein größeres Ganzes ohne hierarchische Ordnung mehr Raum zu geben. Wir wollen acht Jahreskreisfeste gemeinsam feiern und uns selbst als Teil im zyklischen Verständnis des Lebens, als ein beständiges Werden und Vergehen begreifen. Parallel dazu beschäftigten sich der Frauen- und der Männerkreis jeweils damit, wie Übergangsriten für junge Erwachsene als Initiation für ihr Leben als mündige Erwachsene in der Gemeinschaft gestaltet werden können. Wir einigten uns auf eine Experimentierphase.

Während dieser drei Monate gab es immer wieder Gespräche und Interviews mit den Teilnehmenden; zudem wurde auch eine Befragung mittels Fragebogen durchgeführt, um zu verstehen, was genau dieser Findungsprozess für jede und jeden bedeutet. Die Erfahrungen der Einzelnen waren sehr unterschiedlich, zeigten jedoch insgesamt, dass die Experimentierphase positiv erlebt wurde. Mit Blick auf die ersten Schritte in Richtung einer Ökonomie des Schenkens sagte eine Teilnehmerin: »Was wir brauchen, steht uns zur Verfügung, es ist uns gegeben und es ist kostenlos.«

Dezentrale Wahlverwandtschaft

Obwohl das Projekt im Juli 2020 offiziell endete, bedeutet das nicht, dass sich die Gemeinschaft aufgelöst hat. Der Frauen- und der Männerkreis treffen sich weiterhin ein Mal im Monat. Die Gemeinschaft stellt sich konkret die Frage, wie ein Matri-Clan gegründet werden kann. Wir haben entschieden, uns am Prinzip der Wahlverwandtschaft zu orientieren. Wahlverwandtschaft bedeutet für uns eine Gemeinschaft aus Frauen und Männern, die ein Netzwerk bilden, das sich der gegenseitigen Fürsorge verpflichtet. Diese Wahlverwandtschaft »entsteht auf dem Boden einer spirituell-geistigen Übereinstimmung; durch sie wird ein symbolischer Clan gebildet, der mehr Verbindlichkeit hat als eine bloße Interessensgruppe«, wie es in Heide Göttner-Abendroths Manifest heißt.

Inzwischen arbeiten fünf Frauen und fünf Männer mit ihren neun Kindern daran, den Matri-Clan zu gründen. Obwohl sich alle Beteiligten darauf verständigt haben, behält jeder und jede Einzelne die Möglichkeit, dies sehr unterschiedlich auszugestalten. So möchten drei Familien ein gemeinsames Wohnprojekt starten und darin auch einen gemeinsamen Haushalt teilen. Die anderen beiden Familien möchten weiterhin individuell wohnen. Alle Familien leben aber in einem überschaubaren Radius von wenigen Kilometern Entfernung. Das Creta-Projekt steckt in vielen Punkten noch in den Kinderschuhen, ist aber zugleich auch ein Beispiel, wie inmitten einer destruktiven Gesellschaftsordnung Schritte in Richtung einer egalitären Gesellschaft gegangen werden können. // 


Alessandra Piccoli (40) erforscht solidarische Ökonomien, unter anderem an der Freien Universität Bozen. Die Ökofeministin lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern im Trentino.

Andrea Fleckinger (37) lebt mit ihren beiden Kindern in Südtirol. Sie ist Sozialarbeiterin, Doktorandin an der Freien Universität Bozen sowie an der Internationalen Akademie Hagia ausgebildete Referentin für moderne Matriarchatsforschung.

Die Inspiration von »Creta«
www.kurzelinks.de/manifesta
www.matriforum.com

weitere Artikel aus Ausgabe #62

Photo
von Uscha Madeisky

Mehr, als der Verstand begreifen kann

Lara Mallien  Uscha und Dagmar, wie seid ihr auf das Thema »Matriarchat« gekommen?Uscha Madeisky  Mitte der 1990er Jahre begleitete ich eine Frauenbildungsreise in die Türkei zur Ausgrabungsstätte Catal Hüyük, mit der Kamera. Die Ausgrabungen

Photo
von Matthias Fersterer

Die Wahrheit über Eva

Die Autoren von »Die Wahrheit über Eva« betreiben eine evolutionsbiologisch und sozialhistorisch fundierte Kritik der sozialen Ungleichheit zwischen Frauen und Männern. Diese führen sie im Wesentlichen auf die Sesshaftwerdung und das Aufkommen des Ackerbaus zurück,

Photo
von Luisa Kleine

In der Mitte steht eine Eckbank

Mein liebster Platz in meiner Gemeinschaft in der »Fuchsmühle« ist unsere Eckbank. Sie ist aus Eichenholz, und auf ihr liegen eigens für sie geschneiderte Sitzkissen mit blauen Karos. Die Bank steht in unserem geheizten Esszimmer. Wärmequelle ist ein weißer

Ausgabe #62
Matriarchale Fährten

Cover OYA-Ausgabe 62
ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion